Merken

Mini-Wissenschaftler auf Titeljagd

300 Schüler können bis Sommer einen Doktorhut in Dresdner Forschungsinstituten erhalten. Ganz ohne Abschreiben.

Teilen
Folgen
© André Wirsig

Von Tobias Wolf

Der kleine rote Punkt scheint sich förmlich ins Papier zu brennen. Mit einer Laservision-Brille geschützt, dreht die neunjährige Charlotte an einem winzigen Rädchen, bis der Punkt zu wandern beginnt. Zusammen mit neun anderen Kindern ist die Drittklässlerin gestern Nachmittag ins Fraunhofer-Institut für Werkstoff- und Strahltechnik in Gruna gekommen, um sich in die Geheimnisse des Lichts einweihen zu lassen. Und, um einen der begehrten Juniordoktortitel abzustauben.

An insgesamt sieben Stationen müssen die Kleinen dafür teilnehmen und am Ende jeweils eine Prüfungsfrage beantworten, um den Titel zu erhalten. Streng dokumentiert selbstverständlich. Schummelei, wie zuweilen unter Politikern üblich, ist dabei nicht möglich. Nur wer genug Stempel im Pass gesammelt hat, bekommt im Sommer seinen Doktorhut.

Aus der Perspektive eines Kindes eine ziemliche Strecke. Doch Charlotte will durchhalten. Fasziniert lässt sie sich von Fraunhofer-Wissenschaftler Frank Kretzschmar die Brechung des Lichts mit einfachen Haushaltsmitteln erklären. Da werden Wassertropfen auf gebogenen Büroklammern oder mit Frischhaltefolie abgedeckten Trinkgläsern plötzlich zu Linsen und Lupen. „Das ist toll. Die Experimente kann ich ja sogar noch mal zu Hause probieren“, sagt die Drittklässlerin der 91. Grundschule in Meußlitz und strahlt übers ganze Gesicht. Den Kinderdoktortitel will sie sich nun zum ersten Mal holen. Wissenschaftliche Vorkenntnisse hat die muntere Kleine aber schon viele. Aus den Vorlesungen der Kinderuni an der Technischen Universität Dresden, die sie besucht.

Ein Wasserglas in der Versuchsanordnung hat Charlottes Interesse geweckt. Darauf gerichtet ist der Strahl einer kleinen LED-Taschenlampe. „Je näher ihr das an die weiße Papierwand schiebt, desto besser könnt ihr den Lichtstrich sehen“, doziert Forscher Kretzschmar. Zehn Kinderaugenpaare beugen sich nun über den Tisch, wollen jede Aktion des Fraunhofer-Mannes genau sehen. Als dieser ein paar Tropfen Kaffeesahne in das Glas kippt, ist der Strich plötzlich weg. „Warum denn?“, fragt Charlotte. Das Milchfett würde dafür sorgen, dass der Schein der Taschenlampe nun nur noch gestreut und nicht mehr durchgelassen wird, erhält sie als Antwort und staunt.

Sie weiß, dass sie einem exklusiven Kreis von Mini-Wissenschaftlern angehört, denn noch soll es die einzige Licht- und Laserveranstaltung im Hightech-Institut an der Winterbergstraße bleiben, obwohl dreimal so viele Kinder angemeldet sind. Ob Charlotte allerdings später einmal selbst in die Wissenschaft will, ist noch unsicher. „Entweder werde ich Forscherin oder aber Schauspielerin“, sagt sie. Fraunhofer-Instituts-Vize Anja Techel würde wohl Ersteres bevorzugen. Denn die Schüleraktion Juniordoktor soll auch dazu dienen, Kinder schon früh für die Forschung zu begeistern. „Ausgebildete Werkstoffprüfer gibt es nicht genug“, sagt Techel. Zwar bildet das Institut selbst welche aus, doch die würden meist irgendwann an die richtige Uni gehen. Für die neunjährige Charlotte ist das noch ferne Zukunftsmusik. Ihr Fazit: „Das macht mir richtig Spaß hier.“ Anja Techel vom Fraunhofer-Institut hört das gern und hofft vielleicht ein bisschen, dass Charlotte irgendwann wieder da ist. Als richtige Wissenschaftlerin.