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Messen ohne Menschen

Die Wetterwarte auf dem Fichtelberg soll automatisiert werden. Dagegen formiert sich Widerstand.

© Thomas Kretschel

Von Thilo Alexe

Die Glocke auf dem höchsten Gipfel Sachsens ertönte laut und lang. Die Schläge vor zwei Wochen galten jedoch nicht nur dem Sonntag. Sie zeigten einen akustischen Protest auf dem Fichtelberg an. Von der benachbarten Wetterwarte soll Personal abgezogen werden. Dagegen richtet sich der Unmut von Umweltschützern.

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Die Diskussion ist vielschichtig. Etwa deshalb, weil es um einen bekannten, geschichtsträchtigen Ort geht. Die Wetterwarte mit dem markanten Turm liefert seit mehr als 100 Jahren Daten. Sie verfügt seit 1916 über eine einmalige, lückenlose Klimareihe. Zudem geht es um die Frage, ob die für 2019 geplante vollständige Automatisierung bei den Messungen menschliches Know-how ersetzen kann.

Die Grünen bezweifeln das. „Viele automatische Messgeräte haben aufgrund der Witterungsverhältnisse auf Sachsens höchstem Gipfel die bisherigen Tests nicht bestanden und mussten wieder abgebaut werden“, betont der erzgebirgische Kreisverband der Partei. Er hat eine Petition zum Erhalt der Wetterwarte initiiert.

Betreiber ist der deutsche Wetterdienst. Die Automatisierung ab dem 1. Januar 2019 sei „Ergebnis einer langfristigen Strategie“, teilt die Bundesoberbehörde auf Anfrage mit. „Die bisherigen Erfahrungen – auch aus anderen Ländern – zeigen, dass die Automation meteorologischer Netze die Anforderungen der Nutzer aus Wettervorhersage und Klimaüberwachung erfüllen“, heißt es in der vor zwei Jahren veröffentlichten Begründung für den Schritt.

Der Wetterdienst will bis 2021 alle Stationen, an denen hauptamtliche Mitarbeiter messen, ans automatische Netz bringen. 2015 waren das etwa die Hälfte der rund 180. Dazu kommen etwa 1 800 Messstellen, die ehrenamtlich betreut werden und von der Planung unberührt sind.

Mittlerweile ist das Thema auch in der Landespolitik angekommen. Die Grünen haben den Erhalt des Fachpersonals – derzeit sind es sechs Mitarbeiter – zum Thema im Landesparlament gemacht. Fraktionschef Volkmar Zschocke, der zwei Anfragen dazu an Umweltminister Thomas Schmidt (CDU) gestellt hat, äußert Zweifel an der künftigen Belastbarkeit der Wetterdaten: „Es ist fatal, darauf zu vertrauen, dass nach einer Vollautomatisierung die bisherige Datenqualität erhalten bleibt.“ Zschocke kritisiert zudem, dass dem Fichtelberg vom Wetterdienst der Status einer Referenzstation – dort werden Messtechniken verglichen – vor drei Jahren aberkannt wurde: „Die Wetterwarte auf dem Fichtelberg muss wieder Klimareferenzstation werden und braucht dafür auch weiterhin Fachpersonal zur Wetterbeobachtung.“

Zschocke verweist dabei auf die Entwicklung an der Station Großer Arber im Bayerischen Wald. Sie ist bereits automatisiert. Nach Einschätzung des Politikers werden „die Wetterdaten nur noch sehr lückenhaft wiedergegeben“. Zwar könne über die Internetseite wetteronline.de eine grafische Darstellung für die vergangenen Wochen abgerufen werden. Allerdings fehlten da beispielsweise Schneehöhen.

Trotz zweier Weltkriege, Blitzeinschlägen und eines Großbrandes hat die Station auf dem knapp 1 215 Meter hohen Fichtelberg lückenlos das Wetter erfasst. Neben den von den Grünen befürchteten Einschnitten diskutieren Experten noch weitere Fragen. Wie wichtig ist die menschliche Kompetenz etwa für Vorhersagen von Hochwasser? Und hat die Automatisierung Auswirkungen auf die Wissenschaft? „Gerade für die Klimaforschung werden ununterbrochene Messreihen in hoher Qualität benötigt“, sagt Zschocke.

Sachsens Regierung ist offensichtlich auch nicht ganz glücklich über den Abzug des Personals. Die Staatsregierung habe gefordert, dass Klimadaten auch künftig „in unveränderter Qualität zur Verfügung stehen“. Zudem solle der Wetterdienst die Länder rechtzeitig über Änderungen im Messnetz informieren, heißt es in der Antwort von Minister Schmidt auf eine der Zschocke-Anfragen.

Doch kann Sachsen wenig gegen die Änderungen tun, der Wetterdienst ist dem Bundesverkehrsministerium zugeordnet. Allerdings hätten sich die Länder, wie Schmidt berichtet, in einem Gremium der Umweltministerkonferenz mit der Neuausrichtung des Messnetzes befasst und Vertretern des Dienstes ihre Anforderungen geschildert. Offensichtlich konnten sie Bedenken ausräumen. Nach Angaben des Wetterdienstes, schreibt Schmidt, werde die Datenqualität auch bei einer Umstellung gewährleistet.