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Mini-Stadt aus Blech

An der Bremer Straße in Dresden entsteht eine Siedlung aus Leichtbauhallen. Sie ist nur ein kleiner Teil eines großen Plans.

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© Christian Juppe

Von Tobias Wolf

Baumaschinen dröhnen über das Gelände an der Bremer Straße. Ein Radlader lädt Aluminiumprofile auf dem Asphalt ab. Innerhalb weniger Tage wird daraus das Gerüst eines Leichtbau-Wohnhauses entstehen, eine Sammel-Unterkunft für Asylbewerber. Die Zeit drängt, denn noch immer kommen Hunderte Flüchtlinge jeden Tag in Sachsen an. Bis zu 25 000 Erstaufnahmeplätze will die Staatsregierung schaffen, um Asylbewerber zu registrieren und medizinisch zu untersuchen, bevor sie auf die Kommunen verteilt werden.

Die Leichtbauhallen an der Bremer Straße sind nur ein kleiner Teil der Pläne, die die Landesdirektion Sachsen (LDS) im Freistaat vorantreibt. Bis zu 540 Flüchtlinge sollen in insgesamt zehn Aluminiumhallen unterkommen – jeweils 54 Menschen auf 280 Quadratmetern Fläche. In weitere zwei Hallen werden Sanitäreinrichtungen wie Toiletten, Waschräume und Duschen sowie die Essensräume eingebaut. In den vergangenen Wochen haben Arbeiter das Gelände der ehemaligen Zeltstadt an der Bremer Straße für die Neubauten mit Asphaltfundamenten befestigt. Von Ende Juli bis Oktober hatten in den Zelten bis zu 1 100 Menschen gelebt. Die Zelte waren abgebaut worden, weil sie nicht winterfest sind und kaum beheizt werden können.

Eröffnung verschoben

Thevan Jeyabala und Tom Neubau sind Experten für den Aufbau der patentierten Konstruktionen eines rheinländischen Herstellers. Im Akkord errichten die Männer Traggerüste und befestigen Aluminiumwände an den Säulen. Pro Halle brauchen die beiden mit ihren Kollegen für den Aufbau maximal vier Wochen. Schnelligkeit und Präzision sind gefragt. Denn die Eröffnung der Erstaufnahmeeinrichtung war eigentlich schon jetzt geplant. Aus der Landesdirektion ist zu hören, dass sie spätestens am 22. Dezember übergeben und anschließend bezogen werden soll.

Es kostet Jeyabala und Neubau Kraft, die starken Stahlseile zu verspannen, die aus der dicken Kunststoff-Dachplane herauslugen. Während Abspannschnüre bei Zelten fast immer auf dem Areal daneben im Boden befestigt werden, verschwinden die Stahlseile der Hallen unter einer Abdeckung der Tragsäulen. Damit passen mehr Leichtbauhallen nebeneinander.

Zum Preis der Hightech-Gebäude will sich die Landesdirektion derzeit nicht äußern. „Die Kosten für den Standort stehen noch nicht abschließend fest“, sagt LDS-Sprecherin Mandy Taube. Nach SZ-Informationen liegen die Preise für die einfachsten Leichtbauhallen dieser Größe zwischen 33 000 und etwa 45 000 Euro. Das gilt jedoch nur für reine Lagerhallen. Fürs Wohnen gelten deutlich höhere Anforderungen. Ein spezielles Dach, ein besonderer Fußbodenaufbau, Trennwände für etwas Privatsphäre, Beleuchtung und Elektrik dürften die Kosten ebenso nach oben treiben wie der Brandschutz oder Fenster und Türen, die in der Grundausstattung nicht vorgesehen sind. Auch Heizungen werden in die Leichtmetallhäuser eingebaut.

Zwar könnten die Hallen vom Hersteller auch gemietet werden. Die Landesdirektion hat sich aber zum Kauf entschlossen, weil die Alu-Häuser über Jahre gebraucht werden. Allein dafür dürfte Sachsen gut eine Million Euro ausgeben. Dazu kommen 27 Container, in denen Funktions- und Büroräume sowie ein Arztzimmer untergebracht sein werden. Auch die Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes, der das Areal bewachen wird, werden darin ihre Zentrale und Pausenräume haben.

Ungewöhnliche Lösung

Bisher standen auf dem Gelände an der Bremer Straße Mietcontainer, die unter anderem von der Campleitung und zur Registrierung der Asylbewerber genutzt wurden. Diese sollen nun durch gekaufte Module ersetzt werden. Das Areal der ehemaligen Zeltstadt ist nicht das einzige Projekt der Landesdirektion. Mit Hochdruck wird an weiteren Erstaufnahmeeinrichtungen in Dresden gearbeitet. So entsteht auf dem ehemaligen Parkplatz P4 an der Westseite des Dresdner Flughafens ebenfalls eine kleine Siedlung aus Leichtbauhallen für bis zu 500 Flüchtlinge. Laut Landesdirektion sollte auch diese Unterkunft bis Ende November bezugsfertig sein. Ende 2016 soll dann die neue Erstaufnahmeeinrichtung für 700 Bewohner am Hammerweg öffnen. Geplant sind sieben dreigeschossige Gebäude, die in Modulbauweise errichtet werden. Außerdem wird ein zentrales Betreuungs- und Wirtschaftsgebäude gebaut. Auch an der Blasewitzer Straße entsteht derzeit eine neue Einrichtung für rund 700 Bewohner.

Eine eher ungewöhnliche Lösung für die Unterbringung von Asylbewerbern ist das Großzelt des Pichmännel-Oktoberfestes auf dem Sportplatz an der August-Bebel-Straße. Bisher lebten darin 240 Flüchtlinge, die wegen einer Sturmwarnung in die Unterkunft Hamburger Straße verlegt worden sind. Ein weiteres Großzelt lässt die Landesdirektion in Gittersee errichten. Die Zelte an der Schnorrstraße sind bereits seit mehreren Wochen in Betrieb.