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Mindestlohn verunsichert Görlitzer Dienstleister

Taxifahrer und Gastronomen sehen bei höheren Löhnen auch Nachteile. Im Friseurgewerbe sind sie schon da.

Von Ralph Schermann

Im Friseurhandwerk klappern die Scheren lauter. Ein Schnipp, ein Schnapp, ab ist er – nicht der alte Zopf, sondern der alte Preis. Mindestlohn heißt das Zauberwort, das die Bundespolitik bei der Regierungsbildung noch hin- und herformuliert. Bei den Haarkünstlern ist das Thema mit eigenen Tarifabschlüssen bereits durch. Die Folgen kann man auf kleinen Schildern im Friseur- und Kosmetikstudio von Jana Binner auf dem Postplatz 10 lesen: „Wir bitten um Verständnis für höhere Preise.“

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Gaststätten- und Hotelpreise sollen möglichst stabil sein. Steigen aber die Lohnkosten, wird auch der Preis für Roulade mit Klößen & Co. wohl mitziehen.Archivfoto: Alexander Schröter
Gaststätten- und Hotelpreise sollen möglichst stabil sein. Steigen aber die Lohnkosten, wird auch der Preis für Roulade mit Klößen & Co. wohl mitziehen.Archivfoto: Alexander Schröter
Friseure haben begonnen, Mindestlöhne zu zahlen. Da müssen die Kunden tiefer in die Tasche greifen – bis zu 20 Prozent stiegen einige Preise. Archivfoto: dpa/Britta Pedersen
Friseure haben begonnen, Mindestlöhne zu zahlen. Da müssen die Kunden tiefer in die Tasche greifen – bis zu 20 Prozent stiegen einige Preise. Archivfoto: dpa/Britta Pedersen © dpa

Bis zu 20 Prozent beträgt die Erhöhung der einen oder anderen Leistung im Friseurgewerbe. Freude über höhere Löhne aber ist nicht allen Angestellten beschieden. Denn im Gegenzug wurde da und dort bereits Arbeitszeit gekürzt. Auch Jana Binner kommt nicht umhin, den Job einer ihrer acht Beschäftigten von acht auf sechs Tagesstunden zu senken. Insgesamt aber sind ihre Eindrücke positiv: „Die Kunden akzeptieren die neuen Preise.“ Allerdings deutete manche Stammkundin auch schon an, die Abstände zwischen Friseurterminen jetzt eventuell etwas auszudehnen. Bei Taxi-Fahrten geht so ein Kompromiss nicht, schon gar nicht, wenn es sich um vertraglich mit Krankenkassen oder Betrieben vereinbarte Touren handelt. „Natürlich würden wir unsere Fahrer gern mit mindestens 8,50 Euro je Stunde bezahlen, aber dann wäre ein Kilometerpreis von mindesten 3,20 Euro erforderlich“, sagt der Vorsitzende der Taxi-Innung Görlitz, Andreas Gritzner. Was der Taxi-Kunde berappen muss, bedarf zudem eines Beschlusses im Kreistag. Und der hat gerade erst auf 1,50 Euro erhöht. Kommt der politisch gewollte Mindestlohn, würde sich für Taxis der Fahrpreis also mehr als verdoppeln. Für Andreas Gritzner ist klar: „Wenn die Politik nicht eingreift, wird es viele Entlassungen geben.“ So manches der zurzeit 36 Görlitzer Taxis wäre dann abgemeldet.

Schon 2006 hatten Gewerkschaften Mindestlohn angeregt. Damit sollen Löhne verschwinden, die allein nicht zum Lebensunterhalt reichen. „Daraus wurde die Forderung nach einem gesetzlichen flächendeckenden Stundenlohn von 8,50 Euro“, erinnert Heike Langenberg von verdi Sachsen und hält dies weiter für erforderlich. Immerhin ist in 21 europäischen Staaten Mindestlohn Gesetz, allerdings nur in vier Ländern zwischen 7,78 und 11,10 Euro vergleichbar. Ohnehin sagt ein Ländervergleich aber wenig aus, gibt Andreas Gritzner zu bedenken: „Was ist denn passiert, seit die Niederlande ihren Mindestlohn einführte? Kaum ein Taxi-Betreiber hat dort mittlerweile noch Angestellte!“

Die Görlitzer Taxi-Innung sieht die weitere Entwicklung damit ebenso dramatisch wie das Ifo-Institut Dresden. Dort wurde berechnet, dass in Deutschland bis zu einer Million Beschäftigte wegen des neuen Mindestlohns Angst um ihren Arbeitsplatz haben müssten. Das dürfte dann auch jede Gaststätte spüren, wenn sie nicht rein familiengeführt ist wie der „Kulmbacher Postillion“. Inhaber Karsten Fuchs bezahlt derzeit nur Aushilfen bei Veranstaltungen und sieht einen Mindestlohn so gelassen. Hans-York Degwert vom Königshufener „Nordquell“ hat einige Angestellte und überlegt: „Wir werden eine Lösung finden müssen, wenn es soweit ist.“ Rosita Vogt geht mit ihrem Burghotel Landeskrone erst einmal in die verkürzte Winteröffnung, weiß aber schon, dass „ein Mindestlohn Arbeitszeiten und die Preise verändern kann.“ Das aber sei gefährlich: „Wir können es uns nicht leisten, Gäste zu verlieren.“ Kleinere Hotels sehen es ähnlich. Tom Klawa vom „Hotel Europa“ mit sechs Mitarbeitern will versuchen, einen Mindestlohn intern auszugleichen und betont: „Wir wollen fair zu unseren Mitarbeitern sein – doch wir müssen auch auf den Markt reagieren.“ Mindestlohn als politisches Instrument sei jedenfalls ein falscher Weg, ein „Einschnitt in unternehmerisches Handeln“. Zurücklehnen können sich nur preislich gehobene Häuser wie das Hotel „Mercure“. Dort jedenfalls wird schon seit langem nach Tarifen bezahlt. Direktor Andreas Kremp: „Die liegen teilweise weit über dem, worüber jetzt diskutiert wird.“

Weil das so ist, lehnt der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) den Mindestlohn ab. „Bei unterschiedlichen Größen der Häuser ist keine Balance zu halten“, sagt der Görlitzer Wolfgang Richter, Vorstandsmitglied im Dehoga-Regionalverband. Belastet werden Gastronomen und Hoteliers vor allem durch die steigenden Sozialabgaben wie Krankenversicherung oder Lohnsteuer. „Die Dehoga will nicht, dass Preise für den Gast steigen. Aber das wird passieren, ebenso wie das Wegbrechen von Arbeitsplätzen, weil Wirte nicht mehr jeden Mitarbeiter bezahlen können.“

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