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„Mensch, ärgere dich“ im Seniorenheim

Der Bundesfreiwilligendienst ist eine feine Sache – wenn er funktioniert. Erfahrungen aus Zittau und Bischofswerda.

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© Matthias Weber

Von Tilo Berger

Zittau-Ost gilt nicht gerade als Stadtviertel der Betuchten. Hier wohnen Menschen, die jeden Cent dreimal umdrehen müssen. Wie die alleinerziehende Mama, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Viel kann sie ihren beiden Jungen nicht bieten, aber sie macht das Beste draus. So gehen sie gern zum Treffpunkt Zittau-Ost. In dem Flachbau gibt es immer mal Spielenachmittage für Kinder, das gefällt den Jungs, und sie selbst kommt unter Leute. Seit einigen Wochen aber ist irgendetwas anders. Vertraute Gesichter sind nicht mehr da, überhaupt ist seltener was los im Treffpunkt. Warum, weiß die junge Frau nicht. Aber sie bedauert das ganz sehr.

Auch Ilka Kerber ärgert sich, dass im Treffpunkt Zittau-Ost jetzt weniger los ist. Schließlich ist es ihr Verein, der Leben in den kleinen Bau am Stadtrand bringt. Dafür sorgten bis vor ein paar Wochen auch neun Bufdis – Frauen und Männer, die einen Bundesfreiwilligendienst leisten. Dieser Dienst wurde im Juli 2011 eingeführt. Im Unterschied zum bis dahin möglichen Zivildienst ist das nicht nur was für junge Männer, die der Bundeswehr entgehen wollten. Bundesfreiwilligendienst kann jeder leisten, der seine Pflichtschulzeit hinter sich hat. Deutschlandweit sind derzeit mehr als 35 000 Bufdis im Einsatz. Für ein Taschengeld helfen sie dort, wo sonst eine Lücke klaffen würde – in Krankenhäusern, Seniorenheimen, im Katastrophenschutz und in Vereinen. Wie bis vor einiger Zeit beim vbff in Zittau. Die vier Buchstaben stehen für das Vereinsprogramm: Vereinbarkeit von Beruf und Familien fördern.

Der Verein betreibt unter anderem eine Kleiderkammer in Zittau und eine Suppenküche in Hoyerswerda. Leute des Zittauer Vereins fahren in Seniorenheime und spielen dort mit den Bewohnern „Mensch, ärgere dich nicht“. Im Kinderkurheim Jonsdorf bietet der vbff Töpferkurse an. Und er unterbreitet Freizeit-Angebote wie eben im Treffpunkt Zittau-Ost. Das geht nur mit wirklich vereinten Kräften, die Ilka Kerber einteilen muss: Angestellte des Vereins, ehrenamtliche Helfer und eben die Bufdis.

Nur: Letztere fehlen jetzt. Im vergangenen Jahr hatte der vbff noch mit 60 Bundesfreiwilligendienstlern Verträge, doch die sind inzwischen abgelaufen. Jetzt versucht der Verein irgendwie, wenigstens einen Teil seiner Angebote aufrechtzuerhalten. „Ohne Ehrenamtliche, die das aus Spaß an der Sache machen, ginge es gar nicht weiter. Von unseren Mitarbeitern macht auch jeder viel mehr, als er müsste“, lobt Ilka Kerber ihre Leute. Trotzdem musste der vbff seine Besuche in Seniorenheimen ebenso streichen wie die Betreuung von Migranten. Bisher kümmerten sich fünf Leute um die Kleiderkammer, jetzt sind es zwei. Die Vereinschefin ist verzweifelt: „Da fehlt richtig was!“ Nicht, weil es zu wenig Frauen und Männer gäbe, die diesen freiwilligen und sinnvollen Dienst gern täten. „Wir haben viele Bewerber, besonders aus älteren Jahrgängen“, sagt Ilka Kerber. Aber: Der vbff kann ihnen keine Stellen geben.

Am Ende fehlt das Geld

Das liegt an dem Verfahren, wie diese Stellen aufgeteilt werden. Deutschlandweit tun dies 20 Zentralstellen, meist Träger der freien Wohlfahrtspflege wie etwa Bund für Umwelt und Naturschutz, Arbeiterwohlfahrt oder Deutsches Rotes Kreuz. Jede dieser Stellen hat ein bestimmtes Kontingent an Bufdi-Stellen und entscheidet selbst, wie sie diese vergibt. Die Oberhoheit darüber liegt beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben in Köln, kurz Bafza. Das Amt vergibt auch selbst Bufdi-Stellen an Kommunen und Vereine – wie an den Zittauer vbff. Im Herbst 2014 kündigte das Bafza an, seine neuen Stellen für den Bundesfreiwilligendienst am 10. Dezember im Internet zu verteilen. „Niemand wusste, dass dies früh ab 6 Uhr erfolgen würde“, empört sich Ilka Kerber. Als sie auf gut Glück 6.20 Uhr auf die Internetseite des Amtes schaute, waren alle Stellen weg.

