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Mini-Calais mitten in Paris

© Reuters

Weil es nicht genügend Plätze in Flüchtlingsunterkünften gibt, hausen Tausende auf den Straßen der Metropole.

Von Birgit Holzer, SZ-Korrespondentin in Paris

Die Räumungsaktion begann am frühen Morgen, als die Menschen in ihren Zelten noch schliefen. Dutzende Polizisten rückten an, rüttelten die Schlafenden wach, forderten ihre Papiere. Wer sich nicht ausweisen konnte, wurde mit aufs Revier genommen. Und wer seine Habseligkeiten nicht rasch in Sicherheit brachte, fand sie mit etwas Glück später noch in den Müllcontainern. Schaufellader fuhren vor, um Matratzen, Schlafsäcke und Kleidung wegzuschaffen.

Es war eine besonders aufsehenerregende „Kontroll-Operation“, wie die Polizei-Präfektur sie nannte, mit der Anfang der Woche die illegal in den Straßen von Paris campierenden Flüchtlinge aufgescheucht wurden. Regelmäßig finden diese Einsätze statt, um gegen die wilden Lager in der Hauptstadt vorzugehen. „Keiner wird verschont, ob man minderjährig ist oder nicht“, sagte der 15-jährige Hamid, der aus Afghanistan geflohen ist, wo die Taliban seinen Vater verschleppt hatten. „Man will uns hier nicht. Aber wohin soll ich?“ Wie ihm geht es vielen der in Paris Gestrandeten. Kaum wird dort eines der Lager aufgelöst, wächst ein neues nach. Vor allem im Nordosten, um die Metrostationen Stalingrad und Jaurès, bilden sich weiträumig Ansammlungen aus bunten Iglu-Zelten.

Der stellvertretenden Bürgermeisterin Colombe Brossel zufolge hat sich die Lage zuletzt noch verschärft. „Auch wenn das Zählen sehr kompliziert ist, so ist die Zahl innerhalb weniger Tage von rund 1 500 auf 2 200 gewachsen.“ Ein Zusammenhang mit der Räumung des Flüchtlingslagers im 300 Kilometer nördlich liegenden Calais vor einer Woche erscheint offensichtlich, auch wenn das Präsident François Hollande bestreitet. „Vielleicht sind ein paar Flüchtlinge aus Calais gekommen“, erklärte er. „Aber es gab in den letzten Wochen und Monaten eine neue Welle von Flüchtlingen aus Libyen, die Paris ansteuerten.“ Man werde hier demnächst eine ähnliche Räumungsaktion wie in Calais durchführen und die Flüchtlinge auf Erstaufnahmeeinrichtungen im ganzen Land verteilen. Dort können sie einen Asylantrag stellen – oder werden ausgewiesen, sollten sie kein Bleiberecht haben. Innenminister Bernard Cazeneuve zufolge steht dieses 85 Prozent der Flüchtlinge zu, die bis vor Kurzem in Calais waren. Die meisten stammen aus dem Sudan, Afghanistan oder Eritrea.

Auf 6 500 bis 8 000 wurde ihre Zahl vor der Räumungsaktion des Lagers in der nordfranzösischen Hafenstadt geschätzt. Fast alle wollten nach Großbritannien, wo sie oft bereits Freunde und Familie haben, die Sprache sprechen und sich bessere Jobchancen ausrechnen. Doch die Überquerung des Ärmelkanals gestaltete sich immer schwieriger, da französische und britische Behörden die Grenze weitgehend dicht machten. Vor Wintereinbruch und sechs Monate vor der nächsten Präsidentschaftswahl entschloss sich die französische Regierung schließlich zur Räumung des Lagers am Rande von Calais. Die Situation war unerträglich: für die Stadt und ihre Einwohner, die überforderten Hilfsorganisationen und auch für die Flüchtlinge, die im Dreck hausten. Nur rund 1 500 Minderjährige blieben zurück, von denen es zunächst hieß, sie sollten nach Großbritannien ausreisen – aber die Regierung in London erklärte sich nur für die Aufnahme eines Bruchteils bereit. Seit Mittwoch werden sie daher auf Unterkünfte in allen französischen Regionen außer Korsika und der Hauptstadtregion verteilt, wie eine Woche zuvor bereits die Erwachsenen. Deren Ankunft in den Erstaufnahmeeinrichtungen verlief in den vergangenen Tagen überwiegend reibungslos; den Teilnehmern einiger Anti-Flüchtlings-Demonstrationen des rechtsextremen Front National stand jeweils eine deutlich größere Zahl von Befürwortern der Aufnahme von Migranten gegenüber. Derzeit arbeitet die Regierung an der Schaffung Tausender zusätzlicher Plätze. Frankreich werde keine wilden Lager mehr dulden, versicherte Hollande.

Politiker der konservativen Opposition wiesen allerdings auf die Gefahr der Entstehung weiterer „Mini-Calais“ im ganzen Land, also das Wuchern neuer Flüchtlings-Slums hin – und die Entwicklung in Paris scheint sie zu bestätigen. Bürgermeisterin Anne Hidalgo warnte die Regierung vor einer „dramatischen humanitären und sanitären Situation“. Zwar soll demnächst im Norden der Stadt ein Erstaufnahmeheim mit 400 Schlafplätzen für Männer entstehen und bis Jahresende im Süden eines für Frauen und Kinder – doch das dürfte kaum ausreichen. Kurz nach der „Kontroll-Aktion“ am Platz Stalingrad stehen dort längst wieder bunte Iglu-Zelte.