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Rückschlag für Schaumaplast in Nossen

Schaumaplast will sich erweitern. Anwohner haben gegen einen Grundstücksverkauf gekämpft. Jetzt ist eine Entscheidung gefallen.

Schaumaplast Nossen will sich im Gewerbegebiet Augustusberg vergrößern.
Schaumaplast Nossen will sich im Gewerbegebiet Augustusberg vergrößern. ©  Archiv/Claudia Hübschmann

Nossen. Seit vier Jahren will sich der Styroporteile-Hersteller Schaumaplast im Gewerbegebiet Nossen-Augustusberg erweitern. Geplant war der Kauf von drei weiteren Grundstücken. Jetzt ging es nur noch um zwei, da es mit dem Unternehmen Hegewald und Peschke einen weiteren Kaufinteressenten für eins der drei anvisierten Flurstücke gibt. Laut Geschäftsführer Toni Küttner plant das Unternehmen, dort Hallen für das Schneiden, Konfektionieren und Lagern der Produkte zu bauen.

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Problem: Das Gewerbegebiet befindet sich in unmittelbarer Nähe zu Wohnhäusern. Mit der Halle würde ein Teil des Unternehmens noch näher an die Anwohner rücken, die sich ohnehin seit Jahren wegen der vom Unternehmen emittierter Schwergase Styrol und Pentan Sorgen machen. Beide Stoffe gelten bei zu hoher Konzentration als gesundheitsgefährdend. In der September-Stadtratssitzung stand die Entscheidung über den Grundstücksverkauf nach zweimaliger Verschiebung in diesem Jahr erneut auf der Tagesordnung.

Messungen wiesen Styrol und Pentan bei Anwohnern nach

Seit 2017 gab es unzählige Treffen mit der Firma, den Anwohnern, der Stadt Nossen und dem Landratsamt Meißen. Es wurden Geruchsausbreitungsmessungen vorgenommen, die keine zu hohe Belästigung durch das stark riechende Styrol nachwiesen. Die vom Landratsamt gewünschten Emissionsmessungen unmittelbar am Dach bei Schaumaplast verwehrte das Unternehmen mit Hinweis auf das Hausrecht. Möglich ist dies, da die Produktion von Schaumstoffformteilen anders als beispielsweise in der Schweiz in Deutschland nicht genehmigungsbedürftig ist. Deshalb wurden seitens der Behörde Immissionsmessungen bei den Anwohnern veranlasst, die aufgrund der Art und Weise der genommenen Proben orientierenden Charakter hatten. Dabei wurden Styrol und Pentan nachgewiesen. Allerdings in so geringen Mengen, dass laut Bericht eine gesundheitliche Gefährdung wenig wahrscheinlich sei und eine Ausweitung der Messungen auch mit Blick auf die hohen Kosten in keinem Verhältnis stehe.

Ein Anwohner erinnert an Abwasserskandal im Jahr 2010

Für die Anwohner ist aber allein der Nachweis beider Gase bereits Grund zur Sorge, wie unter anderem Jens Westphal in der Stadtratssitzung noch einmal deutlich machte. Er appellierte an die Räte, sich ihre Verkaufsentscheidung genau zu überlegen. Zudem fragte er die Räte, was sie dazu sagen, dass mittlerweile auch im Gewerbegebiet ansässige Unternehmen Bedenken äußern. Steffen Lommatzsch fragte, wie die Stadt sicherstellen wolle, dass in der neuen Halle keine Produktion stattfinde, vielleicht in ein paar Jahren, „wenn Gras über die Sache gewachsen ist, steht dort plötzlich ein Schäumer.“ Und Peter Wunderwald, ebenfalls Anwohner, erinnerte an den Abwasserskandal im Jahr 2010. Damals sei er selbst Stadtrat gewesen. Dieses Vorkommen und die Weigerung, direkt an der Emissionsquelle keine Messungen vornehmen zu lassen, stelle für ihn die Seriosität dieser Firma infrage. Was genau damals vorgefallen ist, sagte Wunderwald nicht. Auf spätere Nachfrage bei Schaumaplast-Geschäftsführer Küttner konnte dieser keine Antwort darauf geben, „ich war damals noch nicht im Unternehmen.“ Für Bürgermeister Christian Bartusch (SPD) war das Thema ebenfalls neu, er ist erst seit Ende 2020 im Amt. „Ich kenne noch keine Unterlagen dazu", sagte er. Wunderwald erklärte auf SZ-Anfrage, dass dieses Thema damals nur in einer nicht öffentlichen Sitzung geklärt wurde.

Bürgermeister wirbt für Vertrauensvorschuss

Die Diskussion vor der Entscheidung zum Grundstücksverkauf war hitzig. Bevor es zur Abstimmung kam, sagte Bürgermeister Bartusch unter anderem, das Unternehmen habe seit vier Jahren akute Lagerprobleme. Die Beschlussvorlage habe er sich „weiß Gott nicht leicht gemacht“. Sie sei aber nicht das Ende des Prozesses, sondern der Auftakt zu einem weiteren moderierten Prozess. „Gleichwohl weichen wir von der Empfehlung des Landtages ab“, sagte er. „Wir machen es aber nicht verantwortungslos, sondern verantwortungsbewusst.“ Er verlasse sich auch auf die Aussagen der Firma, dass sie konstruktiv und sozial verantwortungsvoll handele. Falls der Stadtrat dem Verkauf zustimme, sei dies auch ein Vertrauensvorschuss an die Firma.

Schaumaplast-Geschäftsführer ist enttäuscht

Am Ende des langen Prozesses und der vielen Diskussionen gab es sieben Für- und sieben Gegenstimmen bei zwei Enthaltungen. Der Bürgermeister musste bei diesem Ergebnis noch einmal genau nachzählen, es blieb dabei. Acht Stadträte waren nicht anwesend. „Mit der Gleichheit der Stimmen ist der Beschluss abgelehnt. Ich bin überrascht, weil ich den Eindruck hatte, dass die Stimmung anders ist“, resümierte Bartusch, der selbst für den Verkauf gestimmt hatte. Bei Stimmengleichheit, so erklärte er auf Nachfrage, habe die Bürgermeisterstimme nicht mehr Gewicht.

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Die Anwohner zeigten sich erfreut über die Entscheidung. Schaumaplast-Geschäftsführer Toni Küttner, der ebenfalls anwesend war, sagte anschließend, „es war denkbar knapp. Wir sind maßlos enttäuscht.“ Er verwies darauf, dass Schaumaplast ein Familienunternehmen sei, dass 25 Jahre der Stadt treu sei und seit vier Jahren nun schon um die Firmenerweiterung kämpfe. Küttner betonte jedoch auch, und das sei ihm sehr wichtig, „wir halten aber an der Belegschaft hier in der Region fest.“

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