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"Meißen hat fünf bis zehn Jahre Vorsprung"

Oberbürgermeister Olaf Raschke hat in der Nassau eine Baustelle besucht, welche die Baubranche revolutionieren könnte. Die Angelegenheit ist etwas glitschig.

Weit überkragendes Dach und eine klare Struktur, um Wasserschäden einzudämmen. Meißens Oberbürgermeister Olaf Raschke betrachtet das Modell eines revolutionären Lehmhauses.
Weit überkragendes Dach und eine klare Struktur, um Wasserschäden einzudämmen. Meißens Oberbürgermeister Olaf Raschke betrachtet das Modell eines revolutionären Lehmhauses. © Claudia Hübschmann

Meißen. Wer genau hinschaut, entdeckt die Besonderheit. Die Wände des bis zum zweiten Stockwerk herangewachsenen Wohnhauses oberhalb des Meißner Elbecenters sind sorgfältig in Baufolie eingepackt. Regen und Feuchtigkeit sollen möglichst ferngehalten werden.

Bei normalen keramischen Ziegeln wäre eine solche Vorsicht nicht nötig. Sie sind hart gebrannt und weisen das Wasser ab. Doch die in der Nassau verwendeten Ziegel fallen schon durch ihre hellbraune, ins Ocker gehende Farbe auf. Das hat einen guten Grund: Erstmals in Deutschland soll hier ein Haus mit tragenden Lehmziegelwänden entstehen. Damit ein kräftiger Regenguss das lösliche Material nicht zum Rutschen bringt, muss es abgedichtet werden.

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Meißens Oberbürgermeister Olaf Raschke (parteilos) bleibt es vorbehalten, auf der Modellbaustelle die Schlusssteine auf die Mauern zu setzen. Erbauer und Initiator Prof. Dr.-Ing. Wolfram Jäger nickt wohlgefällig. Der Rathauschef vermag mit einer Maurerkelle umzugehen. Um seine Zukunft muss einem nicht bange sein. Zur Grundsteinlegung war er verhindert. Jetzt ist er da. "Als wir von dieser speziellen Baustelle in der SZ gelesen haben, war für uns klar, dass wir hierher müssen", sagt die Leiterin des Bauverwaltungsamtes Inga Skambraks. Baudezernent Albrecht Herrmann begleitet sie.

Mehrgleisig fahren

Der Radebeuler Ingenieur Jäger verfolgt mit seinem Modellhaus in Meißen ein langfristiges Ziel: Er möchte praktisch beweisen, dass sich aus industriell gefertigten Lehmziegeln tragende Wände und schließlich ein ganzes Haus errichten lassen. Aber nicht nur das: Gleichzeitig könne sowohl bei der Produktion der Ziegel als auch bei einem späteren Rückbau des Gebäudes massiv Energie eingespart werden, so der Baufachmann. Nur auf diese Weise sei es aus seiner Sicht möglich, dass Deutschland die selbst gesteckten Klimaziele einhält.

Bei OB Raschke stößt er auf offene Ohren. "Es wird viel von nachhaltigem Bauen gesprochen, entscheidend ist doch aber, dass man es praktisch anpackt", sagt er. Die städtische Wohngesellschaft Seeg habe bereits verschiedene Projekte in dieser Richtung angegangen.

Die 15 neuen Reihenhäuser der Seeg am Albert-Mücke-Ring werden zum Beispiel von einer Fernwärmestation aus beheizt. Die begrünten Dächer sind so dimensioniert, dass sie Wasser speichern können. Hier sollen auch Erfahrungen des K2-Projektes der SEEG in der Zaschendorfer Straße, wo es an der Bewässerung für das Gründach mangelt, Berücksichtigung finden. Regenwasser kann aufgefangen und abgeleitet werden. Mittels Verdunstung können die Dächer zum angenehmen Klima im Wohngebiet beitragen. Auf die Mischung komme es an, sagt Raschke. Es brauche private Initiativen wie die von Wolfram Jäger und öffentliche Vorhaben.

Setzt einen der Schlusssteine auf dem zweistöckigen Meißner Lehmhaus: Professor Wolfram Jäger aus Radebeul probiert in Meißen ein Modellprojekt für nachhaltiges Bauen aus.
Setzt einen der Schlusssteine auf dem zweistöckigen Meißner Lehmhaus: Professor Wolfram Jäger aus Radebeul probiert in Meißen ein Modellprojekt für nachhaltiges Bauen aus. © Claudia Hübschmann

Aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen

Der Radebeuler Baufachmann hat seine Liebe zum Lehm durch ein einmaliges Projekt entwickelt. 2005 habe ihn ein Hilferuf aus der Stadt Bam im Iran erreicht, erzählt er. In den beiden Vorjahren war die historische Oasenstadt im Süden des Landes von verheerenden Erdbeben heimgesucht worden.

Die zentrale Zitadelle und die umliegenden Gebäude gelten als größter Lehmbaukomplex der Welt. Bei der Rekonstruktion des Unesco-Weltkulturerbes war der Rat des sächsischen Baustoffexperten der Technischen Universität Dresden gefragt. Dank eines Programms des Auswärtigen Amts konnte ein zentrales Gebäude der Zitadelle wiederaufgebaut worden: das Sistani Haus. Es handelt sich um ein typisches iranisches Wohnhaus einer Kaufmannsfamilie aus dem 18. Jahrhundert.

Nach umfangreichen Untersuchungen und praktischen Experimenten flossen neueste wissenschaftliche Erkenntnisse und angepasste Technologien in die Arbeiten ein. So wurden zunächst die bestehenden Reste mit Glasfaserstäben stabilisiert. Anschließend rekonstruierten Handwerker die Räume mit einem speziell entwickelten palmfaserbewehrten Lehmstein und umwickelten die Gewölbedecken und Gurtbögen mit Glasfasergewirk.

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Während der zweistöckige Bau in Meißen wächst, denkt Wolfram Jäger an die Zukunft. Die Lehm-Technologie soll auch höhere Bauwerke möglich machen. Der Wissenschaftler und seine Mannschaft arbeiten daran, die Dämmeigenschaft der Ziegel zu verbessern. Das Modellprojekt in Meißen habe jetzt fünf bis zehn Jahre Vorsprung, schätzt der Radebeuler. Wenn Deutschland seine Klimaziele erreichen wolle, sollten die Ziegelhersteller und Bauindustrie dem Meißner Weg folgen. Auf 20 Prozent schätzt Jäger den künftig möglichen Marktanteil der Lehmbauten.

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