merken
PLUS Meißen

"Online-Weinproben sind Müll"

Anja Fritz und Ricco Hänsch sind Winzer, Nachbarn und seit zehn Jahren befreundet. Mit der SZ sprechen sie über alte Mauern, Trockenheit und Hoffnungen.

Mit ihren Lieblingsweinen von 2020 in der Hand treffen sich die Meißner Winzer Anja Fritz und Ricco Hänsch. Des Öfteren tauschen sie sich untereinander aus und besuchen wechselseitig ihre Hoffeste.
Mit ihren Lieblingsweinen von 2020 in der Hand treffen sich die Meißner Winzer Anja Fritz und Ricco Hänsch. Des Öfteren tauschen sie sich untereinander aus und besuchen wechselseitig ihre Hoffeste. © Julian Wolf

Die Fragen stellte Julian Wolf.

Meißen. Die Winzer Anja Fritz vom Weingut Mariaberg und Ricco Hänsch mit seinem gleichnamigen Weingut sind zu echten Institutionen im Elbtal geworden. In diesem Jahr feierten beide „Jungwinzer“ ihren fünfzigsten Geburtstag. Fast zur gleichen Zeit begannen sie mit ihren Weinbergen auf dem Kapitelberg in Meißen. Ricco Hänsch hatte seinen ersten Jahrgang im Jahr 2007 fertig, Anja Fritz feierte ein Jahr darauf Premiere. Im Mai 2011 lernten sie sich beim Fassrollen kennen.

Sündenfrei Mittelalterveranstaltungen
Gut gerüstet für Ihre Sommerfeste?
Gut gerüstet für Ihre Sommerfeste?

Ob Ritterturniere, Stadtfeste, Firmenevents oder Weihnachts- und Mittelaltermärkte - die Agentur Sündenfrei ist der richtige Partner!

Eine Freundschaft entwickelte sich daraus. Oft tauschen sich Anja Fritz und Ricco Hänsch aus, geben sich Tipps, besuchen gegenseitig ihre Hoffeste. Wettbewerbsdenken und Konkurrenzkampf sind Fehlanzeige. Der Service für den Gast im Elbtal steht im Vordergrund, und so werden die Gäste auch mal hin- und hergeschickt. Nach dem Motto „Jeder Winzer hat sein eigenes Steckenpferd“ herrscht Harmonie auf dem Kapitelberg. Die zehnjährige Freundschaft ist ein Anlass, um zu reflektieren - was läuft gut, was hat sich verändert, was soll die Zukunft bringen?

Was hat sich im Meißner Weinbau in den letzten zehn Jahren verändert?

Ricco Hänsch: Alles ist extremer geworden. Zu den großen Veränderungen zählen zum einen die Überalterung der Winzer sowie das Nachwuchsproblem. Letzteres hängt auch mit der kleinen Fläche zusammen, die wir in Sachsen zum Weinanbau haben. Schon bald wird es auch in Meißen einen ganz anderen Weinbau geben, als bisher. Die Bewirtschaftung der Steillagen — so, wie es die Winzergenossenschaft mit ihren alten Winzern noch macht, an den Katzenstufen oder dem Boselberg zum Beispiel — wird früher oder später einschlafen. Und auch die Corona-Krise hat so einiges verändert. Mitgliederversammlungen des Weinbauverbandes haben lange nicht stattgefunden. Es gab weder Jungweinproben, noch Wein- oder Stadtfeste. Kaum gab es einmal die Gelegenheit, mit anderen Winzern ins Gespräch zu kommen. Einen regelmäßigen Austausch wie früher gibt es nicht mehr. Die Weinhoheiten sind völlig von der Bildfläche verschwunden und deren Termine haben sich um ein vielfaches dezimiert.

