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Mit 80 Jahren vor Gericht

Ein Meißener Rentner will nach einem Unfall seinen Führerschein nicht freiwillig abgeben. Jetzt wird die Fahrtauglichkeit geprüft.

© dpa

Von Jürgen Müller

Dieser Mann liebt sein Auto über alles. Der 80-Jährige pflegt es, jeder kleine Kratzer wird sofort beseitigt. „Autofahren ist das einzige Hobby, das mir geblieben ist“, sagt der Mann, der im betreuten Wohnen in Meißen wohnt. Doch ist er überhaupt noch in der Lage, Auto zu fahren? Ein Unfall, den er verursacht hat, lässt daran zweifeln.

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Es ist an einem Sonnabendvormittag gegen 11 Uhr im Februar dieses Jahres. In Meißen herrscht um diese Zeit wenig Verkehr. Der 80-Jährige will mit seinem Mercedes auf die Dresdner Straße nach links abbiegen, weiter nach Coswig fahren. Beim Losfahren erwischt der das einzige Auto, das auf der Straße ist, einen VW Scirocco, der Vorfahrt hat. „Ich sah ihn an die Straße heranfahren. Als ich fast vorbei war, gab es einen Knall, einen Ruck“, sagt die 37-jährige VW-Fahrerin. Und offenbar einen ziemlichen Ruck. Denn sie erleidet ein Schleudertrauma. Ihre Hausärztin will sie krankschreiben, doch die Frau lehnt ab. Gerade hat sie eine neue Arbeit begonnen, will nicht gleich ausfallen. Wenigstens geht sie zur Physiotherapie. Doch viel hilft das nicht. „Ich habe heute noch Probleme“, sagt sie sechs Monate nach dem Unfall als Zeugin vor Gericht. Der Rentner in seinem Mercedes will jedenfalls von dem Unfall, der direkt vor seiner Nase passierte, nichts mitbekommen haben. „Mein Mandant hat zwar ein Geräusch gehört, dieses aber nicht mit einem Unfall in Zusammenhang gebracht“, erklärt sein Verteidiger. Deshalb sei er einfach weitergefahren.

Die junge Frau ist außer sich, als sie den Mercedes im Rückspiegel wegfahren sieht. Bei nächster Gelegenheit wendet sie, fährt dem Mann hinterher. Nach gut einem Kilometer hat sie ihn eingeholt. Mit Lichthupe und Dauerhupen macht sie sich bemerkbar. Schließlich hält der Mann an. Er bestreitet, dass er der Frau in die Seite gefahren sei. „Wenn ich die Polizei hole, kriege ich Ärger, hat er mir gedroht“, sagt sie. Doch dann schauen sie sich sein Auto an. Das Nummernschild ist weg, auch die Halterung. An der Stoßstange sind Kratzspuren. „Da war ich echt erschrocken, wusste, dass da was passiert sein muss“, sagt der Angeklagte, der trotz Hörgerätes und neuer Batterien sehr schlecht hört.

Wegen fahrlässiger Körperverletzung und unerlaubten Entfernens vom Unfallort erhielt er einen Strafbefehl, sollte 900 Euro Geldstrafe zahlen und außerdem den Führerschein für sechs Monate abgeben. Vor allem das will der leidenschaftliche Autofahrer nicht, geht in Einspruch. Mit 80 Jahren sitzt der Mann, der nicht vorbestraft ist und nicht mal einen Punkt in Flensburg hat, erstmals vor Gericht. Und bleibt dabei: Er habe den Unfall nicht bemerkt. Sein Schaden, etwa 220 Euro, wurde fachgerecht repariert, sagt er. Der Schaden an dem VW war ungleich größer. Ein Gutachter bezifferte ihn auf 2 562 Euro. Die Versicherung des Mannes hat bereits gezahlt.

Reparieren lassen hat die Frau das Auto indes noch nicht, und das, obwohl es der Gutachter mit dem Unfallschaden als nicht verkehrssicher einstufte. „Ich brauche es jeden Tag“, sagt sie. Der Richter rät ihr dringend, wenigstens den beschädigten Reifen erneuern zu lassen. Das Gericht glaubt dem Mann, dass er den Unfall nicht bemerkt hat, und stellt das Verfahren gegen eine Geldauflage von 300 Euro ein. Den Führerschein darf er vorerst behalten. Freiwillig abgeben will er ihn nicht. Allerdings ordnet der Richter an, dass er seine Fahrtauglichkeit von einem Arzt untersuchen lassen muss. Kommt der zu dem Ergebnis, dass der Mann nicht mehr fahrtauglich ist, verliert er die Fahrerlaubnis dauerhaft.