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Mit dem Kind ins Büro

© René Meinig

Eltern-Kind-Büros ermöglichen Müttern und Vätern, Arbeit und Kinderbetreuung zu vereinbaren. Die Nachfrage steigt.

Von Katalin Valeš

Es klingt erst einmal nach einer ziemlich verrückten Idee: Der Versuch, in einem Raum mit mehreren Babys und Kleinkindern konzentriert einer Tätigkeit am Computer nachgehen zu wollen, eine Abschlussarbeit zu schreiben, freiberuflich an Projekten zu arbeiten oder die Steuererklärung zu machen. Und das nicht nur ausnahmsweise, sondern regelmäßig.

„Manche denken anfangs, dass das Kind die ganze Zeit auf dem Schoß sitzt und sie hier zu nichts kommen“, sagt Martin Philipp. Der 30-Jährige engagiert sich seit einem Jahr ehrenamtlich für das Eltern-Kind-Büro auf der Großenhainer Straße 98 in Pieschen. „Wenn wir die Eltern dann hier herumführen, das Konzept erklären und sie zum Schnuppern vorbeikommen, verfliegt die Skepsis meist sehr schnell.“

Im geräumigen Flur des Vereins Rockzipfel stehen Sofas. Die Türen stehen offen. Der Lautstärkepegel ist nicht zu vergleichen mit dem einer Kinderkrippe. Es geht bedächtiger zu und doch ist schon an der Eingangstür spürbar, dass hier Kinder sind.

An einem Schreibtisch sitzt Jette Stieber. Die 35-Jährige engagiert sich seit einem Jahr im Vorstand als Kassenwart. Den Rockzipfel hat sie vor drei Jahren kennengelernt. Mit Tochter Klara hat sie hier ein Jahr lang an ihrer Doktorarbeit zur ökologischen Landwirtschaft gearbeitet. Als die abgeschlossen war und Sohn Jonathan auf die Welt kam, war schnell klar: Auch mit ihm möchte sie an ihrer Karriere weiterarbeiten. Am Stehpult in der Ecke bereitet sich Juliane Liebsch auf ihren neuen Job in Schweden vor: Wohnung suchen, Formalitäten erledigen. Im Tragetuch auf ihrem Rücken eingekuschelt schläft Baby Runa. Das neun Monate alte Mädchen fällt kaum auf. Ohne Bobbycar, Dreirad und die Milchfläschchen neben den Kaffeetassen, würde es hier aussehen wie in einem ganz normalen Büro.

Einige Kinder sind gerade im Spielzimmer nebenan auf Entdeckungstour gegangen. Martin Philipp hat ein Auge auf sie. „Das ist das Schöne: Hierl wechseln sich die Eltern mit der Betreuung der Kleinen ab. Wenn die Kinder gut drauf sind, klappt das richtig gut. Wenn nicht, sind die Eltern nicht weit.“ Martin Philipp hat für seine Tochter den größten Anteil der Elternzeit übernommen, während seine Frau schon bald wieder arbeiten gegangen ist.

Vor allem Freiberufler und Akademiker nutzen das Eltern-Kind-Büro in Pieschen, aber es ist ein Modell, das sich an alle richtet. So gab es auch schon Eltern, deren Arbeitgeber die Kosten für den Arbeitsplatz im Rockzipfel-Büro übernommen haben und die für eine Zeit lang im Umfang einer halben Stelle dort gearbeitet haben.

Für Juliane Liebsch ist das Gemeinschaftsgefühl im Eltern-Kind-Büro eine echte Wohltat: „Wir unterstützen uns gegenseitig. Dadurch profitieren alle.“ Wenn die 28-Jährige im August ihren neuen Job im schwedischen Lund antritt, kommen Mann und Baby mit. Die Gemeinschaft ist ihr viel wert: Für zwei Tage in der Woche, in denen sie und ihre Tochter das Eltern-Kind-Büro nutzen, zahlt sie 80 Euro im Monat. „Für das, was ich bekomme, finde ich den Preis angemessen“, sagt sie. Außer Runa hat sie noch eine weitere Tochter im Alter von vier Jahren.

Auch wenn die Idee, ein Baby oder Kleinkind mit ins Büro zu nehmen, zunächst vielleicht abwegig scheint: Eltern-Kind-Büros finden in Dresden großen Anklang. Im vergangenen Jahr hat die Stadt Dresden eine Förderung von insgesamt 120 000 Euro dafür bewilligt. Mitte August öffnet ein Eltern-Kind-Büro in Gruna in der Rosenberger Str. 10 sowie ein weiteres in Prohlis, in der Berzdorfer Str. 26. Durch die Förderung werden dort bis Ende des Jahres keine Nutzergebühren anfallen. „Uns ist es wichtig, dass alle davon profitieren und der Geldbeutel keine Rolle spielt“, sagt Claudia Creutzburg, die sich um die Koordination kümmert. Die Trägerschaft für die neuen Eltern-Kind-Büros übernimmt nicht der Rockzipfel e.V., sondern die KulturLeben UG, die wiederum dem gemeinnützigen Jugendverein Roter Baum gehört.

Die ersten interessierten Familien haben sich bereits bei Claudia Creutzburg gemeldet. Von der Ausstattung her sind die neuen Eltern-Kind-Büros ähnlich wie das Rockzipfel-Büro. Hinzu kommt: Die neuen Büros werden auch einen Sozialberatungs- und Sozialarbeitscharakter haben, während es im alten Rockzipfel mehr um selbstständige Arbeit geht. „Ich finde, dass sich die Eltern-Kind-Büros gut ergänzen,“ sagt Martin Philipp.

Der Rockzipfel in Pieschen ist im Gegensatz zu den neuen Eltern-Kind-Büros nicht kostenfrei. Dafür wurde hier in die Ausstattung investiert: Möbel, Spielzeug und Inventar fürs Arbeitszimmer. Auch bei der Miete wurde der Rockzipfel für einige Monate unterstützt. Im Laufe der kommenden Monate ist der Garten dran. Trotz der großzügigen Förderung ist der Rockzipfel bei solchen Projekten auch auf Spenden angewiesen. „Ein Großteil geht ja in die neuen Eltern-Kind-Büros“, sagt der 30-jährige Martin Philipp.

Auch wenn tendenziell mehr Mütter das Angebot nutzen: Dass auch Väter mit ihren Babys und Kleinkindern in den Rockzipfel kommen, ist nichts Ungewöhnliches. „Immer wieder haben wir Väter hier, die ihre Arbeitszeit reduzieren, um für ihre Kinder da zu sein. Da hat sich das Familienbild doch mittlerweile gewandelt“, sagt Martin Philipp. Und ergänzt: „Mein Vater hat sich inzwischen auch daran gewöhnt, auch wenn er immer gedacht hat, dass ich Karriere mache und meine Frau zu Hause bleibt. Bei uns ist es eben andersherum.“

>>> rockzipfel-dresden.de