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"Wir arbeiten an der Kapazitätsgrenze"

In ganz Sachsen melden die Krematorien eine Überlastung. Auch in Meißen ist die Lage angespannt.

Die Feierhalle des Meißner Krematoriums wird derzeit als Leichenhalle benutzt.
Die Feierhalle des Meißner Krematoriums wird derzeit als Leichenhalle benutzt. © Claudia Hübschmann

Meißen. Die Särge stapeln sich mannshoch. Temperatur etwas über dem Gefrierpunkt. Das ist die Lagerhalle für die Toten im Meißner Krematorium. Knapp 200 warten so auf ihre Einäscherung. Die schiere Menge bedrückt einen und macht die Leichenhalle kaum passierbar. Mit Kreide geschrieben, stehen die Namen der Toten auf den Holzsärgen. Einige sind dabei mit Plastikfolie umwickelt. „Das sind die Corona-Infizierten“, sagt Jörg Schaldach. Für den Krematoriumschef erschweren sie den Arbeitsalltag.

Der Geschäftsführer des Städtischen Bestattungswesen in Meißen dokumentiert jeden einzelnen Toten. Bei Jörg Schaldach kommen momentan zur Hälfte Corona-Infizierte und Nicht-Infizierte. Im Prinzip sterben genauso viele wie sonst im Dezember, plus die Corona-Toten, erzählt er. Dadurch verdoppeln sich bei ihm die Sterbefälle. Momentan sind etwa 180 Särge am Ort. An den Feiertagen vergangene Woche waren es fast doppelt so viele, sagt der Geschäftsführer. "Wir arbeiten an der Kapazitätsgrenze."

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Die Öfen laufen im Dauerbetrieb

Einige Särge muss das Bestattungsunternehmen deshalb auch in der Feierhalle lagern. Ein kirchenhoher Raum im Bauhausstil mit langgezogenen, bunten Glasfenstern und einem kunstvollen Mosaik dort, wo der Sarg sich absenkt, um zu den Öfen zu gelangen. Trauerfeiern sind wegen Corona hier gerade nicht möglich. Auch erkennbar an den Dutzenden Särgen, die in der Leichenhalle keinen Platz haben. Das sei Teil des Katastrophenplans im Krematorium, erklärt Jörg Schaldach. Die Feierhalle kann dafür heruntergekühlt werden.

Nüchtern betrachtet, bewegen die Mitarbeiter im Krematorium am Tag 24 Tonnen Leichen, erklärt der Geschäftsführer. Das Krematorium verbrennt zudem gerade monatlich 1.500 Tote. "2.000 wären das Maximum", so Jörg Schaldach. Er hoffe, dass sie das nicht erreichen. Denn dann würde er die Kapazitätsgrenze überschreiten. Damit das nicht passiert, arbeiten die etwa 20 Mitarbeiter im Krematorium im Dreischicht-System. Von Montag bis Sonntag von 0 bis 24 Uhr. Das war zuletzt während der Grippewelle Anfang 2018 notwendig. Damit das Krematorium dieses Pensum schaffe, gebe es viele Helfer, auf die Jörg Schaldach im Notfall wie jetzt zurückgreifen kann.

Außenansicht der Feierhalle im Bauhausstil, 1931 erbaut.
Außenansicht der Feierhalle im Bauhausstil, 1931 erbaut. © Claudia Hübschmann

Ruß und Rauch, so riecht es im Keller, in dem die zwei Öfen des Krematoriums stehen. Bei 930 Grad fährt am Dienstag ein Sarg auf Schienen ein. Die Wände des Ofens glühen so rot wie eine untergehende Sonne. Der Sarg fängt sofort an zu brennen, als er die Glut berührt. "Eigentlich ist der Ofen schon zu heiß", so Jörg Schaldach. Ein Symbol für die aktuelle Coronalage in ganz Sachsen, in der schon gefragt wurde, ob das Erzgebirge ein deutsches Bergamo ist. Aus der italienischen Stadt kamen Anfang des Jahres schockierende Bilder, von überforderten Krankenhäusern und vielen Corona-Toten. Mittlerweile sind in Deutschland mehr als 30.000 Menschen an und mit Corona gestorben, etwa 3.000 in Sachsen und mehr als 300 im Landkreis Meißen. Deshalb laufen die Öfen in Meißen im Dauerbetrieb.

Nach 21 Tagen stirbt ein Corona-Infizierter

Dabei müssen sie nicht ausgeschaltet werden, sie können durchgehend brennen. Jörg Schaldach hat selbst die zwei Öfen so umgebaut, dass sie sich nun in der Corona-Krise bewähren. Das Krematorium gibt es seit 1931. Die Öfen sind klassische Siemensöfen, die im 19. Jahrhundert in Dresden entwickelt wurden. Der studierte Verfahrenstechniker beschreibt die Qualität seiner Öfen so: "Deutsche Ingenieurskunst und russische Stabilität". Denn der Russlandfreund und -kenner, der als Hobby sowjetische Kriegsgräber pflegt, optimiert mit seinen Mitarbeitern regelmäßig die Öfen. Das ist auch einer der Gründe, warum ein Sarg nur etwa eine Dreiviertelstunde für die Verbrennung braucht.

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Nach seinem Studium kurz nach der Wende hatte er sich beim Krematorium in Meißen beworben. Seitdem sind schon eine viertel Million Tote verbrannt worden. Er dokumentiert jeden einzelnen Menschen, der zu ihm ins Krematorium kommt. Deswegen beobachtet er momentan, dass sich die höhere Corona-Sterblichkeit in Richtung Thüringen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg ausweitet. Wie sich die sächsische Lage in den nächsten Wochen noch weiterentwickelt, könne er nicht voraussagen. Er weiß nur: Im Durchschnitt sterben Corona-Infizierte mit schwerem Krankheitsverlauf nach 21 Tagen.

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