merken
PLUS Meißen

Die Eleganz im Porzellanladen

Die Manufaktur Meissen hat ihren eigenen Store komplett umgekrempelt. Ein Anliegen war Chef Tillmann Blaschke dabei besonders wichtig.

Da würde man gern Mittagsgast sein. Manufaktur-Geschäftsführer Tillmann Blaschke steht vor seinem Lieblingstisch im neu aufgebauten und eingerichteten Store im Meißner Triebischtal.
Da würde man gern Mittagsgast sein. Manufaktur-Geschäftsführer Tillmann Blaschke steht vor seinem Lieblingstisch im neu aufgebauten und eingerichteten Store im Meißner Triebischtal. © Claudia Hübschmann

Meißen. Da würde man nur zu gern Mittagsgast sein. Manufaktur-Geschäftsführer Tillmann Blaschke steht vor seinem Lieblingstisch. Dieser gehört zu einer ganzen Tafelrunde, deren beispielgebende Inszenierungen über den neu gestalteten Store im Meißner Stammhaus verteilt sind. Während seine Vorgänger den Geschirrmarkt bereits abgeschrieben zu haben schienen, hat Meissen in den vergangenen Jahren mit hohem Tempo neue Service und Dekore auf den Markt geworfen. Frei nach dem Motto: Die Großfamilie ist zwar ausgestorben, aber das Schlemmen im Freundeskreis hat Konjunktur.

"Hier ganz links haben wir die traditionelle Variante", sagt der Chef des Traditionshauses. Zwei Gedecke des Schwanenservices mit Streublümchen symbolisieren die gehobene Tafelkultur, so wie sie knapp drei Jahrhunderte Bestand hatte. Im weiteren Verlauf der Tafel allerdings wird es immer wilder. Das bekannte Relief des Schwanenservices wandert vom mittigen Spiegel des Tellers auf den Rand und verschafft so den Köchen der Gourmetgastronomie Platz, ihre Kreationen auch als Augenschmaus zentral herauszustellen. Eine weitere Kombination bringt den weißen Suppenteller mit einem Platzteller zusammen, der ein fast schon reißerisch buntes Blumenmuster trägt.

Anzeige
Qualitätsmöbel zum Abverkaufspreis
Qualitätsmöbel zum Abverkaufspreis

STARKE MÖBEL UND KÜCHEN macht Platz für neue Wohn-Kollektionen. Sparen Sie jetzt bis zu 58% beim Kauf Ihres Lieblingsstücks in TOP Qualität.

Fast alles passt zu allem: Das oft als altbacken verschriene Zwiebelmuster verwandelt sich auf einem Platzteller in moderner Variante zu einem regelrechten Hingucker.
Fast alles passt zu allem: Das oft als altbacken verschriene Zwiebelmuster verwandelt sich auf einem Platzteller in moderner Variante zu einem regelrechten Hingucker. © Claudia Hübschmann

Der unbekümmerte Mix ist Programm. Meissen möchte seinen riesigen, seit 1710 angesammelten Dekor- und Formenschatz weiter pflegen, ihn jedoch gleichzeitig mit neuen, zeitgemäßen Varianten zusammenbringen. Die DNA des Traditionsbetriebes soll in einer Art und Weise fortgeschrieben und ergänzt werden, dass die Produkte auch junge Leute erreichen.

Mit der Form No. 41, dem Geschirr Vitruv, modernen Zwiebelmuster-Adaptionen oder dem ganz frischen und handgemalten Muster Giant Bloom hat die Manufaktur aufgeholt, was in den Jahren zuvor versäumt wurde. Zum Vergleich: Nach der Wende kamen mit dem mittlerweile zum Klassiker avancierten Wellenspiel sowie dem in der Bauhaus-Tradition stehenden Cosmopolitan lediglich zwei neue Geschirre heraus. Für Chef Blaschke deutlich zu wenig, um jüngere und bisher unerschlossene Käuferschichten anzusprechen. Erst jetzt habe das Unternehmen eine Produktpalette, mit der es sich auf dem Stand der Zeit befindet.

