merken

#MeToo bei den UN

Auch bei den Vereinten Nationen gibt es Berichte über sexuelle Belästigung und gewaltsame Übergriffe. Viele Betroffene fühlen sich von ihrem Arbeitgeber allein gelassen und erheben schwere Vorwürfe.

© Kay Nietfeld/dpa

Helen Corbett

Görlitz – Immer eine Reise wert

Die Stadt Görlitz wird von vielen als „Perle an der Neiße“ oder „schönste Stadt Deutschlands“ bezeichnet. Warum? Das erfahren Sie hier.

New York. Die Vereinten Nationen stehen für Gerechtigkeit und internationale Gleichberechtigung. Ein Organ, das Standards setzt. Aber auch in einer solchen Organisation werden Vorwürfe sexueller Belästigung laut - in den eigenen Büros.

44 000 Mitarbeiter beschäftigen die UN in einem weitgefächerten Netzwerk in aller Welt und ihren vier Zentralen in New York, Genf, Wien und Nairobi. In einem vergangene Woche veröffentlichten Bericht in der britischen Zeitung „Guardian“ haben Dutzende UN-Mitarbeiter in mehr als zehn Ländern anonym Anschuldigungen vorgebracht. Sie reichen von sexueller Belästigung über Übergriffe bis hin zu Vergewaltigung.

Nur wenige Betroffene erstatten Anzeige. „Wenn du es anzeigst, ist deine Karriere sehr schnell vorbei“, zitiert die Zeitung eine Beraterin, die angab, während der Arbeit für das Welternährungsprogramm belästigt worden zu sein. Schlimmer noch: Mehrere Frauen, die ihren Angaben nach sexueller Belästigung und Übergriffen ausgesetzt waren, gaben an, nach einer Anzeige aus ihren Jobs gedrängt oder mit einem Jobverlust bedroht worden zu sein. Die Beschuldigten dagegen seien weiterhin auf ihren Posten. Dutzende berichten von einer Kultur des Schweigens.

Die Ängste der vom „Guardian“ zitierten Opfer ähneln den Aussagen der Hollywood-Schauspielerinnen, die aus Furcht vor beruflichen Nachteilen schwiegen und sich erst im Zuge der #MeToo-Debatte zu Wort meldeten. Viele befürchteten Vergeltung - hatten Angst, ihnen würde nicht geglaubt.

Es ist nicht der erste Skandal um sexuelle Belästigung bei den Vereinten Nationen. UN-Friedenswächtern wird etwa in Afrika Vergewaltigung und Missbrauch von Minderjährigen zur Last gelegt. Die Aufarbeitung dieses Skandals ist eine der wichtigsten Reformen des neuen UN-Generalsekretärs Antonio Guterres, der im vergangenen Jahr den Posten übernahm.

Stephane Dujarric, Sprecher von Guterres, sagte in einer Reaktion auf den Bericht in der britischen Zeitung: „Niemand glaubt, dass die UN anders sind als andere Organisationen, die sexuelle Belästigung gesehen haben - öffentliche wie private“. Die Aktivistin Paula Donovan ist anderer Meinung: „Ich glaube, es ist viel schlimmer in den UN“, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur.

Mit ihrer Kampagne „Code Blue“ setzt sie sich dafür ein, die Straffreiheit für sexuelle Ausbeutung durch UN-Blauhelme zu beenden. Oft sei nicht klar, ob mutmaßliche Täter diplomatische Immunität genießen.

Jan Beagle, Vorsitzende einer UN-Arbeitsgruppe zur Aufklärung sexueller Belästigung, betont in einem Brief an den „Guardian“: UN-Mitarbeiter, die eines Verbrechens beschuldigt werden, genießen keine diplomatische Immunität. Die UN heben in solchen Fällen die Immunität auf, um Strafverfahren zu erleichtern. Allerdings ist im Fall einer Straftat das Gastland für die Verfolgung zuständig, wie Dujarric sagt. Die UN kooperieren in diesen Fällen, fügt er hinzu.

Von den 193 UN-Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen haben 68 keinerlei rechtliche Bestimmungen zum Schutz von Frauen vor sexueller Belästigung am Arbeitsplatz, wie die Universität von Kalifornien in Los Angeles untersucht hat. Daher sei ein einheitliches System für Ermittlungen quer durch die UN sehr wichtig, meint Rachel Vogelstein von der Denkfabrik „Council on Foreign Relations“.

Sie fordert auch interne Konsequenzen für Täter: „Während diplomatische Immunität UN-Mitarbeitern helfen kann, Strafen in nationalen Gerichten zu entgehen, schützt sie sie nicht davor, wegen der Verletzung von UN-Richtlinien gefeuert zu werden“, schrieb Vogelstein der Deutschen Presse-Agentur.

Um sich des Ausmaßes des Problems bewusst zu werden, haben die Vereinten Nationen eine Mitarbeiterbefragung initiiert und eine Beratungs-Hotline eingeführt. Guterres fahre eine „Null-Toleranz-Politik“ bei sexueller Belästigung, sagte Sprecher Dujarric. Bereits vor einigen Jahren seien Mitarbeiter schriftlich informiert worden, was als Belästigung gelte und wie damit umzugehen sei, „aber diese Prozesse können und sollen immer noch weiter verstärkt werden.“

„Die Botschaft von oben ist, dass so ein Verhalten nicht toleriert werde, dass Täter zur Verantwortung gezogen werden und es keine Angst geben solle, sich zu äußern“, so Dujarric. Die Frage ist, ob diese Botschaft alle 44 000 Mitarbeiter weltweit erreicht. (dpa)