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Milch soll knapp werden

Agrarminister beraten über die ruinösen Milchpreise. Bauern bekommen Unterstützung von Tier- und Umweltschützern. Sie schlagen vor, die Produktion zu drosseln.

© dpa

Von Hanna Gersmann

OSTRALE Biennale O19

Die zweite Biennale und 12. OSTRALE widmet sich ab dem 11. Juni bis zum 1. September dem Leitgedanken „ismus“.

Wer bei Aldi, Netto oder Lidl Milch oder Butter kauft, zahlt seit Mittwoch höhere Preise. Bei Aldi sind das zum Beispiel vier Cent mehr für die Milch, zehn für die Butter. So soll den Bauern geholfen werden, erklärte Aldi. Doch das reicht vielen nicht. Auch nicht der Fernsehköchin Sarah Wiener. Gestern hat ihre Stiftung, die, wie sie es nennt, „für gesunde Kinder und was Vernünftiges zu essen“ kämpft, einen Aufruf an CSU-Bundesagrarminister Christian Schmidt unterzeichnet – zusammen mit 20 Tierschutz-, Agrar-, Entwicklungs- und Umweltverbänden, wie der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft oder dem BUND.

Schmidt trifft sich mit den Agrarministern der Länder auf der Herbsttagung in Fulda, die Mittwoch begann und heute zu Ende geht. Er berät mit ihnen die Lage in der Landwirtschaft. In dem Schreiben warnen die Lobbygruppen: Tut sich nicht mehr, werden Tausende Milchbauern ihren Betrieb schließen. Es drohe „ein dramatischer Strukturbruch“. Das gehe nicht nur die Bauern selbst an, erklärt Reinhild Benning, die Agrarexpertin des BUND. Auch für Städter ändere sich einiges: Die Kulturlandschaft, das Dorf, das vielen am Wochenende Entspannung und Erholung biete, wandele sich. „Von den Entscheidungen jetzt hängt ab, ob wir künftig noch Kühe auf der Wiese sehen werden“, meint Benning. Die Alternative seien wenige Riesenställe, in denen so kostengünstig wie möglich produziert werde – zulasten der Tiere.

Die Lage auf dem Land ist schon seit Langem schwierig. Kleinere Höfe machen dicht, große werden größer. So gab es 1984 noch knapp 370 000 Betriebe mit Kühen, im vergangenen Jahr waren es nur noch 77 000. Das ist ein Rückgang um fast 80 Prozent. Doch der Druck auf die Bauern nimmt noch immer zu. Zurzeit scheint er so groß wie schon lange nicht mehr. Es gibt immer mehr Milch, besser gesagt: zu viel Milch. Die Preise verfallen. Benning rechnet vor, dass die Bauern derzeit 28 Cent für einen Liter bekommen: „Das deckt nur die Hälfte aller Kosten für Stall, Futter, Pflege.“

Trendwende bei den Discountern

Das hängt auch damit zusammen, dass die EU im April die Milchquote abschaffte, mit der 30 Jahre lang die Liefermengen gedeckelt wurden. Die Bauern dürfen nun wieder so viel Milch liefern, wie sie können. Viele investierten darum schon im letzten Jahr eifrig, bauten Ställe aus und steigerten ihre Produktion. Dahinter steckte die Vorstellung, dass europäische Milch weltweit gefragt sei und sich der Agrarmarkt selbst reguliere. Doch in China, einer der wichtigsten Abnehmer für europäisches Milchpulver, ist die Nachfrage eingebrochen. Russland hatte wegen der Ukraine-Krise Einfuhrverbote für EU-Agrarprodukte verhängt. Die Milch verkauft sich nicht wie gedacht. Die EU hat bereits 500 Millionen Euro Soforthilfe eingeplant. Davon bezahlt sie derzeit Molkereien, die Milchpulver einlagern. Es erinnert an „Milchseen“ und „Butterberge“ der Siebziger- und frühen Achtzigerjahre. Die Menge müsse abnehmen, fordern nun die Verbände in ihrem Aufruf. Dafür solle sich Minister Schmidt auf EU-Ebende jetzt aktiv einsetzen.

Denn es „sei besser, Überschüsse erst gar nicht zu erzeugen, als sie mit staatlicher Unterstützung zu trocknen und einzulagern“. Ihre Idee: Bauern, die sich verpflichten, ihre Milcherzeugung kurzfristig um mehrere Prozent zu mindern, sollen einen Bonus bekommen.

Das Geld dafür sei da: Als die Bauern schon im letzten Jahr der Milchquote mit Blick auf ihre neue Freiheit investierten und bereits mehr Milch produzierten als erlaubt, mussten sie dafür eine Geldbuße zahlen, die sogenannte „Superabgabe“. Im letzten Milchquoten-Jahr kamen so allein 900 Millionen Euro zusammen.

Es geht nun um die Frage, ob sich europäische Bauern am Weltmarkt orientieren sollen oder doch an der bäuerlichen Tradition. Doch anders als die grünen Länderagrarminister, die auch die Milchmenge mindern wollen, sagte Bundesagrarminister Schmidt gestern: „Ein Bonus-Malus-System, das Bauern belohnt, die weniger produzieren, funktioniert langfristig nicht.“ Auf lange Sicht, so seine Idee, „müssen wir die Strukturen anpassungsfähiger machen und unsere Exportchancen verbessern.“

Unterdessen hat der Deutsche Bauernverband an die Molkereien appelliert, die höheren Milchpreise der Discounter Lidl und Aldi in vollem Umfang den Not leidenden Landwirten zugutekommen zu lassen. Die Molkereien stünden zwischen Landwirt und Lebensmitteleinzelhandel, sagte Generalsekretär Bernhard Krüsken. „Wir erwarten natürlich, dass sie die Preiserhöhung nun weitergeben an die Milchbauern.“ Krüsken nannte die Preiserhöhungen einiger Discounter „ein wichtiges Signal“. „Wir gehen davon aus, dass das eine Trendumkehr einleitet und nun weitere Unternehmen nachziehen“, sagte er. Der Bauernverband hat Krüsken zufolge auch mit Rewe Gespräche geführt. Das Unternehmen habe signalisiert, in den nächsten Tagen ebenfalls die Trinkmilchpreise anheben zu wollen. (mit dpa)