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"Negative Dynamik bei Löhnen"

Die Vorsitzende der Linkspartei Katja Kipping verteidigt den Streik im Balzer-Kabelwerk Meißen.

Für die Bundesvorsitzende der Linkspartei Katja Kipping - hier bei einer Demonstration in Dresden - sind Tariflöhne eine Selbstverständlichkeit. Deshalb unterstützt sie die Meißner Kabelwerker.
Für die Bundesvorsitzende der Linkspartei Katja Kipping - hier bei einer Demonstration in Dresden - sind Tariflöhne eine Selbstverständlichkeit. Deshalb unterstützt sie die Meißner Kabelwerker. © ronaldbonss.com

Meißen. Es ist noch Dunkel am Dienstagmorgen als die streikenden Mitarbeiter des Balzer-Kabelwerkes in Meißen Besuch erhalten. Die Bundesvorsitzende der Linkspartei Katja Kipping hat auf dem Weg nach Berlin einen Abstecher eingelegt. Bevor sie dort an der Haushaltsdebatte teilnehmen wird, möchte sie den Metallern ihre Solidarität zeigen.

Seit Mitte Oktober setzt sich ein Teil der Belegschaft des Meißner Traditionsbetriebs für einen Tarifvertrag in dem Unternehmen ein. Regelmäßig unterstreicht die IG Metall mit Warnstreiks diese Forderung. "Nicht die Gewerkschaft hat sich den Betrieb ausgesucht. Sondern die Kollegen sind auf sie zugekommen", sagt Katja Kipping bei einem Gespräch in der Meißner SZ-Redaktion.

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Den Anspruch auf einen Tarifvertrag bezeichnet die Parteivorsitzende als "eine Selbstverständlichkeit". Geschäftsführer Lars Balzer wirft sie vor, sich jeglichen Gesprächen zu verweigern. Er wisse ja gar nicht, was genau gefordert werde. Deshalb könne er nicht behaupten, die Gewerkschaft ruiniere die Firma. Befremdlich findet die Bundespolitikerin, dass Balzer sich damit brüstet, seit 2018 bei rund 70 Mitarbeitern die Löhne erhöht zu haben. Dies sei in erster Linie dem Wirken des Betriebsrates zu verdanken, so die Parteivorsitzende. Zweifel meldet sie zudem bezüglich der Durchschnittsgehälter und Schulden an, die von dem Geschäftsführer zu verschiedenen Anlässen als Rechtfertigung für den 2017 gekündigten Tarif genannt werden. Auch um diese Punkte zu klären, befürworte sie direkte Gespräche. Die Verweigerungshaltung des Managements müsse ein Ende haben.

Mit regelmäßigen Warnstreiks verleiht die IG Metall ihrer Forderung nach einem Tarifvertrag für die Mitarbeiter des Kabelwerks Meißen Nachdruck.
Mit regelmäßigen Warnstreiks verleiht die IG Metall ihrer Forderung nach einem Tarifvertrag für die Mitarbeiter des Kabelwerks Meißen Nachdruck. © Martin Skurt

Den Arbeitskampf im Kabelwerk möchte die 42-Jährige in einen größeren Zusammenhang gestellt sehen. Sie erinnert an den Ausstand bei den Riesaer Teigwaren. 2019 wurde dort um einen Tarifvertrag gekämpft, mit mehrfachen Streiks, zähen Verhandlungen, gegenseitigen Vorwürfen. Vier Mitglieder der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststättenhatten hatten herausgefunden, dass ihre Kollegen beim Schwester-Unternehmen Albgold in Schwaben 800 Euro mehr als in Riesa verdienen - für die gleiche Arbeit. Das Riesaer Erfolgsrezept aus Sicht der Gewerkschaft: persönliche Ansprachen und "ein bisschen Schubsen und Drängeln". Mittlerweile ist der erste Tarifvertrag der Firmengeschichte unterschrieben: Die Mitarbeiter erhalten 100 bis 200 Euro mehr im Monat, Schichtzulagen, drei Tage mehr Urlaub, besseres Weihnachtsgeld.

Kipping bemerkt in Sachsen und den anderen ostdeutschen Bundesländern eine zunehmende Bereitschaft, sich gegen Lohndumping und schlechte Arbeitsbedingungen zu wehren. Die Arbeitnehmer ließen sich nicht länger alles gefallen, hätten die fadenscheinigen Ausreden vieler Arbeitgeber durchschaut. Zustände wie im Kabelwerk Meißen, wo seit acht Jahren die Werte in den Lohntabellen nicht mehr erhöht wurden, könnten schnell Nachahmer finden. Es entstehe eine negative Dynamik. Niedrige Löhne führten in Familien zu sozialen Problemen und mündeten letztendlich in Altersarmut, so die Linken-Politikerin.

20 Millionen Euro an Schulden angehäuft

Während die Gewerkschaft von "Sturheit des Geschäftsführers" spricht, verweist dieser darauf, dass sich die Kabelwerk Meißen Wilhelm Balzer GmbH seit langem in einer wirtschaftlich angespannten Lage befindet: Im Durchschnitt der vergangenen acht Jahre habe der jährliche Verlust 1,45 Millionen Euro betragen. Insgesamt seien trotz leichter Gewinne in den Jahren 2018 und 2019 Verluste in Summe von 11,7 Millionen Euro gemacht worden. Damit betrage der Schuldenstand aktuell rund 20 Millionen Euro. "Wir konnten das Unternehmen nur mit erheblicher finanzieller Unterstützung der Gesellschafter und mit einer großen Flexibilität der Beschäftigten am Laufen halten", sagt Geschäftsführer Lars Balzer. "Seit Jahren sichern die Gesellschafter mit Bankbürgschaften und Investitionen unser Werk in Meißen und die 140 Arbeitsplätze."

Die Streiks, so befürchtet Lars Balzer, könnten das Vertrauen von Kunden und Gesellschaftern in das Kabelwerk erschüttern: "Wir bewegen uns auf dünnem Eis - darunter lauert die eiskalte Insolvenz des Kabelwerks Meißen." Die Kabelwerk Meißen Wilhelm Balzer GmbH produziert Kabel und Leitungen für die Industrie vor allem aus den Branchen Maschinen- und Anlagenbau, Medizintechnik und E-Mobility. Mit diesen Produkten steht das Kabelwerk in einem sehr herausfordernden Marktumfeld. Das Unternehmen konkurriert mit Wettbewerbern im In- und Ausland. Vor allem international gibt es Wettbewerber, die diese Produkte deutlich günstiger anbieten können. Zu der schwierigen Marktlage tragen auch die aktuellen Entwicklungen in der Branche bei: Schon vor Corona steckte die Industrie in der Rezession.

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