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Mit Annie durch die Welt

Falk Micklisch aus Jonsdorf ist mit seinem Fahrrad verheiratet und auf Tour gegangen. Wann diese endet, weiß er nicht.

© privat

Von Mario Sefrin

Wenn nicht jetzt, wann dann. Diese Worte seines Vaters wird Falk Micklisch wohl nie mehr vergessen. Sie stehen am Anfang eines Abenteuers, in dem sich der gebürtige Jonsdorfer gerade befindet: Er erkundet seit zwei Monaten mit dem Rad die Welt. Dafür hat er Wohnung und Job aufgegeben und ist ans andere Ende der Erde gereist: nach Australien. Dort, in der Stadt Perth im Westen des australischen Kontinents, hat Anfang November seine Tour mit einem Bambusrad begonnen. Eine Fahrt, von der Falk Micklisch selbst nicht weiß, wann und wo sie endet.

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Über die Reaktion seiner Eltern ist Falk Micklisch noch immer froh. Denn als er ihnen sein Vorhaben offenbarte, Wohnung und Arbeit aufzugeben und mit dem Bambusrad loszuziehen, war es gerade Silvester und er weit weg vom heimischen Jonsdorf in Patagonien, Südamerika. „Meine Eltern sind echt herzig“, sagt Falk Micklisch. Im Grunde genommen sind seine Eltern auch dafür verantwortlich, dass der 38-Jährige jetzt auf der Südhalbkugel der Erde einerseits gegen Hitze, Wind und Regen kämpft und andererseits Natur, Begegnungen und Ruhe genießt. „Meine Eltern schnallten mir Ski an die Füße, bevor ich überhaupt laufen konnte“, erzählt Falk Micklisch. In der 1. Klasse hat er mit dem Langlauf begonnen, nach der 6. Klasse ging es auf die Sportschule in Klingenthal. „Dort fing das dann mit dem Radfahren an. Denn aufgrund von Wachstumsproblemen im Knie hatte mir der Sportarzt Radfahren statt Laufen verordnet.“ Für Micklisch sollte diese Entscheidung sein weiteres Leben umwerfen: „Wir kauften mein erstes Mountainbike. Ich war begeistert.“

Von da an wuchs die Leidenschaft am Radfahren. Schnell habe er begonnen, selbst an Fahrrädern herumzuschrauben, erzählt Falk Micklisch. Er fuhr bei Mountainbike-Wettkämpfen mit, war Initiator und Übungsleiter der Mountainbike-Gruppe an der Hochschule Zittau/Görlitz und ging mit seiner damaligen Freundin mit einem Mountainbike-Reise-Tandem bei der O-See Challenge an den Start. Darüber muss Micklisch heute noch lachen: „Das war lustig, weil keiner wusste, wie wir gewertet werden sollen.“

Seine jetzige Tour hat dagegen wenig mit sportlichem Ehrgeiz zu tun. „Es ist nicht der Sport, der mich begeistert“, sagt Micklisch. „Es ist die Form der Bewegung beim Radfahren. Der niederschwellige, gesunde, selbstbewusste, verantwortungsvolle und nachhaltige Zugang zur individuellen Mobilität.“ Darum lässt er sich bei seiner Fahrt auch nicht hetzen oder arbeitet einen selbstgesteckten Zeitplan ab. „Ich fahr erst mal los und schau, wo es so hingeht und welche die nächste schöne Straße ist.“ Finanziert wird die Reise von Erspartem. Die jetzige Reise ist dabei nicht die erste große Radtour, die der Jonsdorfer unternimmt: Falk Micklisch ist schon einmal in Australien unterwegs gewesen, daneben aber auch auf Kuba, in Patagonien am Südzipfel von Südamerika sowie auf diversen Reisen in Europa. Darunter war auch eine Alpenüberquerung: 1 600 Kilometer von Wien nach Grenoble. Der Unterschied zur jetzigen Reise ist die Dauer: „Meine Reisen früher waren immer Urlaubsreisen. Eine oder zwei Wochen in Europa, sechs bis sieben Wochen in der Welt“, so Micklisch. Das sei nun anders: „Ich habe keine Ahnung, wohin es mich führt.“

Allein unterwegs zu sein sei dabei von Vorteil, hat der Jonsdorfer bereits bei früheren Reisen festgestellt. „Ich mag es, im eigenen Rhythmus zu fahren und keine Rücksicht nehmen zu müssen. Das betrifft nicht nur die Geschwindigkeit beim Radfahren und die Tageskilometer, sondern die gesamte Planung und den ganzen Tagesablauf.“ Obwohl – allein ist der Jonsdorfer am anderen Ende der Welt nur selten. „Ich lerne viele nette und interessante Leute kennen. Alle Begegnungen sind sehr offen und herzlich.“

Überhaupt entspricht der Jonsdorfer nicht ganz den gängigen Klischees eines Globetrotters. „Es geht mir bei meinen Reisen weniger um Menschen und Kultur, auch wenn das erst einmal hart klingt. Mich interessieren vielmehr die Natur, Flora und Fauna, Geologie und Geographie, Gebirge, Ebenen, Gletscher und Wüsten und was dort lebt und wächst.“ Dass er dabei oft abseits fester Straßen unterwegs ist, ist verständlich. Doch Micklisch weiß: Wohin ihn sein Weg auch führt – auf sein Fahrrad kann er sich verlassen. Denn er hat es selbst gebaut. Die Fähigkeiten dafür hat er sich vor allem in Wien angeeignet, wo er viele Jahre lebte. „Als ich neu war in Wien, habe ich zuerst mein Auto verkauft und bin alle Wege mit dem Rad gefahren“, erzählt Micklisch. Damals habe in der österreichischen Hauptstadt auch gerade eine „Bike Kitchen“-Selbsthilfewerkstatt eröffnet, in der jeder nach Belieben an Fahrrädern schrauben kann. „Ich fühlte mich in der Werkstatt und dem Kollektiv gut aufgehoben.“ In der Folge baute er verschiedene Arten von Rädern, mit denen er dann auf Reisen ging. Für seine Südamerika-Tour hatte sich Micklisch ein Bambusrad gebaut und dabei eine Ahnung: „Ich hatte schon so ein Gefühl im Bauch, dass das eine längere Reise werden würde und Patagonien nur die Testfahrt für das Rad wird.“

Nun ist das Rad nicht nur zum treuen Begleiter geworden, Falk Micklisch ist mittlerweile sogar mit diesem verheiratet. Vor seiner Abreise gab es in Wien eine Fahrradhochzeit mit Annie Strada, wie er sein Rad nennt. „Annie ist für mich die perfekte Reisemaschine. Dank des Eigenbaus hat es einfach meine Geometrie, eher sportlich wie ein Rennrad, aber mit etwas mehr Radstand, stabile 26-Zoll-Laufräder und genügend Bodenfreiheit bei den Taschen“, sagt Falk Micklisch. Gemeinsam sind sie nun auf unbestimmte Zeit in den Flitterwochen. Die ersten beiden Monate davon haben sie in Australien verbracht. Die Eckdaten vom ersten Reiseabschnitt sind jedenfalls beeindruckend: 4 000 Kilometer mit 22 800 Höhenmetern, 240 Stunden im Sattel. „Es war episch“, sagt Falk Micklisch. Mittlerweile ist er in Neuseeland angekommen und gespannt, welche Erlebnisse dort auf ihn warten. Diese kann man übrigens auch hier in Deutschland mitverfolgen. Denn Falk Micklisch berichtet in seinem Internetblog regelmäßig über seine Reise durch die Welt mit Annie Strada.

www.anniestrada.bike