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Messung auf eigene Faust

Vor dem Straßenausbau in Gombsen hinterfragte ein Anwohner Verkehrszahlen im Amtsblatt – nicht zu Unrecht.

© Karl-Ludwig Oberthür

Von Stephan Klingbeil

Gombsen. Dieser Mann wollte es wissen: Elektromeister Steffen Hentzschel wunderte sich über Veröffentlichungen zu einer Verkehrszählung an der Baumschulenstraße in Kreischa im Amtsblatt der Gemeinde. Auf der Lockwitzer Straße im Kreuzungsbereich mit der Baumschulenstraße passierten laut der offiziellen Messung rund 2 800 Autos in acht Stunden den Kreuzungsbereich. Bei einem weiteren Messpunkt im Bereich Ecke Kreischaer Straße würden indes täglich etwa 600 Fahrzeuge entlang fahren. „Das sind auf jeden Fall zu wenig“, dachte sich der Gombsener vom ortsansässigen EMS Electric Meisterservice.

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© Grafik: SZ

Die Zählung steht im Zusammenhang mit dem geplanten Ausbau der Baumschulenstraße und der abzweigenden Kreischaer Straße im Ortsteil Gombsen. Für die Planungen sind die Verkehrsströme wichtig.

Hentzschel misstraute den im August veröffentlichten Zahlen. Es seien sicher mehr Autos, die jeden Tag vor seinem Firmensitz die Baumschulenstraße entlang fahren. Wie andere Anwohner hofft auch er auf den Ausbau der beiden Straßen, doch nicht nur wegen ihres schlechten baulichen Zustands. Sie setzen vor allem darauf, dass sich mit der Straßenerneuerung der Verkehr spürbar verringert. „Die Ortsdurchfahrt ist nicht für das jetzige Verkehrsaufkommen ausgelegt“, sagt er.

Mehrere Anwohner klagen, dass der Asphaltstreifen vor ihrer Haustür insbesondere im Berufsverkehr als Abkürzung genutzt wird – wohl von Autofahrern, die am Morgen aus Richtung des Ortsteils Saida, aus Pirna oder Dohna kommen und zum Beispiel in der Kreischaer Bavaria-Klinik arbeiten oder weiter nach Freital wollen.

Sie fahren über die wichtigste Verbindungsstraße in Gombsen, über die Baumschulenstraße. Von dort biegen viele dann in die Kreischaer Straße ein, um auf die S 183, also die Lockwitzer Straße zu gelangen, um ein paar Meter Fahrtweg zu sparen. Nach Feierband, am späten Nachmittag, schließlich dasselbe Problem – dieses Mal allerdings in umgekehrter Richtung.

Mit dem Ausbau soll es für Autofahrer unattraktiver oder gar unmöglich werden, die Kreischaer Straße zu benutzen. Der Verkehr soll auf die Baumschulenstraße gezogen und an der S 183 mit T-Kreuzungen übersichtlicher werden. Gehwege und Regenwasserkanäle sollen angelegt werden.

Da die offizielle Zählung wichtig für die Bauplanungen ist, stellte Hentzschel – quasi zur Überprüfung – eine eigene Zählung auf die Beine. Dazu platzierte er eine Lichtschranke an der Baumschulenstraße, 150 Meter hinter der Kreuzung Kreischaer Straße in Richtung Saida. Den Akku wechselte er regelmäßig.

Nach den Ferien, zwischen 7. und 24. August durchfuhren Tausende Autos die Lichtschranke, die in 80 Zentimeter Höhe installiert worden war. „Damit Hunde oder Katzen, die hier entlang laufen, ausgeklammert werden“, erklärt der Elektromeister. Fußgänger wurden zwar auch mitgezählt. „Aber das hält sich hier im Rahmen, das ist ja keine Wanderroute.“ Hentzschel wertete die Zahlen dann aus und kam auf durchschnittlich 1 277 Querungen der Lichtschranke pro Tag. Der Spitzenwert habe bei 1 428 gelegen. Es sei zwar keine belastbare Messung gewesen. Doch seien die Zahlen weit höher als im offiziellen Gutachten.

Der Gombsener übergab seine Messergebnisse schließlich Bürgermeister Frank Schöning (FBK). Dieser räumte bei der jüngsten Gemeinderatssitzung ein, dass die 600 Fahrzeuge, von denen im Amtsblatt die Rede war, in der Tat zu wenig seien. Dies hänge mit einem Übermittlungsfehler aus dem Gutachten zusammen. Die Zahl entspräche nur der Frequenz aus einer Fahrtrichtung. Tatsächlich seien es insgesamt 1 440 Autos im Schnitt, die die Baumschulenstraße in diesem Bereich querten. Die Durchschnittswerte aus der anonym durchgeführten Messung von Hentzschel würden diese Zahl in etwa bestätigen.

Ende 2018 sei laut Schöning vielleicht mit dem Baubeginn zu rechnen. Kreischa hofft auf 1,5 Millionen Euro an Fördermitteln für den Ausbau, mit dem es für Autofahrer künftig unattraktiver oder sogar unmöglich werden soll, die Kreischaer Straße zu nutzen. Einschließlich aller Planungen, Flächenkauf und Vermessungen koste der gesamte Ausbau rund 2,3 Millionen Euro.