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„Mir tun die jungen Leute heute leid“

Bildungsexperte Torsten Köhler über die Qual der Berufswahl, weniger Lehrstellen für Frauen und Chancen für Flüchtlinge.

© dpa

Herr Köhler, wenn Sie heute Schüler wären und einen Beruf wählen sollten – würden Sie sich zurechtfinden?

Meine Tochter ist gerade in dem Alter, in dem bald eine Entscheidung bevorsteht. Es gibt über 300 Ausbildungsberufe und über 18 000 verschiedene Studiengänge. Da tun mir die jungen Leute heute leid. Natürlich brauchen sie Hilfe. Wir sagen, fangt eine Berufsausbildung an. Damit bekommen sie einen starken Bezug zu einem Unternehmen, zur Praxis. Einen Überblick wird zum Beispiel unser Aktionstag Bildung am 23. September im IHK-Bildungszentrum Dresden geben, das ist eine Art Messe mit 170 Firmen.

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Können Sie Eltern verstehen, die ihre Kinder auch mit schlechten Noten möglichst aufs Gymnasium und zur Universität schicken wollen?

Natürlich, das gilt als Rundumschutz, als bestmögliche Versicherung. Aber heutzutage sieht eine Berufsbiografie eines Menschen nicht mehr so aus, dass er sein Leben lang dasselbe macht. Ich werde meinem Kind empfehlen: Lern erst mal was. Darauf kann man später aufbauen, auch einen Meister machen oder studieren. Da ist es gut, dass es heute so viele Möglichkeiten gibt.

Welche Berufe wird es denn auch in Jahrzehnten noch geben, sodass sich die Ausbildung dauerhaft lohnt?

Diese Frage kann wahrscheinlich niemand sicher beantworten. Keine Branche ist vor Automatisierung geschützt. Wenn ich davor Angst hätte, dürfte ich gar nicht mehr losgehen. Selbst Juristen müssen damit rechnen, dass typische Situationen und Fallbeispiele im Internet stehen und damit eine Art Beratung stattfinden kann. Wir diskutieren in den Kammern intensiv, wie wir Berufsinhalte in der Ausbildung verändern müssen. Wichtig ist, dass die Grundlagen vermittelt werden, dass man die Zusammenhänge versteht. Ein Mitarbeiter in der Pharmazie oder Chemischen Industrie arbeitet ja häufig an Stahltanks und Rohren und muss wissen, was darin abläuft, damit er mit den Schalttafeln umgehen kann.

Wie sind die Aussichten für Lehrstellen in Sachsen in den nächsten Jahren?

Die Talsohle bei den Schulabgängern war 2011, seitdem steigen die Zahlen wieder. Aber viele Betriebe sagen, dass sie niemanden finden. Es gab in Sachsen mal 60 000 Schulabgänger pro Jahr, jetzt nicht einmal halb so viele. Das größere Problem als die Demografie ist die Orientierung der jungen Leute, der Trend zur Akademisierung statt zur Ausbildung. Dabei sind unter den Tausenden Studiengängen ganz exotische, bei denen man nicht weiß, was man damit später anfangen soll.

Auch mit einem Studium kann man künftig noch arbeitslos oder unglücklich werden?

Ja, wer studieren will, sollte sich überlegen, in welchem Betrieb er später mit diesem Fach einsteigen könnte. Wenn er das nicht herausfindet, sollte er lieber in eine andere Richtung gehen. Ausbildungsplätze dagegen wird ein Unternehmen nur dann anbieten, wenn es weiß, dass es künftig Mitarbeiter braucht.

Nun klagen Betriebe über fehlende Bewerber. Aber sind sie nicht selbst schuld, weil sie die Ausbildung vernachlässigt haben?

In manchen Branchen mag das zutreffen. Aber die meisten Betriebe nehmen Ausbildung ernst, betreiben Personalplanung und brauchen Nachwuchs, um jemanden nach dem Ausscheiden zu ersetzen. Zugegeben, früher hatten die Betriebe die Wahl und haben die besten Bewerber ausgewählt, gerne Abiturienten. Mittlerweile bevorzugen manche Betriebe Oberschüler, weil die mit größerer Wahrscheinlichkeit bei ihnen bleiben.

