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Missbrauchsopfer fordern weitere Aufklärung

Eine unabhängige Kommission soll sexuellen Missbrauch aufarbeiten und auch über Entschädigungen entscheiden.

© dpa

Von Andrea Schawe, Berlin

Am 28. Januar ist es genau fünf Jahre her, dass die Missbrauchsfälle am Canisius-Kolleg, einer Schule des Jesuitenordens, öffentlich wurden. Es folgte eine Lawine von Berichten von weiteren Betroffenen in kirchlichen oder staatlichen Einrichtungen, im Kloster Ettal oder der Odenwaldschule. Doch die Aufarbeitung kommt schleppend voran, kritisierte Johannes-Wilhelm Rörig, der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung gestern in Berlin.

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„Die Sensibilität in Kitas, Schulen, Kirchengemeinden und Sportvereinen ist gewachsen“, sagte Rörig. Es wurde ein Fonds aufgelegt, Verjährungsfristen verlängert und das Strafrecht verschärft. „Dies alles darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Schutz der Kinder vor sexueller Gewalt noch immer nicht Alltag ist.“ Beratungsstellen sprechen von bis zu 100 000 betroffenen Mädchen und Jungen pro Jahr. Als Haupttatort gilt die Familie.

Mehrere Betroffene wurden deutlicher. „Wir sind noch nicht sehr weit gekommen“, sagte Adrian Koerfer vom Verein Glasbrechen, der sich für die Aufklärung der Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule engagiert. „Die Sprachlosigkeit der Verantwortlichen macht uns fassungslos.“ Es werde nur das eingestanden, was nachgewiesen ist. „Die an uns begangenen Taten sind bislang weder systematisch noch unabhängig aufgearbeitet worden“, sagte Matthias Katsch, Betroffener am Berliner Canisius-Kolleg. Das lange Vertuschen des Skandals durch die katholische Kirche nannte er das „zweite Verbrechen“ des Skandals. „Deutsche Bischöfe weigern sich bis heute, sich mit Missbrauchsopfern an einen Tisch zu setzen“, sagte Klaus Mertes. Der frühere Rektor des Canisius-Kollegs half 2010, den Skandal mit aufzudecken.

Die Betroffenen fordern eine angemessene Entschädigung. Der Jesuitenorden zahle eine sogenannte Anerkennungsleistung von 5 000 Euro, die katholische Kirche einen Betrag bis zu dieser Höhe. „Das ist keine Entschädigung“, sagte Katsch. In Irland oder den Niederlanden gebe es Zahlungen bis durchschnittlich 65 000 Euro.

Über die Höhe der Entschädigungen müsse es eine gesellschaftliche Debatte geben, sagte Johannes-Wilhelm Rörig. Er setzt sich für eine unabhängige Aufarbeitungskommission ein. Ein entsprechender Vorschlag von Union und SPD wird am Freitag im Bundestag beraten. Die Kommission könnte Anfang 2016 ihre Arbeit aufnehmen.