Anja Fritz: Die klimatischen Bedingungen haben sich extrem verändert. Es ist wesentlich trockener geworden. Jedes Jahr rechnen wir mit Unwettern, Starkregen, Sonnenbrand und Hagelschlägen. Das Problem der Trockenheit besteht inzwischen nun rund zwei Jahre, auch in diesem Frühjahr war alles sehr trocken. Ricco und ich haben viele alte Reben, die sehr tief wurzeln. Werden neue Reben gepflanzt, wird es für diese schon schwer. Neue Haupterwerbswinzer müssten immer wieder wässern, wir gar nicht oder nur an einigen wenigen Stellen. Eine gute Entwicklung macht der Weintourismus bei uns in Meißen. Viele kreative Köpfe lassen sich Neues einfallen. Es gibt nicht nur Wein- und Käseverkostungen, sondern auch Weinbergsführungen, Wanderungen im Spaargebirge oder Kräuter-Führungen.

Sprudelt immer vor Ideen: Der Meißner Winzer Ricco Hänsch lässt sich regelmäßig etwas Neues einfallen. So ließ er seine Weine zum Probieren in gläserne Tubes abfüllen, die von der Form her an Zigarrenhüllen erinnern.
Sprudelt immer vor Ideen: Der Meißner Winzer Ricco Hänsch lässt sich regelmäßig etwas Neues einfallen. So ließ er seine Weine zum Probieren in gläserne Tubes abfüllen, die von der Form her an Zigarrenhüllen erinnern. © hübschmann

Welche Themen werden derzeit besonders heiß diskutiert?

Anja Fritz: Die Förderungen zur Sanierung der Weinbergsmauern zum Beispiel. Es ist schön, die Kulturlandschaft zu erhalten, doch es gibt noch andere Probleme. Ein Starter-Geld für Jungwinzer soll es in Sachsen geben, Steillagenwinzer wie ich sollten pro Hektar Subventionen bekommen. In anderen Weinanbaugebieten gibt es das schon, hier noch nicht. Auch ein Arbeitskreis vom Weinbauverband sollte bei einer Lösung helfen, wie Winzer Wasser und Strom in ihre Weinberge bekommen könnten. Bislang gibt es hier noch keine wirkliche Entwicklung.

Ricco Hänsch: Ein heißes Thema ist die Berufsgenossenschaft in Sachsen. Seit Jahren wird dafür gekämpft, dass die Hobbywinzer keinerlei Abgaben leisten müssen. Jeder wird als Unternehmer dargestellt. Pauschal und unabhängig der Größe wird eine Gebühr fällig. Für viele Kleinstwinzer ist dieser Beitrag viel zu hoch bezogen auf ihre Rebfläche. Die Verhandlungen gehen nur schleppend voran und seit Jahren ist eine konkrete Entscheidung in der Schwebe.

Wie steht Ihr zu Online-Weinproben?

Anja Fritz: Die Online-Weinproben zeigen dem Endkunden, dass er nicht vergessen wird. Ein Fan von den Verkostungen im Internet bin ich aber nicht. Bei mir und Ricco ist es so, dass unsere Weingüter direkt an der Rebfläche liegen. Haus und Weinberg gehen ineinander über. Für mich ist es wichtig, dass die Leute den Wein dort trinken, wo er auch wächst. Gerade als Weingästeführerin spielt das Persönliche eine ganz große Rolle. Die Stärken liegen bei uns an der Rebe und in der Natur.

Ricco Hänsch: Wein vor einem Bildschirm trinken zu müssen, ist für mich das Allerletzte, was den Genuss betreffend stattfinden kann. Gerade jetzt sitzt man doch zur schönsten Jahreszeit bei uns in der Natur. Da muss ich eine Online-Weinprobe doch nicht auch noch pushen — solcher Müll! Das Infektionsrisiko ist im Freien sowieso nur sehr gering bis gar nicht vorhanden.

Wer hätte damals an eine zweite und dritte Corona-Welle gedacht: Zu Himmelfahrt 2020 war die Welt bei Winzerin Anja Fritz auf dem Mariaberg noch in Ordnung. Wird es bald wieder so sein?
Wer hätte damals an eine zweite und dritte Corona-Welle gedacht: Zu Himmelfahrt 2020 war die Welt bei Winzerin Anja Fritz auf dem Mariaberg noch in Ordnung. Wird es bald wieder so sein? © Claudia Hübschmann

Wann werden Veranstaltungen wieder bei Euch stattfinden?

