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Zum Retten bleiben nur 13 Minuten

Auch in Zeiten der Pandemie müssen Feuerwehrleute auf vieles vorbereitet sein. Ein Datum ist ihnen besonders wichtig, sagt Wehrleiter Frank Fischer im SZ-Gespräch.

Seit 2012 ist Frank Fischer Chef der Freiwilligen Feuerwehr in Meißen.
Seit 2012 ist Frank Fischer Chef der Freiwilligen Feuerwehr in Meißen. © Claudia Hübschmann

Herr Fischer, als dieser Tage im Großen Ratssaal das Alarmsignal ertönte, dauerte es eine ganze Weile, bis die Stadträte ihre Ausschusssitzung unterbrachen und den Saal räumten. Was ist da schiefgelaufen?

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Offenkundig waren die Abläufe für das Verhalten bei Alarm, das jeder aus seiner Schulzeit kennen müsste, bei vielen nicht verinnerlicht. Erst als ein Mitarbeiter des Rathauses, der unmittelbar nach Ertönen des Signals den Saal verlassen, einen Schwelbrand auf einer Toilette als Ursache des Alarms ausmachte und sofort zum Feuerlöscher gegriffen hatte, wurde den anderen Anwesenden bewusst, dass es sich nicht um einen Fehlalarm handelte.

Insgesamt haben sich Stadträte und viele Rathaus-Mitarbeiter nicht gerade vorbildlich verhalten. Was ist aus Ihrer Sicht zu tun?

Ich bereite jetzt eine Schulung für alle Stadträte vor, um sie auf das Verhalten bei Alarm und im Katastrophenfall im Rathaus hinzuweisen. Für die Mitarbeiter im Rathaus gilt dasselbe wie in allen Unternehmen oder Institutionen: Einmal jährlich sind sie aktenkundig zu belehren. Das ist Bestandteil des vorbeugenden Brandschutzes. Und sicher sind gelegentliche Probealarme hilfreich, damit jeder das Verhalten und die notwendigen Handlungsabläufe verinnerlichen kann. Die Feuerwehr leistet dabei gern Unterstützung – an Schulen ebenso wie in Firmen. Wir können dafür sorgen, eine Gefahrensituation realitätsnah entstehen zu lassen.

Die Freiwillige Feuerwehr Meißen strebt einen Erreichungsgrad von mindestens 80 Prozent an. So steht es im aktuellen Brandschutzbedarfsplan der Stadt. Heißt das, dass ein Fünftel aller Einsätze sein Ziel nicht erreicht?

Natürlich nicht! Der Erreichungsgrad ist Bestandteil der Schutzzielbestimmung in unserer Stadt. Demnach müssen bei einem Brand die ersten neun Einsatzkräfte innerhalb von 13 Minuten nach der Alarmierung am Einsatzort eintreffen – und zwar in allen Teilen der Stadt. Bei einem Wohnungsbrand liegt die Erträglichkeitsgrenze bei Kohlenmonoxid aus dem Brandrauch bei 13 Minuten. Weitere sechs Einsatzkräfte, das ist ein Löschfahrzeug, müssen innerhalb von 18 Minuten vor Ort sein, um den Brand effektiv bekämpfen und Menschenleben retten zu können. Im vorigen Jahr betrug dieser Wert 96 Prozent – bei insgesamt 274 Einsätzen, bei denen wir nicht nur zum Löschen gerufen wurden, sondern auch zu Hilfeleistungen, Türöffnungen oder dem Beseitigen von umgestürzten Bäumen. Erreichen können wir das nur durch ständiges Training und einsatzbereiter Technik, aber auch dank des Verständnisses der Arbeitgeber unserer Kameraden sowie der Unterstützung durch die Betriebsfeuerwehr der Porzellan-Manufaktur.

Wie wirkt sich die Pandemie auf den Alltag bei der Meißner Wehr aus?

Von Anfang an haben wir allergrößten Wert auf Hygiene-Maßnahmen gelegt. Wir haben uns Infektionsschutzkleidung, Masken und Desinfektionsmittel besorgt. Wenn wir zu Einsätzen ausrücken, fahren wir mit weniger Einsatzkräften auf den Fahrzeugen als sonst üblich, um das notwendige Personal zur Einsatzstelle zu bekommen. Dennoch mussten sich einige Kameraden in Quarantäne begeben – zum Beispiel nach einem Tragehilfe-Einsatz für den Rettungsdienst, als bekannt wurde, dass der Patient positiv auf das Virus getestet worden war.

Um fit für die Einsätze zu sein, müssen Feuerwehrleute regelmäßig trainieren. Wie geht das in Pandemie-Zeiten?

Wir haben den Dienstbetrieb in der Feuerwache drastisch reduziert. Seit März absolvieren wir Dienste, Ausbildung und Training in kleinen Gruppen an mehreren Tagen in der Woche. Ich hoffe sehr, dass wir uns bald wieder regelmäßig dienstags in der Feuerwache an der Großenhainer Straße treffen können. Die 16 Kameraden der Alters- und Ehrenabteilung müssen zu Hause bleiben. Das ist eine Vorsichtsmaßnahme, die uns hart trifft. Auch die Ausbildung in der Jugendfeuerwehr sowie in der Bambini-Feuerwehr kann nicht stattfinden.

Können Sie dennoch etwas für den Nachwuchs der Feuerwehr tun?

Natürlich versuchen wir Kontakt zu halten, auch damit sie nicht die Motivation verlieren. Aber das kann die regelmäßigen Treffen hier nicht ersetzen. Deshalb habe ich ein Konzept geschrieben, damit die 28 Mitglieder der Jugendfeuerwehr ab Juni wieder zur Ausbildung kommen können. Das sind alles Schüler, die in den Schulen zweimal in der Woche getestet werden. Bei unseren Bambinis im Alter von 4 bis 8 Jahren werden wir noch warten müssen, bis sich die Lage weiter entspannt. Zu Ostern haben wir ihnen ein Nest mit Süßigkeiten zukommen lassen. Und am Zaun der Feuerwache an der Großenhainer Straße hatten wir kleine Geschenke „to go“ angebracht, um Meißner Kinder für die Feuerwehr zu begeistern.

Am 17. Juli 1841 wurde die erste Freiwillige Feuerwehr Deutschlands gegründet – in Meißen. Ist das 180. Jubiläum in wenigen Wochen ein Anlass zum Feiern?

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Das Gespräch führte Harald Daßler.

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