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Mit Millimeter-Arbeit durch Coswig

Eine Coswiger Firma liefert Schalldämpfer in den Orient. Die SZ hat den Schwerlasttransport Montagnacht begleitet.

© Arvid Müller

Von Uta Büttner

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Coswig. Schon Tage zuvor stehen an der Kötitzer und Naundorfer Straße in Coswig Halteverbotsschilder mit dem Hinweis auf einen Schwerlasttransport mitten durch enge Straßen. Das klingt spannend. Denn es ist kaum vorstellbar, wie ein riesiger Laster um die Kurven kommen soll. „Das ist das erste Mal, dass ein Schwerlasttransport mit den Maßen von 4,30 Meter Breite und 4,80 Meter Höhe durch die Stadt rollt“, sagt Rocco Zeibig von der Coswiger Straßenverkehrsbehörde. Das Problem ist nicht das Gewicht, sondern die Höhe. „Brücken sind normal nur 4,50 Meter hoch.“

Mit acht und elf Tonnen wiegen die beiden Dampf-Abblaseschalldämpfer für Großindustrieanlagen nicht viel. Doch die Abmaße bereiten der Einsatzleiterin Katja Dymak, Disponentin beim beauftragten Transportunternehmen Sächsische Binnenhäfen Oberelbe, etwas Bauchschmerzen. „Es gibt zwei kritische Stellen: Die enge Passage mit 4,60 Meter in der Naundorfer Straße. Die Häuser stehen sehr nahe und wir müssen auf die Smiley-Geschwindigkeitsanzeige aufpassen. Aber richtig knapp wird die Brückendurchfahrt auf der Staatsstraße S 84“, verrät die Disponenten vor der Fahrt.

Start soll am Montag, 22 Uhr, auf dem Ziegelweg 7 sein. Die Firma BBM Akustik Industrie, eine 100-prozentige Tochtergesellschaft der BBM Akustik Technologie GmbH mit Hauptsitz in Planegg bei München. Coswig ist der deutsche Fertigungsstandort der weltweit tätigen BBM-Gruppe. Projektleiter Manfred Ziegler verrät, wohin die Reise des Schalldämpfers geht: „In den Oman“, einen Staat im Osten der arabischen Halbinsel. Dabei handelt es sich nicht nur um einen Schalldämpfer. „Insgesamt werden etwa 100 Stück für dieses Projekt geliefert“, sagt Manfred Ziegler. Einer auf dem Laster am Montagabend hat einen Durchmesser von 3,50 Meter und ist fünf Meter lang. Verpackt sind die Schalldämpfer in riesige Holzkisten, die bereits am Vormittag auf die sogenannten Tiefbett-Auflieger, die nur eine Ladehöhe von 30 Zentimeter haben, geladen wurden. „Normal sind Ladehöhen zwischen einem und 1,20 Meter“, sagt Katja Dymak. Aber damit wären die Laster unter keiner Brücke mehr hindurchgekommen.

Zehn Minuten vor der geplanten Abfahrt kommt ein Anruf der Polizei, dass derzeit keine Einsatzkräfte zur Verfügung stehen und es noch eine halbe bis zu einer Stunde dauern könne, bis ein Einsatzwagen vor Ort ist. Doch ohne Polizei darf der Schwerlasttransport nicht fahren. „Ab einer Breite von 3,50 Meter ist das Vorschrift“, erläutern Rocco Zeibig und Katja Dymak. Und so heißt es für alle Beteiligten, bei minus vier Grad auszuharren. „Irgendetwas ist immer“, sagt die Einsatzleiterin. Aber solche Einsätze, gerade mit überdimensionalen Abmessungen, machen ihr besonders Spaß. Zehn nach elf treffen die Polizisten endlich ein. Nach einer kurzen Absprache geht es los auf dem Ziegelweg in Richtung Dresdner Straße. Vornweg der Polizeiwagen, um den Gegenverkehr zu stoppen. Dahinter ein Wagen der Verkehrssicherung, der gegebenenfalls über die Straße hängende Kabel anheben oder Verkehrsschilder entfernen muss. Den Abschluss bildet das Begleitfahrzeug zur Warnung des nachfolgenden Verkehrs.

Mit etwa 30 Kilometer pro Stunde rollt der Konvoi schneller als gedacht. Der erste Stopp um 23.20 Uhr kurz vor der Einbiegung in Am Güterbahnhof: Ein Kabel muss angehoben werden. „Vielleicht passt der hohe Laster auch geradeso durch, aber sicher ist sicher“, sagt Katja Dymak. Dann gehts weiter in die Kötizer Straße. Kein parkendes Auto weit und breit – der Konvoi hat freie Fahrt. Und auch die Kurve in die Naundorfer Straße ist keine Herausforderung für die beiden Kolosse. Erstmals auf dem folgenden engen Straßenabschnitt drosseln die Lkw-Fahrer ihre Geschwindigkeit etwas. Katja Dymak prüft die Durchfahrt von vorn. „Alles bestens.“

Nun wartet die einzige richtige Herausforderung – die Durchfahrt unter der Brücke auf der S 84. „Da habe ich ein bissel Bammel“, verrät die Einsatzleiterin. Doch anmerken kann man ihr nichts, sie ist die Ruhe in Person. Der Lkw der Firma Kahl Schwerlast aus Moers – der höhere der beiden – fährt in Schrittgeschwindigkeit ohne Probleme hindurch. Aber da waren keine zehn Zentimeter Luft mehr nach oben. Das war Maßarbeit. „Wir haben auch fünfmal an 15 Stellen gemessen“, verrät Katja Dymak. Denn für eine Genehmigung eines solchen Schwerlasttransportes ist eine gesamte Streckenprüfung mit Protokoll Pflicht. Und Katja Dymak und ihr Team hatten sehr genau gearbeitet. „Sogar Fotos wurden mit eingereicht“, sagte Rocco Zeibig.

Inzwischen ist es 23.40 Uhr. Die SZ verlässt den Konvoi, der nun noch über die Niederwarthaer Brücke Richtung Autobahn und zum Zwischenziel Dresdner Alberthafen fährt. Dienstagnacht und heute Nacht fahren noch einmal zwei Transporter durch Coswig. „Die sind allerdings kleiner“, sagt Katja Dymak. Und dann geht es per Schiff in den belgischen Hafen Antwerpen, wo die Industrieschalldämpfer aus Coswig in den Orient verschifft werden.