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Meißens verborgener Champion

Die Produkte der Firma Photon aus Meißen sind oft überlebenswichtig. Trotzdem ist das Unternehmen weitgehend unbekannt.

Diese Erfahrung wünscht man niemandem: Trotzdem, wer in der Münchner U-Bahn in Not gerät, bekommt über Rufsäulen der Meißner Firma Photon Hilfe vermittelt.
Diese Erfahrung wünscht man niemandem: Trotzdem, wer in der Münchner U-Bahn in Not gerät, bekommt über Rufsäulen der Meißner Firma Photon Hilfe vermittelt. © Robert Michael

Meißen. Rätselfragen bereiten Photon-Geschäftsführer Michael Brandhorst sichtlich Vergnügen. Zum Beispiel die nach der Anzahl der an Autobahnen über Notrufsäulen eingehenden Hilferufe. Die Auflösung verblüfft. Nach seinen Angaben wird, trotz der hohen Handy-Dichte in Deutschland, weiterhin jede dritte Panne oder jeder dritte Unfall über die eher vorsintflutlich wirkenden Säulen gemeldet.

Erklären lässt sich das dem Unternehmer zufolge ganz einfach. Oft würden die Autofahrer ihren Standort nicht kennen und könnten ihn, vielleicht der Aufregung geschuldet, auch nicht bestimmen. Zudem fragten die über das Notrufsäulensystem kontaktierten Leitstellen ganz gezielt und nach Wichtigkeit gestaffelt alle nötigen Informationen ab.

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Brandhorst erzählt die Geschichte bei einem Besuch des für Meißen zuständigen FDP-Bundestagsabgeordneten Torsten Herbst, unter anderem Obmann im Ausschuss für Verkehr und digitale Infrastruktur. Der Bundespolitiker wiederum hat Johannes Schmidt-Ramos im Schlepptau, welcher für die Liberalen im Wahlkreis Meißen als Direktkandidat für den Bundestag antritt. Dies dürfte wohl auch der Anlass für die Schnupperstunde in der heimischen Wirtschaft sein.

Mit Michael Brandhorst treffen die Politiker auf einen kaum zu stoppenden Dampfplauderer, der sein Herz auf der Zunge trägt und um ein gerades Wort nicht verlegen ist. Nach anderthalb Stunden glaubt der Besucher, den Lebenslauf des Geschäftsführers und natürlich das seit fünfeinhalb Jahren durch ihn geführte Unternehmen in- und auswendig zu kennen. Ob dieser Eindruck stimmt, sei dahingestellt.

Im Ruhezustand müssen Dieselloks mit Strom versorgt werden. Der Elektrant von Photon aus Meißen rechnet exakt wie eine Tanksäule den Verbrauch ab. Chef Michael Brandhorst erklärt den Liberalen Torsten Herbst und Johannes Schmidt-Ramos die Technik.
Im Ruhezustand müssen Dieselloks mit Strom versorgt werden. Der Elektrant von Photon aus Meißen rechnet exakt wie eine Tanksäule den Verbrauch ab. Chef Michael Brandhorst erklärt den Liberalen Torsten Herbst und Johannes Schmidt-Ramos die Technik. © Claudia Hübschmann
Immer wieder hat das innovative Unternehmen Photon aus Meißen versucht, Geschäfte mit Russland oder wie auf dem Bild mit dem Iran anzubahnen. Doch fast immer kamen Sanktionen dazwischen und die Hoffnung zerschlug sich.
Immer wieder hat das innovative Unternehmen Photon aus Meißen versucht, Geschäfte mit Russland oder wie auf dem Bild mit dem Iran anzubahnen. Doch fast immer kamen Sanktionen dazwischen und die Hoffnung zerschlug sich. © Claudia Hübschmann
Seit vielen Jahren schon produziert Photon Stromladesäulen für Elektrofahrzeuge. Das Bild stammt aus dem Jahr 2011. Die Nachfrage allerdings ist stark schwankend. Auch deshalb hat Geschäftsführer Michael Brandhorst den Betrieb breiter aufgestellt - zum Beispiel als Zulieferer der Autoindustrie.
Seit vielen Jahren schon produziert Photon Stromladesäulen für Elektrofahrzeuge. Das Bild stammt aus dem Jahr 2011. Die Nachfrage allerdings ist stark schwankend. Auch deshalb hat Geschäftsführer Michael Brandhorst den Betrieb breiter aufgestellt - zum Beispiel als Zulieferer der Autoindustrie. © dpa-Zentralbild

