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Ministerpräsident erzählt Märchen

Stanislaw Tillich liest Kindern eine Geschichte vor. Als er übers Regieren erzählt, gibt es ausnahmsweise keine bösen Fragen zu toxischen Themen.

© Robert Michael

Von Tobias Wolf

Der erste Auftritt des Märchenonkels gerät etwas hölzern. „Hallo, Guten Tag“, sagt Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) fast etwas zu förmlich zu den Kindern, bevor er auf dem thronartigen Samtsessel Platz nimmt. Daneben ein goldener Tisch mit Autogrammkarten. Es ist ja auch noch Wahlkampf. Die gut 70 Schüler einer Heidenauer Grundschule und eines Dresdner Gymnasiums sitzen auf dem Boden eines Prunksaals in der Dresdner Staatskanzlei.

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Tillich will vorlesen. Es ist der Auftakt des Sächsischen Märchenfestivals, bei dem in den nächsten Tagen noch mehr prominente Politiker zu Geschichtenerzählern werden. Der Regierungschef hat „Die weiße Schlange“ von den Gebrüdern Grimm dabei. Er sei schon etwas älter und brauche eine Brille, lässt er die Kinder wissen. Die nicken gespannt. Tillich grinst. Der staatstragende Anfang ist vergessen.

„Es ist nun schon lange her, da lebte ein König, dessen Weisheit im ganzen Lande berühmt war“, setzt Tillich an. Der Regent aß immer eine verborgene Speise. Eines Tages will sein Diener wissen, was es damit auf sich hat und entdeckt eine zubereitete weiße Schlange, die ihn die Sprache der Tiere verstehen lässt. Der Diener muss sich beweisen, die neue Fähigkeit hilft dabei. Am Ende die Hochzeit mit einer Prinzessin.

„Habt ihr alles verstanden“, fragt Tillich. Die Kinder nicken. Sein Lieblingsmärchen? „Der Froschkönig“. Dann soll der 58-Jährige erzählen, wie man Ministerpräsident wird. Mit Fleiß und Arbeit. Und was macht man da so? „Früher hat der König regiert, ich darf das auch“, sagt Tillich und streicht über die Lehne des Samtthrons. In einer Landtagssitzung hätte er jetzt ein paar Klippen vor sich. Die umstrittene Bildungspolitik der Staatsregierung wird zu Entscheidungen über Schulen, die man an einem normalen Tag trifft. „Aaah“, raunen ein paar Kinder. Privat gehe er gern laufen oder Radfahren oder besucht Rockkonzerte. Lieblingsverein: Dynamo Dresden. Die Schüler sind beeindruckt.

Dann sieht Tillich Zettel in den Händen der Kinder. „Ihr habt euch die Fragen ja aufgeschrieben, ich dachte, ihr fragt mich einfach so“, sagt er mit gespielter Enttäuschung. Die Kinder lachen. Seine schwierigste Entscheidung? Er stockt und sagt dann: „Oh, das ist Jahre her, wir hatten damals eine Bank, die verkauft werden musste.“ Die Kinder machen große Augen. Eigentlich kein gutes Thema für Tillich, aber im Märchenland spielen Milliardenverluste einer Landesbank keine Rolle.