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"Brauchen die Solidarität der Mitarbeiter"

Die Gewerkschaft IG Metall fordert einen Tarifvertrag für das Kabelwerk Meißen. Jetzt spricht Geschäftsführer Lars Balzer ausführlich.

Sieht wirtschaftlich derzeit keinen Spielraum für Gehälter nach Tarif und verweist auf hohe Schulden: Kabelwerke-Chef Lars Balzer befürchtet schlimme Folgen bei weiteren Streiks in dem Meißner Betrieb.
Sieht wirtschaftlich derzeit keinen Spielraum für Gehälter nach Tarif und verweist auf hohe Schulden: Kabelwerke-Chef Lars Balzer befürchtet schlimme Folgen bei weiteren Streiks in dem Meißner Betrieb. © Claudia Hübschmann

Herr Balzer, sind Sie ein Gegner der Gewerkschaft?

Nein. Ich möchte behaupten, dass ich eine gesunde Einstellung zu Gewerkschaften habe. Ich frage mich, weshalb gerade das Kabelwerk Meißen ausgesucht wurde. In Sachsen sind nur zehn Prozent der Betriebe an einen Tarifvertrag gebunden. Wir sind also kein Einzelfall, sondern die Regel.

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Vielleicht liegt es daran, dass sie 2018 und 2019 Gewinne erwirtschaftet haben. Sollte davon die Belegschaft nicht profitieren? Seit Jahren wurden die Werte in der Lohntabelle nicht erhöht.

Der Schuldenstand der Kabelwerke Meißen Wilhelm Balzer GmbH liegt aktuell bei 20 Millionen Euro. Im Durchschnitt der vergangenen acht Jahre betrug der jährliche Verlust 1,45 Millionen Euro. Der Standort konnte nur durch Hilfe des Gesellschafters über Eigenkapitalerhöhungen gesichert werden. Diese Zahlen lassen keinen Spielraum für eine Tarifbindung zu. Trotzdem wurden seit 2018 bei rund 70 Mitarbeitern die Einkommen erhöht.

Wie kommen die roten Zahlen zustande?

Unser Unternehmen stellt Kabel und Leitungen für die Industrie in erster Linie aus den Branchen Maschinen- und Anlagenbau, Medizintechnik und E-Mobilität her. Vor allem der Maschinen- und Anlagenbau steckt seit 2019 in einer Krise. Gerade international gibt es Wettbewerber, welche die typischen Balzer-Produkte deutlich günstiger anbieten können. Trotzdem haben wir Grund optimistisch zu sein.

Inwiefern?

In den vergangenen acht Jahren haben wir in neue und bessere Produkte investiert. Aus den Bereichen Medizintechnik und E-Mobilität kommen Signale nach einer verstärkten Nachfrage. Der Gesellschafter hat zugesagt, in den nächsten Jahren vier Millionen Euro zu investieren, um das Werk nachhaltig und langfristig fit für die Zukunft zu machen. Wir beginnen jetzt die Früchte unserer Anstrengungen in der Vergangenheit zu ernten. Dafür brauchen wir aber weiterhin die Solidarität unserer sehr stabilen Mitarbeiterschaft – und keinen Streik.

Regelmäßig macht die Gewerkschaft mit Warnstreiks und anderen Aktionen massiv Druck vor dem Kabelwerk Balzer in Meißen.
Regelmäßig macht die Gewerkschaft mit Warnstreiks und anderen Aktionen massiv Druck vor dem Kabelwerk Balzer in Meißen. © Martin Skurt

Das heißt trotz der fehlenden Tarifbindung verzeichnen Sie wenig Fluktuation?

Ja. Das widerspricht auch der Argumentation der IG Metall und steht eher für ein gutes Betriebsklima. Unsere hundert gewerblichen Mitarbeiter haben eine durchschnittliche Betriebszugehörigkeit von 24 Jahren. Die Angestellten sind im Durchschnitt seit 15 Jahren bei Balzer dabei. Wir versuchen, jedes Jahr auszubilden, wenn sich geeignete Bewerber finden. Bislang funktionierte auch die Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat und im Wirtschaftsausschuss. Ich bin kein Freund von Geheimniskrämerei, sondern habe immer die Lage geschildert, wie sie ist, und das mit Zahlen belegt. Deshalb empfinde ich die Argumentation der Gewerkschaft teilweise als unredlich.

Wie meinen Sie das?

Da ist zum Beispiel von „fetten“ Gewinnen die Rede, die einfach nicht existieren. Es wird behauptet, ich würde mich hinter der Corona-Krise verstecken. Das stimmt ebenfalls nicht. Im Wirtschaftsausschuss wurde klar darauf verwiesen, dass die Schwierigkeiten der Maschinen- und Anlagenbauer schon Mitte vergangenen Jahres begonnen haben. Irreführend ist auch der Verweis auf volle Auftragsbücher. Darüber freuen wir uns natürlich. Gewinne lassen sich jedoch nur erwirtschaften, wenn wir diese Aufträge jetzt schnell und in hoher Qualität abarbeiten. Die Warnstreiks und anderen Aktionen helfen da nicht.

Welche Folgen haben die Aktionen der Gewerkschaft bislang für das Unternehmen?

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Produktionsausfälle bilden die eine Seite. Der massive öffentliche Druck über Facebook-Einträge, Pressemitteilungen oder Publikationen in der Gewerkschaftszeitung macht mir allerdings ebenfalls Sorgen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich der Gesellschafter, die Zulieferer und andere Geschäftspartner fragen, ob sich mit uns weiter eine zuverlässige Zusammenarbeit realisieren lässt. Wenn uns Aufträge wegbrechen oder Investitionen ausbleiben, existiert kaum noch ein Puffer, um die Folgen aufzufangen. Wir müssen alles dafür tun, damit es dem Kabelwerk Meißen nicht ergeht, wie Ditter Plastic oder Meißen Keramik.

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