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Mit dem Smartphone durch die DDR

Über 600 Besucher haben sich die am Sonntag neu eröffnete Ausstellung im Simmel-Hochhaus angesehen. Kritik gibt es am Eintrittspreis.

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© René Meinig

Von Sandro Rahrisch und Annechristin Bonß

Schlangestehen für ein paar Bananen. Ein Klischee, das viele Bundesbürger von der DDR hatten. Mangelwirtschaft herrscht heute zwar nicht mehr. Doch Autofahrer, die am Sonntagvormittag am Simmel-Center vorbeigefahren sind, hätten leicht darauf kommen können, dass es dort etwas gibt, was es sonst nicht gibt. Bei eisigem Wind warteten etwa 30 Menschen geduldig, bis sich endlich die Glastür öffnete. Sie alle wollten noch einmal zurück in die DDR reisen, nur ein Stockwerk höher.

Eröffnung des DDR-Museums

René Meinig
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Arztpraxis, Campingplatz, Friseursalon, Werkstatt, Klassenzimmer, Wohnung: Auf über 1 500 Quadratmetern werden am Albertplatz 40 Jahre ostdeutsche Alltagsgeschichte zum Leben erweckt. Bis zum frühen Abend tauchten über 600 Besucher in „die Welt der DDR“ ein, wie die neue Ausstellung heißt, die von Radebeul nach Dresden gezogen ist. Beim Anblick des hüfthohen Standofens fühlt sich Marlies Nitsche sofort in ihre Kindheit zurückversetzt. „Solange das Feuer loderte, war die Stube warm“, erinnert sich die Dresdnerin. Aber wehe, wenn vergessen wurde, Kohlen nachzulegen. „Der Ofen speicherte überhaupt keine Wärme, die Wohnung war sofort wieder kalt.“ Im Badezimmer provoziert die kleine Schleuder so einiges Gekicher. „Was ist die immer fortgehuppt“, erzählt eine andere Besucherin, die das Gerät nach dem Schleudervorgang oft mitten im Raum wiederfand. Aber immerhin, die Wäsche war nicht mehr nass, sagt sie.

An allen Ecken wird mit Fingern auf die Exponate gezeigt, es wird gelacht, mit Smartphones fotografiert, der Tank eines Simson-Mopeds gestreichelt. Zumindest ein wenig drängt sich der Eindruck auf, als würden die Gäste durch ein Kuriositätenkabinett spazieren. Torsten Preuß weiß nicht so recht, was er von diesem DDR-Revival, wie er es nennt, halten soll. „Ich habe das Gefühl, hier verspüren sehr viele Besucher Sehnsucht“, sagt er. Ihm selbst sei allerdings nicht danach zumute, wenn er die Schrankwand sehe, die tausend andere DDR-Bürger auch jahrzehntelang in ihrem Wohnzimmer stehen hatten. Immerhin habe die Stadt nun eine Ausstellung, in der zu sehen ist, wie die Dresdner früher gelebt haben, so Preuß. In der Neustadt habe er schon viele Touristen getroffen, die fragten, wo es denn noch DDR-Relikte in der Stadt zu sehen gibt.

Wie authentisch die Räume sind, die das Team um Investor und Center-Chef Peter Simmel gestaltet hat, darüber gibt es am Sonntag unterschiedliche Meinungen. Einige finden, dass viel zu viele Spielsachen im Kinderzimmer drapiert wurden. Kinderpost, Schnatterinchen-Handpuppe, Autosimulator, Puppenstube und Stabilbaukästen hätten nicht alle Kinder gehabt, ist zu hören. Weder über- noch untertrieben ist das, was Gäste in den Konsumregalen finden, versichert ein Rentner. „Wenn es eines immer gab, dann war es Schnaps“, sagt er. Rechts steht Eismint-Pfeffi, daneben Mocca-Edel-Kaffeelikör, gefolgt von der Berliner Luft, einem Kräuter-Schnaps.

Die meisten der rund 75 000 Ausstellungsstücke stehen für sich, ganz ohne Erklärung. Vielen Besuchern scheint das nichts auszumachen, haben sie doch Phoenix-Schranknähmaschine, Mini-Heißluftofen oder das graue Telefon mit Wählscheibe noch in bester Erinnerung. Andere Gäste finden, dass zumindest die Markennamen angegeben werden könnten. Eine Familie habe sich schlecht zurechtgefunden und wünscht sich Wegweiser. Wieder andere hätten gern einen Blick in den Wohnwagen riskiert. Der war verschlossen.

Insgesamt fällt der Eindruck am ersten Tag positiv aus, wie eine nicht repräsentative SZ-Befragung unter 111 Besuchern zeigt. Die meiste Kritik äußerten sie zum Eintrittspreis. Neun Euro erachteten einige als zu hoch. Es gab sogar Gäste, die deshalb wieder kehrt machten.

Noch ist nicht alles fertig in der neuen DDR-Ausstellung, betont Peter Simmel. Das haben Besucher auch am Sonntag gemerkt, als Mitarbeiter plötzlich mit einer Schubkarre voller Ketten ankamen und erst einmal den Zugang zum Gynäkologenstuhl versperrten. Zuvor war auf Hinweistafeln zu lesen, dass die gestalteten Flächen nicht betreten werden sollen. Simmel kündigt an, in den kommenden Wochen noch die Decken im Hochhaus verkleiden zu wollen. Außerdem sollen Exponate regelmäßig ausgetauscht werden. Denn im Depot liegen noch viel mehr Zeitzeugnisse.

Geöffnet ist täglich, auch sonn- und feiertags, von 10 bis 19 Uhr. Infos auf www.weltderddr.de