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Mit letztem Einsatz

Wie ein Glücksspielsüchtiger den Weg zurück ins Glück fand. Und warum er dafür fast alles aufgeben musste.

© Christian Juppe

Von Henry Berndt

Er fühlte sich wie ein König. Zumindest so reich. Mit 2 Euro Einsatz gewann Andreas S. im Internet 20 000 Euro auf einen Schlag. Alles blinkte auf dem Bildschirm. Er spielte weiter, bis es 50 000 Euro waren. Er kaufte sich einen neuen Laptop und gab Runden für Freunde. Dann wollte er die 100 000 schaffen. Und wenn 100 000 möglich sind, warum dann nicht eine Million?

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Schon als Kind hatte Andreas S. auf die Frage, was er einmal werden wolle, am liebsten geantwortet: Lottomillionär. In der Familie spielten sie oft Rommé, Skat und Poker – mit echten Einsätzen. Geld war etwas, das man gewinnen kann, lernte er. Vom Verlieren redete niemand.

Doch Andreas S. hat verloren. Eine Menge, und längst nicht nur Geld. Fast hätte er sich selbst an die Glücksspielsucht verloren. Nach einer stationären und ambulanten Therapie hat der 31-Jährige nun zum ersten Mal den nötigen Abstand gewonnen, um über die vergangenen 15 Jahre reden zu können. Die Kooperation von Caritas Suchtberatung und Gesop GmbH ist eine der ganz wenigen Anlaufstellen dieser Art in Sachsen.

„Früher habe ich immer gedacht, wer ins Casino geht, muss ein Idiot sein“, sagt er. „Am Ende habe ich auf dem Handy aber nichts anderes gemacht. „Ein großer Teil der Spielsüchtigen lebt seine Sucht heute anonym zu Hause aus. Die Schwelle für die ersten Spiele ist online niedrig. Bei Andreas S. begann es mit Kartenspielen ohne echten Geldeinsatz. Da war er zwölf Jahre alt. Er gewann häufiger, als er verlor. Wenn das mit Spielgeld klappt, dann muss es doch auch mit echtem Geld funktionieren, dachte er sich. Mit 15 setzte er zum ersten Mal ein paar Cent. „Das geht ganz einfach“, sagt er. „Du klickst einmal und schon hast du das Geld zur Verfügung.“ Beim Auszahlen ist das komischerweise viel aufwendiger. Da wird noch ein zweites und drittes Mal nachgefragt, ob man nicht doch lieber mit dem Betrag weiterspielen möchte.

Als gelernter Restaurantfachmann leitete Andreas S. jahrelang Gaststätten, unter anderem in Österreich. „Die Arbeit hat meine Sucht gefördert“, weiß er heute. Er hatte ständig Zugang zu Alkohol und durch seine Arbeitszeiten saß er nachts oft einsam in seiner Wohnung. Er verdiente gut – und hatte wenig Gelegenheiten, das Geld auszugeben. Also spielte er und trank dabei seine zwei oder drei Feierabendbier. Seine größte Leidenschaft: Sportwetten.

„Ich habe alles kaputt gemacht“

„Am Anfang war es nur Fußball“, erinnert er sich. Dabei ging es nicht nur um die Ergebnisse. Dank Livewetten konnte er jederzeit daraufsetzen, welche Mannschaft den nächsten Einwurf erhält oder welcher Spieler die nächste Gelbe Karte bekommt.

Irgendwann reichte ihm auch das nicht mehr. Besonders an Wochentagen musste er die Lücken füllen, wenn weltweit kaum Spiele liefen. Bald wettete er auch auf Polo oder Cricket. Sportarten, deren Regeln er nicht einmal kennt.

„Durch das Wetten habe ich mir eine Befriedigung geholt. Das ist wie ein Kick, den man immer wieder braucht.“ Er spielte auf dem Sofa, auf Arbeit, in der Bahn und mit Vorliebe auf dem Klo. Jede freie Minute verbrachte er mit Zocken, hatte nur noch Zahlen und Quoten im Kopf, bis er irgendwann bis zu 2 500 Euro auf einmal setzte.

Manchmal gewann er einige Tausend Euro, spielte den Betrag weiter hoch. Bis die Bayern dann mal wieder Unentschieden spielten, statt wie gewohnt zu gewinnen. Dann war alles wieder weg. Durch sein hohes Gehalt dauerte es eine Weile, bis das Pendel dauerhaft in den roten Bereich ausschlug. Dann fing er an, Schulden aufzubauen, nahm Kredite bei Banken, borgte sich Geld von Bekannten.

Zurück in Dresden verdiente er nur noch ein Drittel, musste Miete zahlen und sich selbst verpflegen. Wochenlang aß er nur Toastbrot, ging kaum noch aus dem Haus. „Ich habe alles kaputt gemacht, dachte, die ganze Welt ist gegen mich, und das Spiel sei mein einziger Freund.“

Für ihn stand das Spiel über allem, auch über seiner Freundin, die er 2010 kennengelernt hatte. Sie wusste, dass er gern mal spielt. Die Dimensionen kannte sie aber nicht, bis ein Freund, dem Andreas Geld schuldete, auf sie zuging. „Dann hat sie mir die Pistole auf die Brust gesetzt und mich vor die Entscheidung gestellt: Entweder ich gehe zur Suchtberatung oder sie ist weg.“ Auch wenn er sich zu dieser Zeit noch sicher war, jeden verlorenen Euro zurückgewinnen zu können, ging er mit ihr zusammen auf die Suche nach professioneller Hilfe. Und die war schwierig. Suchtberatung beschränkt sich für die meisten Anbieter auf Alkohol und Drogen. Erst bei der Gesop fand er Hilfe.

Privatinsolvenz als Ausweg

Zunächst war die Pause nur kurz, bis er wieder heimlich spielte. Inzwischen hatte er 50 000 Euro Schulden angehäuft. „Und dann hat es bei mir ‚Peng‘ gemacht“, sagt er. „Ich habe mich nicht mehr im Spiegel erkannt und zum ersten Mal festgestellt: Mein Leben ist außer Kontrolle, und ich brauche Hilfe.“

Mithilfe eines Schuldnerberaters ging Andreas S. vor einem Jahr in Privatinsolvenz. Gleichzeitig halfen ihm Gesop und Caritas auf seinem Weg aus der Spielsucht. Gerade macht er eine Umschulung zum Immobilienkaufmann, um aus der Gastronomiebranche herauszukommen. Zu seiner Familie und früheren Freunden hat er keinen Kontakt mehr. Seine größte Stütze ist bis heute seine Freundin. Er hat ihr seine Bankkarte gegeben, bekommt monatlich Taschengeld von ihr und macht selbst keine Überweisungen mehr. „Am Anfang war es schwer, sich so überwachen zu lassen“, sagt er. „Aber für mich war es der einzig mögliche Weg.“

Wer einmal süchtig nach Glücksspiel war, der kann zwar erfolgreich therapiert, aber nie geheilt werden. Als er seine Onlinekonten bei den Spielanbietern selbst sperrte, zitterte Andreas S. am ganzen Körper. Sein Herz pochte wie wild.

Heute spielt er nicht einmal mehr Gesellschaftsspiele, natürlich auch kein Lotto. Selbst das Tippspiel zur WM ist für ihn tabu. Zusammen mit seiner Freundin kocht er gern, hat einen kleinen Kräutergarten auf dem Fensterbrett. „Ich gehe auch gern wieder ins Stadion zu Dynamo“, sagt er. Aber nicht etwa, um sich seine Einsätze bestätigen zu lassen. „Ich habe einfach wieder Lust drauf.“