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Ein unbezahlbares Gesellenstück

Nach über zehn Jahren hat die Traditionstischlerei Brendel in Meißen einen neuen Gesellen. Chef Lars Moschke verfolgt noch höhere Ziele.

Hat viel an seinem Gesellenstück getüftelt und über 120 Stunden Arbeit hineingesteckt: Tom Figas (19) von der Meißner Tischlerei Brendel sitzt auf seiner sehr speziellen Hobelbank.
Hat viel an seinem Gesellenstück getüftelt und über 120 Stunden Arbeit hineingesteckt: Tom Figas (19) von der Meißner Tischlerei Brendel sitzt auf seiner sehr speziellen Hobelbank. © Daniel Schäfer

Meißen. Wer Tom Figas reden hört, möchte ihm sein Gesellenstück am liebsten abkaufen. Doch schnell wird klar, diese Hobelbank ist unbezahlbar. "Ich hatte hier in der Meißner Tischlerei Brendel die Wahl, mir auszusuchen, womit ich bei der Prüfung antreten möchte", sagt der 19-Jährige. Er wollte etwas für sich schaffen, das er im weiteren Leben und Beruf ganz praktisch nutzen kann. Viele seiner Mit-Lehrlinge entschieden sich für Klassiker wie einen Schrank oder Schreibtisch. Figas dagegen für die Hobelbank.

Jetzt steht das massive Möbel vor ihm. Der Grundkörper ist aus dem harten Holz der Weißbuche gearbeitet. Amerikanischer Nussbaum sorgt für kontrastierende dunkle Effekte. Die Bank orientiert sich von Aufbau und Funktion her zwar an klassischen Vorbildern. Doch der junge Handwerker hat viel darüber nachgedacht, was sich noch verbessern lassen könnte. Der Werkzeugkasten beispielsweise ist so angebracht, dass er sich nicht mit den Knien daran stoßen kann. Mit wenigen Griffen lässt sich eine magnetische Tafel einsetzen, um darauf Entwürfe oder maßstäbliche Zeichnungen anzubringen. Eine Metallkonstruktion, welche die Bank zusammenhält, ist gänzlich unter Holz verschwunden.

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Für den Inhaber der Tischlerei Brendel auf der Zscheilaer Straße, Lars Moschke, stellt Tom Figas einen ganz besonderen Azubi dar. Seit 1998 ist der 19-Jährige der erste betriebseigene Geselle, welcher jetzt seine Ausbildung beendet. Gebraucht wird er. Das Meißner Unternehmen kann auf größere Werbung für sich verzichten. Sowohl bei den Firmen, als auch bei den Privatleuten gebe es sehr viele Stammkunden, so Moschke. Über Arbeit könne er sich nicht beklagen. Gleichzeitig allerdings gehe die Zahl der Betriebe in seiner Branche stetig zurück.

Wenn Moschke ein paar Jahre zurückdenkt und durchzählt, kommt er auf knapp ein Dutzend Tischlereien, die in Meißen und dem Umland existiert hätten. Oft waren dies typische Betriebe, wie Brendel mit einem sehr weitreichenden Angebot. Da werden Bauelemente ebenso gefertigt wie Möbel. Der Tischler wartet Türen und Fenster oder arbeitet sie auf. "Und wenn Frau Müller durch den Wind eine Scheibe kaputtgeht, setzen wir eine neue ein", so der Handwerker und Diplom-Designer.

Azubis fühlen sich zu Höherem berufen

Gerade aufgrund der großen Nachfrage sorgt sich der Meißner um den Nachwuchs. Die Statistik des Zentralverbandes des Handwerks spricht eine deutliche Sprache. Zwischen 2005 und 2020 ist die Zahl der Tischler-Lehrlinge in Sachsen von 925 auf 664 zurückgegangen. Der Freistaat folgt damit dem bundesweiten Negativtrend. Eine zweite Tabelle erweist sich ebenfalls als aufschlussreich. Die Zahl der Tischler-Azubis mit Abitur hat sich im gleichen Zeitraum sachsenweit versiebenfacht.

Die Folgen kennt Lars Moschke aus eigener Erfahrung. "Wenn Sie irgendwo auf eine größere Party gehen, werden Sie fast immer jemanden treffen, der mal Tischler gelernt hat", sagt er. Allerdings werde der Beruf oft als Sprungbrett genutzt, für weitere Qualifikationen wie die zum Inneneinrichter, Designer oder sonstige Karrieren im Baubereich. Moschke selbst hat einen Fachhochschulabschluss als Diplom-Designer. Im Interesse des eigenen Betriebes und der Kunden möchte er einem Nachwuchsmangel vorbeugen. Insgesamt drei Lehrlinge und ein BA-Student sind in diesem Jahr in seinem Meißner Team von rund 15 Kollegen beschäftigt.

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Die jungen Leute haben dem Unternehmer zufolge das Unternehmen selbst gefunden, nicht andersherum. Ein gutes Klima in der Belegschaft und im Betrieb spricht sich halt herum. "Mindestens ein Drittel unseres Tages verbringen wir auf Arbeit", sagt Moschke. Deshalb müsse der Job Freude bereiten, das Team funktionieren. Hinzu kommt bei Brendel eine große Vielfalt an Aufgaben. Die Palette erstreckt sich von Restaurierungsarbeiten in einem früheren Kaiserlichen Postamt in Chemnitz über den Ausbau eines Gästehauses in Dresden bis hin zum Treppenbau im Palais am Steinberg im Triebischtal. Beste Aussichten mithin, dass sich Tom Figas' Hobelbank schon bald in der Praxis bewähren darf.

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