Bafza-Sprecherin Antje Mäder kann die Kritik nicht nachvollziehen: „Die Stellen wurden in der Reihenfolge des Eingangs vergeben. Die Einrichtungen wurden vorab über das Online-Portal über diesen Termin informiert.“ Aber sie räumt auch ein, dass die Nachfrage vielerorts das Angebot übersteigt: „Es gibt zum Teil mehr Bewerberinnen und Bewerber für den Bundesfreiwilligendienst, als Haushaltsmittel zur Verfügung stehen.“ Einen Termin, wann das Bafza die nächsten Stellen vergibt, nennt sie nicht. Aber egal, wann – Ilka Kerber weiß schon, dass sie online auf der Lauer liegt.

Neben Vereinsmitgliedern und ehrenamtlichen Helfern lindert das Zittauer Jobcenter die größte Not. Das bezahlt dem vbff einige Ein-Euro-Jobber – aber nur befristet bis Ende September. Der Bundesfreiwilligendienst dagegen kann bis auf zwei Jahre verlängert werden. Nicht nur wegen dieser längeren Sicherheit und etwas mehr Geld würden Heiko Strehle, Andre Nowotny und Dirk Hauptmann sofort eine Bufdi-Stelle antreten. Die drei Oberlausitzer haben in den vergangenen Monaten beim vbff einen Service aufgebaut, der sich im weitesten Sinne als Sozialberatung bezeichnen lässt. Was das konkret bedeutet, erklärt eine Oma, die gerade das Haus des Vereins betritt. Sie ist auf Wohngeld angewiesen, das muss jetzt mal neu berechnet werden. Dazu muss sie zwei Seiten voller Feldchen und Kästchen ausfüllen. „Lachen Sie nicht, aber ich komm damit nicht mehr klar mit fast Neunzig.“ Aber die Oma weiß, wo sie Hilfe bekommt. Da sitzt keiner in Schlips und Kragen und redet Behördendeutsch. Sondern Leute in Jeans und T-Shirt und sprechen die Sprache ihrer Besucher.

„Es gibt Tage, da geben sich die Leute bei uns die Klinke in die Hand“, berichtet der 42-jährige Heiko Strehle, der den sogenannten zweiten Arbeitsmarkt aus eigenem Erleben kennt. Mal hier eine befristete Maßnahme, mal dort. Noch nie fühlte er sich dabei so gebraucht wie im Nachbarzimmer von Ilka Kerber. Hierher kommen Arbeitslose, Rentner, Asylbewerber – und alle brauchen Unterstützung. „Wir helfen beim Ausfüllen von Formularen, vermitteln Gesprächspartner oder hören einfach zu, wenn jemand sein Herz ausschütten will“, sagt Heiko Strehle. „Aber wir wissen nicht, wie es ab Oktober weitergeht“, ergänzt Andre Nowotny. „Nicht nur mit uns selbst, sondern auch damit, was wir jetzt hier aufgebaut haben. Die Leute brauchen doch einen Ansprechpartner!“

Es geht um mehr als die Pflicht

Ilka Kerber in Zittau hat jede Menge Bufdi-Bewerber, aber keine Stellen – Birgit Pietrobelli in Bischofswerda plagen genau entgegengesetzte Sorgen. Sie könnte für das dortige Kinder- und Jugendnetzwerk zwölf neue Bundesfreiwilligendienstler brauchen. Genug Stellen bekam sie von ihrer Zentralstelle, dem Internationalen Bund. Aber es fehlen Bewerber, besonders ältere.

Zu tun gibt’s genug: Das Bischofswerdaer Netzwerk betreut beispielsweise in den Lausitzer Werkstätten in Hoyerswerda Menschen mit Handicap, spielt mit Kindern in einer Großröhrsdorfer Tagesstätte oder greift den Mitarbeitern im Barockschloss Rammenau unter die Arme. Insgesamt 35 Einsatzstellen betreut das Bischofswerdaer Kinder- und Jugendnetzwerk. „Wir sind wahrscheinlich noch zu wenig bekannt“, überlegt Birgit Pietrobelli. „Wenn wir nicht genügend Bufdis finden, wird es für die einzelnen Einrichtungen schwer, mehr als nur ihre Pflicht zu tun.“ Viel Zeit bleibt nicht mehr, die vom Internationalen Bund bewilligten Stellen beginnen am 1. September.

In Bischofswerda fehlen Bufdi-Bewerber, in Zittau freie Plätze – wäre es da nicht am einfachsten, Stellen von hier nach da umzuschichten? Das geht nicht, erklärt die Bafza-Sprecherin, jede Zentralstelle für den Bundesfreiwilligendienst hat nun mal ihr Kontingent. Ilka Kerber in Zittau wüsste dennoch, wie sie ein paar Plätze beschaffen könnte. Bei Recherchen ist sie auf eine Art Schwarzmarkt für den Bundesfreiwilligendienst gestoßen: Es gibt Vereine, die ihre überschüssigen Stellen verkaufen. Die Rede ist von 100 Euro pro Bufdi-Platz. Doch da spielt der Zittauer vbff nicht mit. „Das Geld steck ich lieber in die Vereinsarbeit und unsere Angebote“, steht für Ilka Kerber fest.