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Porzellanmanufaktur Meissen macht's wieder selbst

Der Porzellan-Hersteller kommt überraschend gut durchs Pandemie-Jahr. Drei Streifen spielen eine wichtige Rolle.

Um zu sparen, kümmert sich ein Team mit Manufaktur-Mitarbeiter Matthias Weber selbst darum, das Weiße Gold in Szene zu setzen.
Um zu sparen, kümmert sich ein Team mit Manufaktur-Mitarbeiter Matthias Weber selbst darum, das Weiße Gold in Szene zu setzen. © Claudia Hübschmann

Meißen. Diese Tafel kann sich sehen lassen. Auf rotem Linnen sind Servietten in edlem Grau drapiert. Verschiedene Tellervarianten des Meissener Services Vitruv bilden die glänzenden Hingucker. Seine Oberfläche ist mit einem geradlinigen Muster gestaltet. Glasierte Teile lassen sich mit unglasierten Biskuitporzellan-Stücken sowie dem handgemalten Ming-Drachen frei kombinieren. Die puristische Formensprache soll vor allem die jüngere Kundschaft ansprechen.

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Stars im Strampler aus Riesa

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Halb gefüllte Weißweingläser und ein verrutschtes Tischtuch verraten, dass die Mahlzeit noch mitten im Gange ist. Manufaktur-Mitarbeiter Matthias Weber arbeitet sich gerade am Faltenwurf ab und rückt die Blumen zurecht. Jedes Details soll stimmen für das laufende Foto-Shooting im neuen hauseigenen Studio des Traditionsunternehmens. Hausfotograf Maik Krause drückt auf den Auslöser. Es braucht nur den Bruchteil einer Sekunde, schon erscheint das Bild auf einem großen Bildschirm im Hintergrund des Studios.

Passt das so? Lena Hensel, Leiterin des Teams Creative Design, und Hausfotograf Maik Krause diskutieren eine Inszenierung des Services Vitruv.
Passt das so? Lena Hensel, Leiterin des Teams Creative Design, und Hausfotograf Maik Krause diskutieren eine Inszenierung des Services Vitruv. © Claudia Hübschmann

Passt das so? Ist das die bildgewordene „moderne Opulenz“, für die Meissen als Marke mit einem über dreihundertjährigen und extrem vielgestaltigen Erbe stehen möchte? Lebhaft diskutiert das junge Team mit Matthias Weber, Maik Krause und Designerin Lena Hensel, die von der Kunsthochschule Burg Giebichenstein kommt, diese und andere Fragen. Manufaktur-Geschäftsführer Tillmann Blaschke huscht ein Lächeln über das Gesicht.

Eine Etage unter dem Studio, in seinem Büro, erklärt der Manufaktur-Manager seine Reaktion. Für ihn sei diese Szene bezeichnend dafür, was in den letzten Monaten bei dem Porzellanhersteller passiert ist. Nach teils zweistelligen Jahresverlusten wurde parallel zur Rückkehr zum Markenkern Porzellan ein hartes Sanierungsprogramm umgesetzt. Jede Ausgabe kam auf den Prüfstand. 200 Arbeitsplätze fielen weg. Selten benötigte Gebäudeteile werden nicht mehr genutzt, nicht mehr beheizt. Der Betrieb hat Versicherungen gekündigt und neu abgeschlossen. Aufträge an externe Berater und Dienstleister sind weggefallen.

„Auch die Fotos für den Internetauftritt machen wir jetzt selbst“, sagt Blaschke. Das habe der Mitarbeiterschaft ein neues Selbstvertrauen gegeben. „Wir können das auch sehr gut und müssen uns nicht vor anderen verstecken.“ So ließe sich die Erfahrung zusammenfassen. In Summe genommen konnten durch alle einzelnen Sparvorhaben die Kosten vergangenes Jahr um 16 Millionen Euro reduziert werden. Dies war entscheidend dafür, den Umsatzrückgang von zehn Millionen Euro im Jahresvergleich zu 2019 aufzufangen. Sieben Millionen Euro davon lassen sich direkt auf die Folgen der Corona-Pandemie zurückführen. Letzten Endes blieb operativer Verlust von vier Millionen Euro. Im durch die Restrukturierung geprägten Vorjahr waren es noch zehn Millionen Euro.

Wie bei den meisten sächsischen Firmen prägte im Triebischtal die Pandemie das Geschäftsjahr: Durch den ersten Lockdown kam der Besucherstrom im Stammhaus völlig zum Erliegen. Die Einkäufe ausländischer Touristen fielen weg. Partner in Fernost und anderen Teilen der Welt bestellten weniger. Nach einem positiven Zwischenspiel im Sommer wiederholte sich das düstere Szenario ab Spätherbst 2020. Der zweite Lockdown fiel mitten in das Weihnachtsgeschäft.

Doch es gibt Lichtblicke. Tillmann Blaschke zeigt eine Grafik mit den Umsätzen im Online-Shop. Die Säulen schnellen im Weihnachtsgeschäft 2020 im Vergleich zum Vorjahr deutlich stärker nach oben. Der Geschäftsführer macht dafür ein Bündel von Faktoren verantwortlich. Der optisch, inhaltlich und strukturell überarbeitete Online-Shop mit den in der Vergangenheit eingeführten neuen Produktlinien lieferte die Basis. Dazu kamen der Weihnachts- und Lockdown-Effekt. Er sehe keinen Anlass, ein riesiges Feuerwerk zu zünden, sagt Blaschke. Doch es gebe die berechtigte Hoffnung, nach dem Ende der Pandemie auf einem soliden Kurs zu sein.

Der Sportartikelhersteller Adidas hat 2020 ein Paar Sneakers entwickelt, deren florale Motive nach Dekoren der Porzellanmanufaktur Meissen gestaltet sind. Diese bringt parallel einen an das Schuhmotiv angelehnt gestalteten Kaffeebecher (Mug) heraus.
Der Sportartikelhersteller Adidas hat 2020 ein Paar Sneakers entwickelt, deren florale Motive nach Dekoren der Porzellanmanufaktur Meissen gestaltet sind. Diese bringt parallel einen an das Schuhmotiv angelehnt gestalteten Kaffeebecher (Mug) heraus. © Maik Krause/Manufaktur Meissen

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