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Meister mit 48 Jahren

Michael Langbein war Busfahrer. Für die Familie gab er den Job auf. Heute ist er Keramik-Meister, einer der besten.

© nikolaischmidt.de

Von Susanne Sodan

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Was macht man mit 3 000 Quadratmetern goldenen Fassadenfliesen? Genau weiß es Michael Langbein auch nicht. „Wir haben sie für die Fassade eines Gebäudes in Russland hergestellt“, erzählt er. „Wie es am Ende aussieht, würde mich auch interessieren. Die Russen mögen es immer sehr bunt“, erzählt Langbein. Er arbeitet seit über 20 Jahren im Dachziegelwerk Görlitz. Nun, nach über zwei Jahrzehnten, hat er seinen Meister gemacht, mit 48 Jahren. „Ja, ich war der Älteste in der Meisterausbildung“, sagt er mit einem Schmunzeln. Dafür war er auch der Beste. Auf seinem Zeugnis stehen Fächer wie Fertigungstechnik und Betriebstechnik, Technologie der Roh-, Werk- und Hilfsstoffe, naturwissenschaftliche Grundkenntnisse. Hinter jedem Fach steht ein „Sehr gut“. Er wurde jetzt sogar zur Landesbesten-Ehrung der IHK in Rheinland-Pfalz eingeladen. „Wenn mich jemand fragt, wie das kommt, sage ich immer: Ich wollte doch noch beweisen, dass die Lehrer einst recht hatten.“

Michael Langbein stammt aus Görlitz, besuchte die 10. POS, heute die Oberschule Innenstadt. „Michael könnte, wenn er denn wöllte“ – etwas in dieser Richtung sollen die Lehrer mehr als einmal in seinen Schulzeugnissen vermerkt oder auf Elterabenden gesagt haben. „Ich war damals eigentlich kein schlechter Schüler. Aber ich habe es eben immer bei dem belassen, was sein musste.“ Nach der Schule machte er eine Ausbildung zum Werkzeugmacher und nach der Wende begann er, als Busfahrer zu arbeiten. Zunächst fuhr er im Linienverkehr durchs Görlitzer Umland, dann steuerte er Reisebusse durch Europa. „In Spanien waren wir viel, Österreich, Schweiz, Holland.“ Auf einer der Reisen lernte er seine Frau kennen. Sie war als Gast mitgefahren, später arbeitete sie im selben Unternehmen als Reisebegleiterin. „Wir sind damals eine Weile zusammen gefahren, und wir sind bis heute zusammengeblieben“, erzählt Langbein. Ein schöner Beruf. Aber: Mit Kind, dachten sich die beiden, würde es schwierig werden, ständig auf Tour zu sein. Beide orientierten sich neu. Michael Langbeins Frau arbeitet heute in einem Reisebüro. Er selbst bewarb sich im Dachziegelwerk. Von einem Bekannten hatte er den Tipp damals bekommen. Es klappte und zunächst arbeitete er als Anlagenfahrer, war also für das Bedienen der vielen Maschinen zuständig.

Ein bisschen erinnert das Dachziegelwerk an Charlys Schokoladenfabrik. Überall bewegt sich etwas, die vielen Fließbänder, meterhohe Transportsysteme. Statt Schokolade bewegen sich Fassadenziegel auf den Bändern. Dachziegel, wie man dem Namen des Werkes nach annehmen könnte, entstehen hier seit rund zwei Jahren aber nicht mehr. Die Produktion wurde 2016 aus dem Görlitzer Werk ausgelagert, was auch mit einem Personalabbau einherging. Was blieb, waren die Fassenziegel.

Flach, rechteckig, fertig, so stellt man sie sich vor. Die Ideen von Architekten sind mittlerweile sehr viel kreativer, sagt Langbein. Für einen spanischen Auftraggeber hat das Ziegelwerk kürzlich leicht abgerundete, orangefarbene Fassadenziegel hergestellt, gezackte Oberflächen waren auch schon dabei. „Es ist vieles möglich, aber nicht alles.“ Egal welche Form, sie brauchen eine stabile Statik. Und sie müssen in den Ofen passen. Die beiden Brennöfen erinnern an zwei sehr lange Reihen Bankschließfächer, 90 Meter lang. Vorm Brennen stehen aber viele andere Schritte an. Seit mehreren Jahren ist Langbein zuständig für Planung und Dokumentation der Produktion. Für ihn ist Ton, am Ende der Ziegel, ein besonderes Material. „Eisen rostet, Plastik verwittert. Ton kann ein Leben lang halten. Und es ist ein Naturprodukt.“

Warum er nun, nach zwanzig Jahren im Werk, noch seinen Meister gemacht hat? Zwei Kollegen hatten es vorgemacht und dann stand die Frage, ob auch Michael Langbein Interesse hätte. Er hatte, aber die Zeit bis zum Beginn des nächsten zweijährigen Ausbildungsganges war zu knapp, um alles zu organisieren, einen Ersatz im Werk für ihn zu finden für die Zeiten, in denen er nicht in Görlitz sein würde. Die Ausbildung – Industriemeister in der Fachrichtung Keramik – findet an einer Fachschule nahe Koblenz in Rheinland-Pfalz statt. Für mehrmonatige Blöcke sind die Teilnehmer dort vor Ort. Am Ende klappte es aber doch. Vor über zwei Jahren begann ein neuer Ausbildungsjahrgang – mit Michael Langbein. „Ich dachte, wenn ich das jetzt nicht mache, dann wird es vom Alter wirklich zu spät für mich.“ Die jüngsten der Kursteilnehmer waren Mitte zwanzig.

Gewohnt hat er während der Ausbildungsblöcke in einer Unterkunft etwas außerhalb: „Wir sind abends auch mal weggegangen in Koblenz, wir haben Lerngruppen gebildet. Für mich war es noch mal wie in der Ausbildung.“ Seine Frau habe ihn sehr unterstützt. Als es an die Prüfungen ging, fragte sie den Stoff ab und war sein Testlehrling für die Ausbilderprüfung. Der Ehrgeiz kam ganz zum Schluss. Als er aus den ersten Prüfungen mit „sehr gut“ rausging, „da wollte ich es dann doch wissen“.