Ricco Hänsch: Wir haben für den 6. Juni unsere Wanderung durch das Meißner Spaargebirge geplant. Da mussten erstmal viele Interessierte, die von außerhalb anreisen, strampeln, um übernachten zu können. Wenn kein Schlafquartier angeboten werden kann, dann können wir alles dürfen als Weingut, wir können den Gästen aber nichts garantieren. Immer diese Absagen und Änderungen — man merkt, die Leute haben keinen Bock mehr darauf.

Anja Fritz: Seit Ende Mai gibt es die ersten Touren mit kleinerer Teilnehmerzahl als sonst. Dafür biete ich mehrere Zusatz-Wanderungen über den Mariaberg bis hin zur Juchhöh an, um der großen Nachfrage wie im vergangenem Jahr gerecht zu werden.

Die Jahrgänge 2020 sind fertig. Welche Rebsorten gibt es und wer ist zurzeit Euer Liebling?

Anja Fritz: Goldriesling, Müller-Thurgau, Grauburgunder, Weißburgunder, Schieler „Tutti Frutti“ als Auszug eines kleinen ehemaligen DDR-Weinberges. Dort sind viel Regent und Traminer enthalten, kräftige Erdbeere — das nasche ich persönlich am liebsten. Die „Edition Frieden“ ist besonders vollmundig, fruchtig und vor allem ein schöner Sommerwein. Das Flaggschiff ist aber ganz klar aus dem Meißner Rosengründchen der Traminer. Auch einen Secco dieser Rebsorte wird es ganz neu geben, wird aber noch abgefüllt.

Ricco Hänsch: Die Üblichen, jedoch ohne die Scheurebe. Riesling, der Rosé-Wein „Leona“, Traminer, Weißburgunder, Grauburgunder, Kerner und Müller-Thurgau. Wozu diese passen, kommt auf den richtigen Anlass an. Wenn jetzt jemand zu mir kommt und mich fragt, was zeichnet Dein Weingut aus, biete mir das bitte an, dann würde ich sagen mein Riesling. Es ist meine Hauptrebsorte und funktioniert auf dem Kapitelberg sehr gut. Die spätreifen Sorten passen einfach ins Spaargebirge aufgrund der Sonneneinstrahlung und des warmen Bodens.

Was wünscht ihr Euch für die Zukunft?

Ricco Hänsch: Ein Winzer ist immer abhängig von der Witterung. Wichtig ist, dass wir in der Zukunft kein Leid durch Frost, Hagel, Starkregen, Dürren oder auch Pilzbefall ertragen müssen. Alles andere können wir selber beeinflussen. Für die Meißner Bürger wünsche ich mir die Gastronomie und eine schnelle Wiederkehr in ein normales Leben zurück.

Weiterführende Artikel

Meißner Fass: Loose schenkt aus

Meißner Fass: Loose schenkt aus

Nach Schloss Wackerbarth sorgt jetzt ein kleines Familienweingut für flüssigen Nachschub auf dem Meißner Markt.

Kommt Zeit, kommt Rathaus

Kommt Zeit, kommt Rathaus

Wer zum Amt muss, kann jetzt wieder persönlich vorsprechen. Doch es gibt Ausnahmen.

Meißner Poller sind Stolperfallen

Meißner Poller sind Stolperfallen

Die Pfeiler sollen mehr Sicherheit für Autofahrer und Fußgänger bringen. Doch für Sehschwache und Blinde sind sie ein Problem.

Das Wort zum Wein

Das Wort zum Wein

Sachsens wahrscheinlich produktivster Wein-Autor hat ein Buch verfasst, das viele Zeitalter und das gesamte hiesige Anbaugebiet überspannt.

Anja Fritz: Für mich wünsche ich mir gar nichts, aber für die Stadt Meißen, dass, - sobald wir dürfen - Handel und Tourismus schnell wieder Fahrt aufnehmen und die Gastronomie aktiv werden kann, um den sächsischen Wein auszuschenken. Den Bürgern wünsche ich wieder Genussmomente, ein freies und unbeschwertes Leben sowie das Wiederaufleben der kulturellen Veranstaltungen. Die unwahrscheinliche Vielfalt, die es hier in Meißen gibt, sollte nicht mehr länger eingeschränkt werden. Ich freue mich darüber, wenn die Weinliebhaber bewusst die regionalen Weine trinken.

Mehr zum Thema Meißen