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Mit den Asylbetrügern im Eurocity Richtung Germany

Hat Pegida einen Spiegel-Text gefälscht? Es wäre kein Einzelfall: Zunehmend werden im Netz News manipuliert.

© Robert Michael

Von Oliver Reinhard

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Spiegel-Online ist das meistgelesene und einflussreichste deutsche Netz-Nachrichtenmedium. Noch immer zehrt es vom Ruf seiner Anfangsjahre, als es zudem auch noch ein sehr gutes Portal war. Nach wie vor aber achtet man dort darauf, keine diskriminierenden oder abwertenden Begriffe zu nutzen, schon gar nicht in Überschriften, erst recht in der Flüchtlingsdebatte.

Umso aufsehenerregender war, was Pegida gestern im Internet veröffentlichte: einen Spiegel-Online-Text mit der Schlagzeile „Asylbetrüger besteigen Eurocity aus Mazedonien Richtung Germany“. Mal abgesehen davon, dass gar kein Eurocity von Mazedonien nach Germany fährt und das Nachrichtenportal nie „Germany“, sondern stets „Deutschland“ schreibt – das Wort „Asylbetrüger“ bei Spiegel-Online ist beziehungsweise wäre eine Sensation.

„Richtig: Der SPIEGEL benutzt das Wort ASYLBETRÜGER“, jubelte man auf der Pegida-Webseite sogleich, fragte „Mal sehen, wie lange es dauert, bis die Überschrift gelöscht wird“ und triumphierte bald: „Und siehe da, die Überschrift ist in ,Flüchtlinge in Mazedonien: Panik vor dem Zaun‘ geändert.“ Allerdings: Spiegel-Online hatte nachweislich nie anderes geschrieben als Letzteres. Pegidas Post mit der „Asylbetrüger“-Überschrift an die 156 000 Facebook-Fans der Gruppe ist eine Fälschung.

Sie ist kein Ausnahmefall. Angefangen mit der Wulff-Affäre, hat die Medienvertrauenskrise über den Ukrainekrieg mit der Flüchtlingsdebatte ihren Höhepunkt erreicht. Immer mehr Menschen informieren sich statt in klassischen Medien im Internet und landen direkt in der Nachrichten-Hölle. Strotzt das Netz schon länger vor haltlosen bis gezielt erlogenen Informationen, vor allem über diverse Gewalttaten, arbeiten Web-Propagandisten heute vermehrt mit Fälschungen von News klassischer Medien. Zwar lassen sich Zeitungen und Magazine im papiernen Original schwer fälschen. Jedoch ist es ein Leichtes, sie digital zu kopieren, zu manipulieren und dann als angeblich „echt“ ins Netz zu stellen. Wie den Spiegel-Text. Man nennt das Posten von Lügen unter dem Logo echter Medien False-Flag-Operationen.

Inzwischen gehen einige Flüchtlingsfeinde so weit, dass sie Wohltaten von Asylbewerbern erfinden (Eritreer tragen alten Frauen den Koffer, Tunesier finden Geldbörsen und geben sie ungeleert im Fundbüro ab), sie im Netz unter falscher Medienflagge veröffentlichen, ihre eigene Lüge dann scheinheilig entlarven und behaupten: Seht her, so arbeitet die Lügenpresse!

Wie kompliziert die Sache wirklich ist, zeigt die Pegida-Spiegel-Affäre ebenfalls exemplarisch. Denn auch solche Schlagzeilen wie „Pegida fälscht Spiegel-Text“ könnten eine Lüge sein. Es ist theoretisch durchaus möglich, dass der Spiegel--Artikel von Dritten manipuliert und erst dann Pegida geschickt wurde, wo man diese Fälschung nichtsahnend im Internet veröffentlichte. Anders gesagt: dass die Lügenpresse-Rufer selbst einem Lügner aufgesessen sind und dessen Lüge massenhaft verbreitet haben.

Das zumindest behauptet nun Pegida: Gesten Nachmittag hat die Bewegung den angeblichen Spiegel-Text auf ihrer Webseite wieder gelöscht. Man schließe jedoch „an Eides statt“ aus, „dass die Überschrift vom Administrator der Pegida-Facebook-Seite gefälscht wurde“.

Mal gutmenschlich und -gläubig angenommen, diese Versicherung entspricht den Tatsachen; das Vorgehen von Pegida zeugt auch so – mindestens – von der typischen grenzenlosen Fahrlässigkeit vieler gesinnungsgeleiteter Netz-Aktivisten im Umgang mit Informationen. Mit einem einzigen Mausklick hätte man bei Pegida vor dem Veröffentlichen des Textes zunächst einmal direkt auf der Spiegel-Online-Seite prüfen können, ob der Artikel echt oder womöglich gefälscht ist.

Aber die Freude darüber, dem Erzfeind Spiegel eins auswischen zu können, war offenbar größer als der Wille zur Wahrheit.