Gut veranschaulichen lässt sich die Entwicklung von Photon anhand einer Ausstellung, welche in einer Art Konferenzraum im Erdgeschoss des Betriebes an der Niederauer Straße in der Meißner Nassau aufgebaut ist. Dort steht der Klassiker des Unternehmens: Eine mit Edelstahl ummantelte Telefonsäule der Telekom. Ein Stück, welches mittlerweile Seltenheitswert besitzen dürfte.

Neben den Notrufsäulen, zum Beispiel für das slowenische Schnellstraßennetz, gehört ähnliche Technik für den öffentlichen Nahverkehr zu den Standardprodukten des in vielen Branchen beheimateten Meißner Herstellers. In München sind sie zu finden, ebenso in Hamburg, Berlin und Hannover. Bonn könnte in nächster Zeit folgen.

Von der Telefonsäule zur Stromtankstelle

Brandhorsts Ehrgeiz und vielleicht sogar das Erfolgsrezept von Photon ist es dabei, dem Kunden ein aus einer Hand komplett fertiges Produkt zu liefern, welches letztlich nur noch anzuschließen ist. Dann kann der Betrieb beginnen. Das Rundum-Sorglos-Paket umfasst nicht nur die Hardware. Ein eigenes Spracherkennungsprogramm zählt ebenso dazu wie ein selbstständiges Wartungssystem, mit dem etwa die Notrufsäulen ihre Funktionsfähigkeit regelmäßig überprüfen.

Während der soeben beschriebene Bereich den klassischen Teil des Photon-Portfolios beschreibt, sucht Chef Brandhorst intensiv nach weiteren Standbeinen und Geschäftsfeldern. 100 quadratische weiße Kästen warten so im Hochlager der riesigen Photon-Halle auf einen Abholer. Sie sind für Schulen im Saarland bestimmt und sollen dort in einer möglichen vierten Corona-Welle für virenfreie Luft in den Klassenzimmern sorgen. Einen weiteren Prototyp für größere Räume, ausgestattet mit H14-Filter, sozusagen dem Benz der Filtersysteme, sowie einer zusätzlichen UV-Licht-Bestrahlungseinheit hält Brandhorst in der Hinterhand. Die Anlage besticht nicht zuletzt durch ihren geringen Geräuschpegel.

Besonders aufmerksam verfolgt Verkehrspolitiker Herbst die Ausführungen zur Bahntechnik. Neue Vorgaben zwingen die Bahn dazu, die Stromversorgung von stehenden Diesellokomotiven exakt abzurechnen. Dazu hat der Meißner Spezialist ein eigenes Produkt entwickeln. Dieses könnte in einer weiterentwickelten Version ebenfalls dazu dienen, batteriebetriebene Triebwagen schnell aufzuladen. Zudem bietet das Unternehmen Komponenten für digitale Stellwerke an.

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Wer sich breit aufbaut, muss einen Einbruch des Geschäfts weniger fürchten. 2020 sei Photon mit seinen 86 Mitarbeitern trotz fünf Monaten Kurzarbeit gut durch die Pandemie gekommen. Der Umsatz für die gesamte Gruppe inklusive des zweiten Standorts in Berlin lag bei 30 Millionen Euro. Dieses Jahr liege das Unternehmen im ersten Halbjahr voll im Plan, sagt Michael Brandhorst. Das zeige ihm, dass man auf die richtigen Produkte gesetzt habe. Zudem zahle sich jetzt der faire Umgang mit Kunden und Lieferanten in der Vergangenheit aus. Auf deren Zuverlässigkeit könne gebaut werden.

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