Die Tafel in den Mittelpunkt gerückt. Der neu eingerichtete Store im Haupthaus wirkt deutlich aufgeräumter und stimmiger als die Vorgängerversion. Krawatten fehlen mittlerweile ganz.
Die Tafel in den Mittelpunkt gerückt. Der neu eingerichtete Store im Haupthaus wirkt deutlich aufgeräumter und stimmiger als die Vorgängerversion. Krawatten fehlen mittlerweile ganz. © Claudia Hübschmann

Selbstläufer sind die neuen Varianten deshalb trotzdem nicht. Die von Natur aus teuren Produkte sind immer erklärungsbedürftig. Am besten verkaufen sie sich über eine Geschichte. Wie beispielsweise die Story vom Schwanenservice. Das für den umstrittenen sächsischen Premierminister Heinrich Graf von Brühl gefertigte Geschirr gilt als ein Hauptwerk der barocken Meissener Porzellankunst. Die Originale werden hoch gehandelt und sind mittlerweile in alle Teile der Welt verstreut. Dank der neuen Abwandlungen erlebt es eine wahre Renaissance, sagt Tillmann Blaschke.

Zum spannenden Hintergrund kommt die Inszenierung als realistische Version eines zeitgenössischen Meissener Tisches. Üppige Blumen gehören dazu, stilvolles Besteck, außergewöhnliche Gläser und gediegene Stoffservietten. Die Manufaktur möchte zum opulenten Tafeln verführen. Sozusagen als Appetithäppchen gibt es Einsteiger-Sets, die für erschwingliche Preise erhältlich sind.

Ergänzend zu Tisch und Tafel erlaubt der neue Meissen Store im Stammhaus Einblicke in die Sektion Schmuck, in die großen Meisterwerke und limitierten Ausgaben. Beim Bereich Schmuck habe man sich nach einer Phase des Experimentierens auf jene Produkte konzentriert, die sich besonders gut verkaufen, sagt der Manufaktur-Geschäftsführer. Die großen und teuren Vasen oder Skulpturen wiederum können und sollen nur einen ersten Eindruck vom Können der Manufakturisten vermitteln. Zumeist werden solche außergewöhnlichen und teuren Porzellane nur auf Bestellung gefertigt und nicht im Lager gestapelt.

Die Form dieser opulent gestalteten Vase ist einer der über die Jahrhunderte gepflegten Meissener Standards. Die grellen Farben und das Dekor heben den Klassiker in die Gegenwart.
Die Form dieser opulent gestalteten Vase ist einer der über die Jahrhunderte gepflegten Meissener Standards. Die grellen Farben und das Dekor heben den Klassiker in die Gegenwart. © Claudia Hübschmann

Während der Store bis auf Kleinigkeiten bereits fast komplett in neuem Glanz erstrahlt, sind in der Schauwerkstatt noch die Handwerker zu Gange. Zusammen mit Geschäft und Museum soll dieser Bereich des Hauses wie aus einem Guss erscheinen. In der Vergangenheit beschränkte sich die Führung dort oft nahezu ausschließlich auf den Blick in die Vergangenheit. Jetzt sollen Gegenwart und Zukunft einbezogen werden. Der Ausgang mündet direkt in Ladenbereich, wo die Zuhörer und Zuschauer möglichst noch als Käufer gewonnen werden sollen.

Weiterführende Artikel

Schwibbogen aus Meissener Porzellan

Schwibbogen aus Meissener Porzellan

Ein Erzgebirger schlägt der Manufaktur in Meißen ein neues Produkt vor. Auch als Mutmacher in der Pandemie.

Meissener Porzellan-Sneaker versteigert

Meissener Porzellan-Sneaker versteigert

Zusammen mit Adidas hat die Manufaktur ein einmaliges Paar Sneaker hergestellt. Bei Sotheby's in New York wurden sie nun versteigert - für einen Weltrekordpreis.

"Meissen wäre ins Ausland gegangen"

"Meissen wäre ins Ausland gegangen"

Manufaktur-Chef Tillmann Blaschke verteidigt den Verbleib des Unternehmens im Staatsbesitz.

Elefant, Nashorn, Löwe & Co.

Elefant, Nashorn, Löwe & Co.

Mit gerade einmal 26 Jahren hat Maximilian Hagstotz eine Tierserie für die Porzellan-Manufaktur Meissen gestaltet. Sein schwerster Job: die Büste für Anneli.

Aktuell läuft der Tourismus im Triebischtal gemächlich an. Das Gros sind Individualtouristen aus Deutschland und den benachbarten Ländern. Besucher aus Übersee lassen noch auf sich warten. Sie gelten allerdings als besonders kaufkräftig. Wer sich auf den weiten Weg nach Meißen macht, hat sich vorher über die Geschichte des Hauses und seine Produkte informiert. Solche Gäste lassen durchschnittlich viermal mehr Geld in der Manufaktur als der europäische Otto Normalverbraucher. Deshalb kann für solche speziellen Besucher je nach individuellem Geschmack auch schnell umdekoriert werden – damit auch Japaner, Russen oder Amerikaner zu Meissener Tafelgästen werden.

Mehr zum Thema Meißen