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„Mich hat dann der Schlag getroffen“

Benjamin Kirsten spricht im Magazin Schwarz-Gelb über den Abschied von Dynamo und die Last seines Namens.

© Robert Michael

Von Sven Geisler

Die Trennung kam so plötzlich wie unerwartet. „Vertrag von Benjamin Kirsten wird nicht verlängert“, hatte Dynamo die Pressemitteilung vom 22. April 2015 überschrieben. Die Erklärung: Uwe Neuhaus, der bereits als neuer Cheftrainer verpflichtet worden war, wolle einen Umbruch auf der Torwartposition. Das Aus für Kirsten nach sieben Jahren bei dem Verein, mit dem sein Vater Ulf DDR-Meister und -Pokalsieger geworden war.

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Das Saison-Magazin Schwarz-Gelb mit Interviews mit Stefan Kutschke und Benjamin Kirsten ist für 8,90 Euro ab 7. Juni erhältlich in allen SZ-Shops und: www.editionSZ.de
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Jetzt hat Kirsten junior so offen wie noch nie über den bitteren Abschied gesprochen: im Interview für das Saisonmagazin Schwarz-Gelb. „Ich hatte doch schon ein Angebot bekommen, übrigens ohne über Geld zu verhandeln“, sagt der 29-Jährige. „Ich habe immer gesagt: Ich bleibe bei Dynamo, solange man mich haben will. Ich hätte das nie durch Pokerei gefährdet.“ Deshalb habe es ihn schwer getroffen, Gerüchte zu hören, er sei der teuerste Spieler und musste deshalb weg. „Es ist in den Gesprächen nicht eine Zahl genannt worden. Ich wurde gefragt: Wir machen es so weiter? Und ich habe sofort gesagt: Ja.“

Er wisse die Gründe, das sei wichtig gewesen, um mit dem Kapitel abzuschließen. „Ich würde sie aber nie öffentlich sagen, denn das geht niemanden etwas an.“ Allerdings deutet er an, dass es etwas mit seinem Namen zu tun hatte. Der sei „auf der Ebene in Deutschland“ schon hinderlich, sagt Benny Kirsten. „Es gibt Dinge, die kann ich nicht steuern, die sind von Geburt an nicht veränderbar.“ Als er 2008 nach Dresden kam, schien das tatsächlich ein Freundschaftsdienst von Ralf Minge für seinen Kumpel Ulf zu sein.

Doch spätestens, als Kirsten junior in der entscheidenden Phase der Aufstiegssaison 2010/11 von Trainer Matthias Maucksch zur Nummer eins befördert und unter dessen Nachfolger Ralf Loose in den Relegationsspielen gegen Osnabrück überragend gehalten hatte, war er aus dem Schatten seines Vaters getreten.

Ulf Kirsten vertrat die Interessen seines Sohnes, hatte auch mit Neuhaus am Tisch gesessen. „Mein Vater war der beste Stürmer, den es meiner Meinung nach in der Bundesliga je gab. Er ist aber vor allem ein Charakter, der sich nicht verbiegen lässt“, meint Benny Kirsten: „Ich glaube, dass einige Vereine – von einem wissen wir es sicher – denken: Wenn wir Kirsten junior holen, haben wir den Vater an der Backe. Dabei ist das nicht der Fall. Er hat von mir einen Maulkorb gekriegt, außer in einem einzigen Fall.“ Das war nach dem Aufstieg 2011, als es um einen neuen Vertrag ging. Sein Vater habe sich von Ex-Sportchef Steffen Menze „persönlich veralbert gefühlt“.

Die Verhandlungen hatten sich ewig hingezogen, zudem war mit Dennis Eilhoff ein potenzieller Nummer-eins-Torhüter geholt worden. In der Phase habe er gemerkt: „Wow, in dem Geschäft kannst du dich auf niemanden wirklich verlassen. Man ist ein Spielball. Jeder ist für sich allein, Vertrauen im Fußball zu finden, ist echt schwierig“, sagt Benjamin Kirsten.

