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Wo ist der Brief mit dem Geld?

Eine Familie schickt 400 Euro Bargeld in einem Einschreibebrief. Der kommt nie an. Nun sitzt der Zusteller vor Gericht.

Stempel drauf und per Einschreiben geschickt: Dennoch kam der Brief nie an.
Stempel drauf und per Einschreiben geschickt: Dennoch kam der Brief nie an. © Symbolfoto: André Schulze

Meißen. Das ist seit Jahren gute Tradition einer Familie aus Meißen. Zu Weihnachten schickt sie Tochter, Schwiegersohn und Enkeln, die in Bayern leben, Geld. Weil nur Bares Wahres ist, stecken sie die Scheine in einen Briefumschlag, schicken den per Einschreiben ab. Jahrelang hat das auch reibungslos geklappt. Am 19. Dezember 2018 geht wieder so ein Brief mit wertvollem Inhalt auf die Reise von Sachsen nach Bayern. Vier Hunderter liegen in der Glückwunschkarte. Doch diesmal kommt der Brief nicht an.

Der Schwiegersohn wendet sich an den Kurierdienst, erstattet Anzeige. Dann bekommt er die Nachricht, dass der Brief angeblich in Dresden abgeliefert worden sei. Bereits am 20. Dezember sei er laut elektronischem Sendungsverlauf um 14.31 Uhr zugestellt worden mit dem Empfangsvermerk "Bk". Das bedeutet, dass er in den Briefkasten gesteckt wurde. Doch das kann nicht sein. Er geht in Widerspruch.

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Angebliche Empfänger in Verdacht

Die Zustellfirma ermittelt nun weiter. Schließlich heißt es, der Brief sei in Meißen zugestellt worden. Die angeblichen Empfänger werden vernommen. Die alten Leute schwören Stein und Bein, dass sie keinen Brief erhalten haben. Nun ist der Kurierfahrer im Visier. Am Dienstag saß er auf der Anklagebank im Meißner Amtsgericht. Hat er den Brief unterschlagen, sich das Geld angeeignet? Davon geht die Justiz aus. Wegen Unterschlagung und Verletzung des Postgeheimnisses wird er nun angeklagt.

Der 37-jährige Meißner beteuert seine Unschuld. "Ich bin mir keiner Schuld bewusst, habe nur meine Arbeit getan, den Brief in den Briefkasten gesteckt", sagt er. Obwohl er damals neben Paketen und Päckchen täglich mindestens 50 Briefe zustellte, will er sich an jenen genau erinnern und dass er ihn in Meißen zugestellt hatte. Komisch nur, der Brief war gar nicht nach Meißen adressiert. Fraglich ist schon, wie der Brief überhaupt in sein Fahrzeug kam. Seine Zustellbereiche waren Meißen, Radebeul, Klipphausen und Coswig.

Die Briefe werden im Zentrum sortiert und den Zustellern zugeteilt, sagt eine Mitarbeiterin des Kurierdienstes als Zeugin aus. Es könne vorkommen, dass ein Brief nicht in den Zuständigkeitsbereich gehört. Dann werde dieser aussortiert. Jeder Zusteller müsse zudem jeden Brief scannen, den er in sein Fahrzeug lädt. Dadurch wird der Weg bis zur Zustellung dokumentiert. So bekommt jeder Brief die Scan-Identifikation des jeweiligen Zustellers. Der betreffende Brief hatte die ID des Angeklagten. Dieser hätte spätestens bei der Zustellung merken müssen, dass eine völlig andere Adresse draufsteht.

Ein technischer Fehler?

Allerdings, es gibt Lücken im System. Es sei durchaus möglich, dass auf dem Brief ein falscher Barcode aufgedruckt war, beispielsweise weil ein Stück eines Codes einer anderen Sendung drauf war. Ausschließen kann die Zeugin einen technischen Fehler jedenfalls nicht.

Und so bleiben erhebliche Zweifel an der Schuld des Angeklagten. Es ist nicht mit der notwendigen Sicherheit nachzuweisen, dass er den Brief vorsätzlich unterschlagen habe. Er habe möglicherweise oberflächlich gearbeitet. Dies sei aber kein strafrechtliches, sondern ein arbeitsrechtliches Problem, so die Richterin. Und so wird der Mann freigesprochen. Da hat sich der Einspruch gegen den Strafbefehl aber mal so richtig gelohnt. Laut Strafbefehl sollte er eine Geldstrafe von 1.750 Euro zahlen. Die ist nun vom Tisch.

Gelernt haben aus der Sache auch die Absender des Briefes. Hätten sie den Brief als Einschreiben mit Rückschein geschickt, hätte der Schwiegersohn den Brief ausgehändigt bekommen und unterschreiben müssen. Den Schaden hat zwar die Versicherung ersetzt, denn das Einschreiben war bis zu 500 Euro versichert. Dennoch schicken sie jetzt kein Geld mehr im Brief. Seit zwei Jahren überweisen sie das Weihnachtsgeld.

Die entscheidende Frage kann aber vom Gericht nicht geklärt werden: Wo ist der Brief mit dem Geld?

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