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Mit dem Filmfest Dresden nach Kuba

Das Festival widmet dem Karibikstaat mehrere Sonderprogramme und geht auch sonst auf Rekordjagd.

1972 war Kubas Staatschef Fidel Castro zu Besuch in Dresden. Einen Bericht darüber zeigte die Kino-Wochenschau „Der Augenzeuge“. Der Beitrag ist nun Bestandteil eines Filmfest-Programms zum Thema „Kuba“. © imago

Am 17. Juni 1972 raschelte die Sächsische Zeitung vor Begeisterung: „Die Prager Straße im Herzen Dresdens hat schon viel erlebt, aber so viel Menschen, so viel Begeisterung wie gestern wohl selten. ,Viva Cuba‘, ,Fidel Castro – er lebe hoch‘, ,Fidel, Fidel, Fidel‘ – ein Jubel ohnegleichen bricht los, als Fidel Castro mit der kubanischen Partei- und Regierungsdelegation das Hotel Newa zur Besichtigung der Stadt verläßt.“ Auch der Kollege war lesbar überwältigt: „Tausende sind es, die mit ihrem Jubel für Castro ihre von Herzen kommende Sympathie für das heldenhafte Kuba, für seine Revolution zum Ausdruck bringen.“

Keine Frage, der Besuch des Genossen war ein Höhepunkt im Kalender der Stadt. Und bis heute hält das Interesse für das ehemalige sozialistische Bruderland an, nicht nur in Dresden. Doch das ist nicht der einzige Grund für das Internationale Filmfest Dresden, Kuba zum größten Schwerpunkt seiner 2019er-Ausgabe zu machen. Insgesamt sechs Programme mit Kurzfilmen aus und über Kuba werden zwischen dem 9. und 14. April gezeigt. Die Höhepunkte dürften Agnes Vardas „Salut les Cubains“ sein und Joris Ivens Defa-Dokumentation „Tagebuch einer Reise“.

Etliche Filme entstanden zwischen den Sechzigern und Achtzigern, andere in der Gegenwart, „innerhalb einer Gesellschaft im Umbruch“, wie Programmkurator Sven Pötting sagt. „Seit vor einem Jahr auf Kuba eine neue Ära begonnen hat, herrschen in der Politik zwar noch Ratlosigkeit und Stagnation. Aber in der Gesellschaft ist der Aufbruch in vollem Gange – wenn auch kaum jemand weiß, wohin es gehen soll.“

Letzte Bilder des alten Zwingers

Da ist das Filmfest schon schlauer: Es soll weiter in die Vollen gehen. Etwa mit den Rekordzahlen von 37 Sonderprogrammen, insgesamt 388 Filmen (70 mehr als im Vorjahr) und der höchsten Preisgeldsumme ever: 67 200 Euro. Zudem „sind mit dem Kino in der Fabrik, der Landes- und Universitätsbibliothek SLUB und der Zentralbibliothek im Kulturpalast drei neue Spielorte hinzugekommen“, sagt Festivaldirektorin Sylke Gottlebe. „Und wir können uns über neue Sponsoren freuen wie die Ostsächsische Sparkasse und den TÜV Rheinland.“ Womit die guten Nachrichten noch nicht erschöpft sind: Auch der Freistaat und die Stadt Dresden geben mehr Fördergeld.

Ein klares Bekenntnis, das sich das Festival verdient hat. Zwar gab es in diesen zunehmend schweren Lichtspielzeiten auch ein Minus an den Filmfest-Kinokassen. Dafür aber sind die Zuschauerzahlen beim Open-Air auf dem Neumarkt förmlich explodiert. Der Kurs Richtung Familienfestival ist offenbar gut gewählt.

Was nicht heißen soll, dass man künftig stärker auf leicht verdauliche Massenware setzt. Auf Kurzfilme, die eigentlich nur kurze Langfilme und genau so erzählt sind, weil eine wachsende Zahl Filmschulabsolventen Visitenkarten dreht, um sich damit bei Langfilmproduzenten zu bewerben. Vielmehr soll das „Experimentelle“, jahrelang in die Sonderprogramme abgeschoben, noch mehr als 2018 wieder Eingang in den Nationalen und Internationalen Wettbewerb finden. „Wir achten stärker darauf, dass die Filme auch ein künstlerisches Anliegen haben und die spezifischen, dem Kurzfilm eigenen Möglichkeiten auch ausschöpfen“, sagt Ricardo Brunn von der Auswahlkommission. So schafften es wieder mehr Kandidaten in den Wettbewerb, die andere Wege des Erzählens wählen, die Mischformen sind aus Dokumentar-, Spiel- und Animationsfilm. „Wir haben sogar zwei Horrorfilme dabei“, verkündet Brunn stolz, um sich dann ein wenig zurückzunehmen: „Na gut, genau genommen sind es eher anderthalb Horrorfilme.“

Weniger schockierend, aber dennoch in der Rückschau verstörend sind die ersten und letzten farbigen Filmbilder des alten Dresdner Zwingers. Aufgenommen 1941, keine vier Jahre vor der Zerstörung des Ensembles am 13. Februar 1945. Sie sind Bestandteil des Programms „Zwischen Gestern und Morgen“, zusammengestellt von André Eckardt vom Filmverband Sachsen. Seit 2016 koordiniert er das Projekt „Sächsisches Audiovisuelles Erbe“. „In den Archiven liegen Zehntausende Stunden Filmmaterial von Amateurfilmern und Beiträge des Regionalfernsehens in den Neunzigern“, erzählt Eckardt. „Ein Teil davon konnte zum Glück konserviert und digitalisiert werden.“ Wiederum einen Teil davon hat der Kurator zum Filmfestprogramm geschnürt. Aufnahmen vom Wiederaufbau Dresdens in den Fünfzigern gesellen sich darin zu Bildern aus dem kulturellen Chemnitzer Untergrund in den Achtzigern, sogar zu einem Defa-Film über die Sorben, entstanden während der letzten Jahre der DDR. Besonders bemerkenswert daran findet André Eckardt: „Während die Kamera im Vordergrund Bilder vom sorbischen Leben zeigt, sieht man weit im Hintergrund schon, wie sich die Braunkohlebagger in die Landschaft graben.“

Ebenfalls Bilder von einer Gesellschaft im Umbruch also. Aber, konstatiert Eckardt, „der Umbruch ist ja ohnehin ein sächsischer Dauerzustand“. Ebenso wie der Aufbruch ein Dauerzustand für das Filmfest ist. Dem man, gerade für das ambitionierte und hochspannende Programm 2019 möglichst viel Zuschauerbegeisterung wünschen möchte. Die muss ja nicht gleich in einen derart lauten Taumel münden, wie ihn die Sächsische Zeitung beim Fidel-Besuch 1972 beschrieb: „Immer wieder Sprechchöre. Arbeiterlieder von Spielmannszügen der FDJ, SchalmeienkapelIen der Jungen Pioniere, kubanische Rhythmen von Singegruppen ...“

Filmfest-Fakten

Das Filmfest Dresden findet statt vom 9. bis zum 14. April. Insgesamt werden an sechs Spielstätten und auf dem Neumarkt 388 Kurz- und Animationsfilme in 64 Programmen gezeigt.

Um die Goldenen Reiter im Wert von 67 200 Euro konkurrieren 76 Filme aus 68 Ländern im Internationalen und im Nationalen Wettbewerb.


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