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Mifa geht die Luft aus

Der Fahrradbauer braucht dringend Geld. Und der Landkreis Mansfeld-Südharz kratzt schon mal fünf Millionen als Notgroschen zusammen. Dabei hat der Hersteller einen potenten Mitbesitzer.

Von Lars Radau

Gründliche Recherche sieht vermutlich etwas anders aus. Vor seinem Einstieg, erzählte Carsten Maschmeyer in einem Interview, sei er bei drei verschiedenen Fahrradhändlern gewesen. Und er habe immer die gleichen Fragen gestellt: „Haben Sie auch Mifa-Fahrräder? Was ist bei denen gut? Wie sind sie im Vergleich zu anderen Marken?“ Die Antworten müssen den Hannoveraner, der es mit seinem Finanzvertrieb AWD zum Multimillionär und zu zweifelhaftem Ruhm gebracht hat, zumindest so weit überzeugt haben, dass er im Oktober 2011 bei der Mitteldeutschen Fahrradwerke AG (Mifa) einstieg und wenig später auch die Anteilsmehrheit übernahm.

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Nach dem Finanzkalender des börsennotierten Unternehmens wäre heute am Firmensitz im sachsen-anhaltischen Sangerhausen die Vorlage der Bilanz fällig gewesen. Sie fällt aus. Stattdessen dürfte der erst im März zum Finanz- und Verwaltungsvorstand bestellte Wirtschaftsprüfer Hans-Peter Barth hinter verschlossenen Türen unter anderem damit beschäftigt sein, mit Maschmeyer über einen millionenschweren Nachschuss zu verhandeln. Der Traditions-Fahrradhersteller mit 770 Mitarbeitern, dessen Wurzeln sich auf das Jahr 1907 zurückführen lassen, befindet sich in heftiger Schieflage. Die Mifa rechnet für das Geschäftsjahr 2013 mit einem Verlust von voraussichtlich 15 Millionen Euro.

Der sei, hieß es in einer Pflichtmitteilung von Ende März, wegen etlicher Fehlbuchungen zunächst nicht aufgefallen. Ein Softwarefehler sei Ursache dafür, dass der Materialaufwand in den Abschlüssen für das zweite und dritte Quartal falsch, nämlich deutlich zu niedrig, ausgewiesen worden sei. Zudem habe das Unternehmen den Umsatz zu optimistisch prognostiziert. Obendrein sei der Großaktionär und Alleinvorstand Peter Wicht schwer erkrankt.

Eine Konsequenz dieser Nachricht, die Aktien- und Anleihekurse des börsennotierten Unternehmens auf Talfahrt schickte, war die Berufung von Barth, der derzeit im Alleingang die Geschäfte führt. Die zweite Konsequenz sind mehr oder minder täglich schwankende Wasserstandsmeldungen und mehr oder minder abstruse oder seriöse Rettungsszenarien.

Liquidität angeblich gesichert

Während Hans-Peter Barth in der Pflichtmitteilung betont, dass die Mifa „über ausreichende Liquidität für das laufende Geschäft“ verfüge und für das Ende März abgelaufene erste Quartal 2014 „ein ausgeglichenes Ergebnis“ erwarte, scheinen andere dem Unternehmen nahestehende Personen und Institutionen nicht ganz so optimistisch in die nähere Zukunft zu blicken.

Da ist zum einen der Landkreis Mansfeld-Südharz, in dem Mifa mit Abstand größter Arbeitgeber ist. Der Kreistag sah sich am Wochenende zu einer Sondersitzung genötigt, auf der die Kreisräte nach mehrstündiger kontroverser Debatte ein Paket von Maßnahmen beschlossen, das die Mifa finanziell stabilisieren soll. Wie die Mitteldeutsche Zeitung unter Berufung auf interne Unterlagen schreibt, geht es dabei unter anderem um eine befristete Bürgschaft in Höhe von fünf Millionen Euro.

Ein Sprecher des Landkreises betonte, es handele sich um sogenannte „Vorratsbeschlüsse“, die nur wirksam würden, wenn bestimmte Szenarien einträten. Zu Einzelheiten – etwa, um welche Szenarien es sich handelt und wie die Reaktionen dann im Detail aussehen könnten – wollte er explizit keine Stellung nehmen.

Auch Sangerhausens Oberbürgermeister Ralf Poschmann, der im Aufsichtsrat der Mifa sitzt, mischt offenbar bei der Lösungssuche mit. Es gebe zurzeit „auf mehreren Ebenen Gespräche über Finanzierungsmöglichkeiten, darunter auch mit der öffentlichen Hand“, sagte er der Mitteldeutschen Zeitung. „Ich betrachte die Entwicklung zwar mit Sorge, aber auch mit Hoffnung“, betonte er.

Ein großer Teil dieser Hoffnungen hängt nun an Carsten Maschmeyer. Dass nach der verheerenden Pflichtmitteilung, die auf chaotische Zustände im Unternehmen hindeutet, die Kredit- und Anleihegläubiger nicht reihenweise sofort ihr Geld zurückforderten, hat nach Meinung etlicher Analysten auch mit dem „starken Ankeraktionär“ zu tun. Maschmeyer habe signalisiert, dass er bei der Stange bleibe und helfe, nach Wegen aus der Krise zu suchen. Dass er oder seine Investmentfirma Paladin Asset Management noch einmal Geld in die Hand nehmen, gilt nicht als ausgeschlossen. Hilfe könnte indes auch aus Indien kommen. In der Pflichtmitteilung hatte Mifa auch verkündet, eine Absichtserklärung mit der indischen Hero Cycles unterzeichnet zu haben. Der weltgrößte Radhersteller wolle in Sangerhausen über eine Eigenkapitalbeteiligung 15 Millionen Euro investieren. Bevor der Deal indes zustande komme, wolle und werde die Hero-Gruppe noch weitere Daten erheben – sicherlich nicht nur bei drei Fahrradhändlern.