Aber während die Beschäftigung wächst, sinkt die Ausbildungsquote, also der Anteil der Lehrlinge an den Beschäftigten …

Die Ursache ist nicht, dass die Unternehmen nicht ausbilden wollen. Sie hatten in den letzten Jahren nicht die Möglichkeit, die Plätze zu besetzen. Ich kenne den Vorwurf etwa aus der Bertelsmann-Studie, dass Betriebe sich stärker engagieren und auch die ganz schwachen Bewerber nehmen sollten. Aber da wird zu wenig berücksichtigt, dass die Ansprüche an die Berufsbilder gestiegen sind. Hochwertige Maschinen müssen bedient werden. Wir brauchen auch die Bewerber mit guten Voraussetzungen. Wenn die Bewerber nicht geeignet sind, muss der Betrieb verzichten.

Die Statistik zeigt einen Rückgang bei Ausbildungsplätzen für junge Frauen in Sachsen, woran liegt das?

Es gibt vor allem einen Rückgang bei kaufmännischen Berufen, und traditionell hatten vor allem junge Frauen solche Ausbildungsplätze genommen. Nun schlagen mehr Mädchen die gymnasiale Richtung ein und wollen dann zur Hochschule. Diese Entwicklung macht mir Sorgen. Wir bieten deshalb zum Beispiel die duale Berufsausbildung mit Abitur an, beispielsweise für den Beruf Industriekaufmann und -kauffrau. Viele Eltern haben schon angerufen und gesagt, so etwas hätten sie auch gemacht und möchten es für ihr Kind.

Manche Branchen scheinen aber Lehrstellen zu streichen, etwa das Bankgewerbe …

Ja, die Banken passen die Ausbildung an den künftigen Bedarf an. So drastisch das klingt, ich finde das richtig. Das System reagiert flexibel. Wenn absehbar ist, dass ein Teil der jungen Leute später keine Stelle mehr bekommt, soll man nicht auf Halde ausbilden.

In der DDR gab es Unterricht in der Produktion und Patenbetriebe. Wurde zu viel davon abgeschafft?

Der Ansatz ist gut, dass Schüler sich früh mit der Berufswelt auseinandersetzen. In Volkseigenen Betrieben konnte man das flächendeckend organisieren, so funktioniert das heute nicht mehr. Es gibt Berufsorientierung an den Schulen, aber mit Nachholbedarf an Gymnasien. Erst jetzt müssen sie laut Gesetz gleichermaßen auf berufliche und akademische Laufbahn vorbereiten. Viele Schulen wissen auch gar nicht, was Betriebe gleich um die Ecke machen. Einige Schulpatenschaften gibt es in Sachsen, aber so etwas muss freiwillig stattfinden und hängt immer von Personen ab.

Junge Flüchtlinge könnten manche leere Lehrstelle füllen – wird das gelingen?

Wenn jemand die Voraussetzungen erfüllt, zum Beispiel ausreichende Sprachkenntnisse auch für die Berufsschule, dann kann er anfangen. Grundsätzlich gilt die 3+2-Regelung. Flüchtlinge, deren Status nicht geklärt ist, dürfen während einer dreijährigen Ausbildung und zwei Jahre danach in Deutschland bleiben. Das gibt auch den Ausbildern Sicherheit. Allerdings höre ich von Gastronomen, die junge Leute aus einem benachbarten Flüchtlingswohnheim nehmen wollten, es sei ihnen nicht erlaubt worden. Anscheinend wird das regional unterschiedlich gehandhabt. Unsere Willkommenslotsin in der IHK Dresden hat im ersten Halbjahr mit 76 Flüchtlingen Beratungsgespräche geführt. Zehn haben wir in diesem Halbjahr im Bezirk Dresden in Ausbildung gebracht, sechs in Praktika und sechs in Einstiegsqualifizierungen, also Langzeitpraktika in Betrieben.

Und wenn eine dreijährige Ausbildung nicht das Richtige ist, zum Beispiel bei Flüchtlingen mit Berufserfahrung, die bald arbeiten möchten?

Wenn jemand schon zehn Jahre als Automechaniker gearbeitet hat, dann kann er ja viel, auch wenn er nicht die formale Qualifikation mitbringt. Dann könnte eine Teilqualifizierung helfen. So etwas gibt es in fast 30 Berufen, mit Tests und Zertifikaten der Kammern nach jedem Abschnitt. Beispiele sind Fachlagerist oder Fachkraft im Gastgewerbe, Verkäufer oder Maschinenführer. Im Bezirk Dresden gab es bisher etwa 60 Fälle von Teilqualifikationen. Auch Flüchtlinge waren dabei, aber in der Regel waren sie schon längere Zeit in Deutschland und nicht erst 2015 hergekommen. Wir laden auch Flüchtlinge zu unserem Aktionstag Bildung am 23. September ein, damit sie mit Unternehmen in Kontakt kommen.

Das Gespräch führte Georg Moeritz.