Merken

Menschen werden zu Büchern

Am Freitag feiert im Humboldt-Gymnasium in Radeberg eine ungewöhnliche Idee Premiere: eine lebendige Bibliothek.

Teilen
Folgen
© Thorsten Eckert

Von Jens Fritzsche

Hörbücher gibt es ja bereits; aber lebendige Bücher? Am Freitag werden in Radeberg erstmals lebendige Bücher in einer ungewöhnlichen Bibliothek zur Ausleihe bereitstehen. Denn von 18 bis 20 Uhr öffnet dann im Radeberger Humboldt-Gymnasium die erste „Lebendige Bibliothek“, die es in der Region gibt. Und die „Bücher“ sind in diesem Fall Menschen, die ihre Geschichte erzählen werden. Immer 20 Minuten lang – „und die Leser können die Bücher natürlich auch etwas fragen, es sollen keine Monologe bleiben“, beschreibt der bekannte Radeberger Mediziner Dr. Hartmut Kirschner. Er hatte die Idee zu dieser ungewöhnlichen Bibliothek. „Wobei es nicht wirklich meine Idee ist“, räumt er ein. Der Radeberger hatte vor einiger Zeit in einer christlichen Wochenzeitung einen Beitrag gelesen, „in dem darüber berichtet worden war, dass es unter anderem in Köln genau ein solches Projekt gegeben hatte, bei dem Menschen quasi zu lebendigen Büchern geworden waren“, erzählt er. Und das Ganze faszinierte ihn, dass sich Leute mit interessanten Biografien, ungewöhnlichen Hobbys oder eben mit ihrer Biografie auf ungewöhnliche Weise in die Öffentlichkeit wagen. „Indem sie sich wie in einer Bibliothek sozusagen ausleihen lassen, um quasi aus sich selbst vorzulesen, indem sie über sich erzählen“, beschreibt Hartmut Kirschner. Und hofft nun, dass das auch in Radeberg funktionieren wird.

Immerhin 24 „Bücher“ hat er aktivieren können. „Es hat zwar ein bisschen länger gedauert, als ursprünglich gedacht“, verweist er darauf, dass sein Telefon nicht gerade emsig geklingelt hatte, nachdem er sich erstmals mit der Idee in die Öffentlichkeit gewagt hatte. „Einige haben sich zwar gemeldet, aber etwa zwei Drittel habe ich angesprochen, mitzumachen“, sagt er. Und findet, dass es eine durchaus spannende Mischung ist, die hier nun am Freitagabend zusammenkommen wird.

Mit dem Buch ins Gespräch kommen

So wird eine Frau darüber erzählen, welch ungewöhnliche Methode sie hat, mit Stress umzugehen. Eine Gefängnisseelsorgerin wird über ihre Arbeit berichten; ein Mann erzählt über sein zu DDR-Zeiten erlebtes Afrika-Abenteuer. Und Hartmut Kirschner selbst wird auch als „Buch“ aktiv sein; wird über sein Fachgebiet Psychotherapie und Seelsorge berichten. „Dass auch meine Frau dabei ist, finde ich sehr beeindruckend“, macht der Radeberger zudem deutlich. Denn Dr. Ingeborg Kirschner wird über ein Nahtoderlebnis berichten, das sie bei der Geburt ihrer Kinder durchleben musste.

Funktionieren wird die lebendige Bibliothek dabei quasi wie eine „richtige“. Es wird zwei Bibliothekarinnen geben, die sozusagen die Ausleihe der „Bücher“ organisieren. An einem Aushang werden Kurz-Zusammenfassungen zu den einzelnen Akteuren zu finden sein, dann können sich die Interessierten anmelden, um eines der „Bücher“ auszuleihen. „Wobei es nicht nur Einzel-Ausleihen geben wird, sondern es können auch mehrere Interessierte gleichzeitig einem der Bücher zuhören und mit ihm ins Gespräch kommen“, beschreibt Hartmut Kirschner den geplanten Ablauf. Nach 20 Minuten wird das „Buch“ dann sozusagen zurückgegeben, ein anderer „Leser“ bekommt es, „und man wechselt dann zum nächsten Buch“, so die Idee.

Kommt das Ganze bei den Radebergern an, wird die lebendige Bibliothek gut zwei Mal pro Jahr öffnen. „Wir hoffen auch auf immer neue Leute, die sich als Bücher bereitstellen werden“, sagt Hartmut Kirschner. Und weiß schon von einigen, dass sie beim nächsten Mal dabei sein werden, „weil sie diesmal verhindert sind“.

Eine Liste der aktuellen „Bücher“ für Freitag liegt bereits im Radeberger Buchladen an der Hauptstraße aus.

Die „Lebendige Bibliothek“ öffnet am Freitagabend von 18 bis 20 Uhr im Radeberger Humboldt-Gymnasium. Der Eintritt ist frei.