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Ronald Schmidt ist neuer Chef des Görlitzer Siemens-Werkes. Er muss es umstrukturieren. Es ist die letzte Chance.

© Siemens

Von Sebastian Beutler

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Ronald Schmidt lebt derzeit aus dem Koffer. Der Wirtschaftsingenieur weilte vergangene Woche noch in den USA, in dieser Woche eilt er nach Brno und China. Zwischendurch muss er immer wieder in Görlitz Zwischenstation machen. Es sind Strecken, die der 43-Jährige nun öfter hinter sich bringen wird. Schmidt leitet künftig den Görlitzer Siemens-Standort und ist damit für das Industriedampfturbinengeschäft des Münchner Technologiekonzerns in Europa und in China zuständig.

Dass es einen neuen Chef in Görlitz geben wird, kam nicht mehr ganz überraschend. Schon im Herbst, mitten in den Ankündigungen des harten Sparkurses in der Dampfturbinensparte bei Siemens, machte die Nachricht die Runde, dass der bisherige Chef Uwe Wittig nach Mühlheim an der Ruhr wechseln wird. Es ist praktisch der Görlitzer Zwillingsstandort und ebenso von Stellenabbau bedroht. In großen Industrieunternehmen ist es häufig so, dass Umstrukturierungen nicht von den „alten“ Chefs durchgesetzt werden, sondern von neuen.

Ob Schmidt in Görlitz tatsächlich 190 der insgesamt 900 Jobs streichen wird, ist noch unklar. Diese Zahlen stammen von Oktober 2014. Wie stark der Stellenabbau in Görlitz wirklich ausfallen wird, darüber verhandeln die Siemens-Manager nach wie vor mit dem hiesigen Betriebsrat. In dieser Woche nun soll es nach Angaben einer Unternehmenssprecherin ein weiteres Treffen geben. Beide Seiten haben Stillschweigen über den Stand der Verhandlungen vereinbart, so dringt auch tatsächlich wenig an die Öffentlichkeit. Auffällig ist die Ruhe. An anderen Siemens-Standorten gab es heftige Diskussionen bis hin zu öffentlichen Demonstrationen der Mitarbeiter. In der Neißestadt fehlt davon jede Spur.

Am Schicksal des Görlitzer Siemens-Werkes nehmen viele in der Stadt und Region Anteil. Zum einen ist es mit 880 Mitarbeitern und 90 Auszubildenden eines der größten Industriebetriebe an der Neiße. Zum anderen hängen an Siemens viele Zulieferbetriebe mit weiteren, vermutlich Hunderten Arbeitsplätzen in der Region. Wenn Siemens schwächelt, spüren das viele Familien in Görlitz und Umgebung.

So gab auch der Chef der Bürgerfraktion, Rolf Weidle, jüngst seiner Hoffnung Ausdruck, dass der Görlitzer Maschinenbau schnell aus der Auftragsdelle herauskommt und als Wirtschaftsfaktor in Görlitz nicht ausfällt. Gerade in einem Netz von Zuliefererbetrieben um die beiden Schwergewichte Siemens und Waggonbau sieht Weidle Chancen, weitere Stellen in Görlitz anzusiedeln.

Andere wie Oberbürgermeister Siegfried Deinege fordern von Siemens, ein zweites Standbein für das Görlitzer Werk zu entwickeln. Auch berichtete er von seinen Bemühungen, einen Auftrag für das Unternehmen zu sichern, indem er Sachsens Wirtschaftsministerium für begleitende Maßnahmen einschaltete. Bei Siemens ist man nicht unbedingt glücklich, dass Deinege dermaßen aus dem Nähkästchen berichtet. Mehr Zurückhaltung in der schwierigen Situation fände das Unternehmen angemessener. Denn klar ist auch: Siemens muss sich für Görlitz etwas einfallen lassen. Industriedampfturbinen werden in Deutschland so gut wie nicht mehr gekauft, seit die Energiewende die klassischen Kraftwerke stiefmütterlich behandelt. So liefern und produzieren die Simesianer vor allem ins Ausland, doch dort gelten mitunter andere Standards als in Deutschland. So werden die Wettbewerbsbedingungen härter, wie Deinege jüngst in öffentlicher Runde berichtete.

Auch wenn sich der Münchner Konzern zurückhält, mit welchem Auftrag Ronald Schmidt nach Görlitz geschickt wurde, so wird er nicht umhinkommen, neue Geschäftsfelder zu entwickeln. Erfahrungen im Gasturbinenbau bringt Ronald Schmidt mit. Jahrelang hat der Berliner im Siemens-Gasturbinenwerk in der deutschen Hauptstadt gearbeitet, auch vier Jahre im amerikanischen Orlando. In Görlitz wird er sich nun um Produktionsplanung, Infrastruktur kümmern – und selbst ums Kantinenessen.

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