Er hat sich auch in der zweiten Liga bei Dynamo durchgesetzt und 2012/13 eine überragende Saison gespielt: fünf von sieben Elfmetern gehalten, Notenbester aller Spieler im Fachmagazin Kicker. Damit war er einer der Garanten für den knappen Klassenerhalt, und doch spürte er bereits, dass es kaum besser werden würde. Seine Analyse im Rückblick: „Von der Qualität der Spieler waren wir zwar gut genug, locker in der zweiten Liga zu bestehen, aber die Mischung hat nicht gestimmt. Es waren zu viele Einzelcharaktere, wir waren keine Mannschaft, wir hatten nicht das Wir-Gefühl. Und ich glaube, es gab einen ziemlich hohen Neidfaktor. Das killt jede Truppe.“ Und weiter sagt er in dem Interview: „Ich denke, wir hätten zu zwölft spielen können, ohne dass es besser geworden wäre.“

Kirsten blieb trotz des Abstieges 2014 in Dresden. „Ich wollte alles tun, um Dynamo so schnell wie möglich wieder nach oben zu führen.“ Nach dem guten Start in der 3. Liga gab es jedoch einen sportlichen Einbruch. „Das mag anmaßend klingen, aber ich denke, wenn ich mir den Handbruch nicht zugezogen hätte, wären wir direkt wieder aufgestiegen. Davon bin ich fest überzeugt.“

Beim 1:0-Sieg gegen Energie Cottbus am 21. Spieltag musste Kirsten verletzt raus. Der eingewechselte Patrick Wiegers hatte – auch mit einem gehaltenen Elfmeter – einen klasse Einstand. Dynamo war als Sechster punktgleich mit Relegationsplatz drei. Doch von den 13 Spielen danach wurden nur drei gewonnen, und auch wenn das nicht Wiegers anzulasten ist: Von den letzten fünf wieder mit Kirsten im Tor dagegen vier. Danach war für ihn Schluss in Dresden.

„Mich hat dann der Schlag getroffen. Es war Ende April und für mich klar: In Deutschland sind die Türen zu. Deswegen blieb mir letztlich nur der Weg ins Ausland, und das war – um Abstand zu gewinnen – auch das Beste, was ich machen konnte.“ Sein Gastspiel beim niederländischen Erstligisten NEC Nijmegen endete mit einer Verletzung, ein Vertrag in den USA kam wegen eines Syndesmosebandrisses nicht zustande. Auch über diese Erfahrungen spricht Kirsten in dem Gespräch für Schwarz-Gelb. Im Ausland sei sein Name kein Hindernis, im Gegenteil. „In den USA kam Eric Gehrig, ein ehemaliger Profi auf mich zu und meinte: Alter, dein Vater ist eine ,fucking’ Legende“, wobei das Schimpfwort hier positiv gemeint ist.

Neue Erfahrung bei Lok Leipzig

Benjamin Kirsten hat bei Lok Leipzig um ein Jahr verlängert, sein Gehalt bringen größtenteils persönliche Sponsoren auf. Bei dem Viertligisten hat er eine neue, wichtige Erfahrung gemacht: „Die Jungs sind anders“, sagt er – und erklärt: „Weil sie wissen, wie harte Arbeit ist. Die gehen morgens um sieben Uhr raus und stehen 17 Uhr auf dem Trainingsplatz. Man kann von ihnen vielleicht nicht immer die Höchstleistung erwarten, sollte man auch nicht. Aber die Jungs hauen sich rein. Es sind andere Charaktere, sie haben andere Werte. Denen brauchst du nicht mit Geld kommen, sie leben das Leben anders. Das zu sehen, ist interessant.“

Das Saison-Magazin Schwarz-Gelb mit Interviews mit Stefan Kutschke und Benjamin Kirsten ist für 8,90 Euro ab 7. Juni erhältlich in allen SZ-Shops und: www.editionSZ.de