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Mit Putzlappen gegen barocke Herrlichkeit

Katja Windau ist an den Goldenen Reiter gekommen, um öffentlich Kunst zu zeigen. Doch kaum einer bemerkt das.

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Von Tobias Wolf

Eisig pfeift der Wind um den Goldenen Reiter am Neustädter Markt. Reste vertrockneten Herbstlaubs fliegen durch die Luft. Katja Windau wirkt etwas unsicher, als sie zum Reiterstandbild Augusts des Starken hinaufschaut. Dessen goldene Beschichtung blendet das Auge in der Mittagssonne. Windau versucht sich zu konzentrieren. Nach Dresden ist sie als Stipendiatin der Kulturbehörde Hamburg gekommen, lernt nun den Kulturbetrieb der Landeshauptstadt kennen.

Ihr Vorhaben am Goldenen Reiter erscheint auf den ersten Blick etwas eigenartig. In wenigen Minuten will sie dort selbst zum Standbild werden, zur öffentlichen Kunst – eine halbe Stunde lang mit einer selbstgenähten Fahne aus Putzlappen. Eine Auseinandersetzung auf Augenhöhe mit Autorität und Macht, mit der barocken Herrschaftlichkeit des Kurfürsten. Einen Kontrast zwischen Arm und Reich will sie so schaffen. Mit Helfern hat sie dazu eine große Leiter aus dem Schloss in der Altstadt geholt. Bei minus sechs Grad über die Augustusbrücke geschleppt. „Ich versuche, mich August zu stellen, dazu brauche ich die Leiter“, sagt Windau. „Um wenigstens annähernd in seine Höhe zu kommen, auch wenn ich dann wahrscheinlich immer noch aufschauen muss.“ Alles hat Bedeutung an ihrem Auftritt. Die Leiter ist ein Symbol für Arbeit und Handwerk, Bodenständiges eben.

Während sie die Leiter aufstellt, bleiben ein paar Passanten neugierig stehen, erwarten offenbar eine Reinigungsaktion. Eine halbe Stunde will Windau da oben ausharren, August begegnen, wie sie es nennt. Die 41-Jährige streift sich Handschuhe über, greift in die Leiter, und zögert. Der Wind ist inzwischen so stark geworden, dass einer ihrer Mitstreiter die fünf Meter Aluminiumstiege festhalten muss, damit sie nicht von einer Bö umgeworfen wird. Langsam steigt Windau die Sprossen empor. Der Sturm zerrt an den Schößen ihres Filzmantels und an der Fahne. Oben angekommen, muss sie sich festhalten, versucht gerade zu stehen. Bis auf Augenhöhe hat sie es nicht geschafft. Mindestens drei Meter fehlen noch. So fixiert sie das Gesicht des Goldenen Reiters von etwas weiter unten. Die Putzlappen fliegen im Wind. Doch August der Starke lässt sich nicht beeindrucken, nicht von ein paar Mikrofasertüchern. Die wenigen Passanten, die eben noch da waren, sind verschwunden.

Stattdessen kommt ein Japaner mit seiner Kamera und knipst ein Foto nach dem anderen. Michiyasu Nakajima ist als Tourist in Dresden unterwegs. Katja Windaus Auftritt fasziniert ihn. Der 49-Jährige hat Kunstsinn, könnte man glauben. Er dürfte einer der wenigen sein, die den Sinn von Windaus Auftritt sofort erfassen. „Gold und Putzlappen, der Gegensatz könnte nicht größer sein“, sagt Nakajima und schießt fröhlich noch ein paar Bilder. Der eiskalte Wind vertreibt ihn schnell wieder.

Auch für Katja Windau ist statt nach einer halben Stunde schon nach nur sieben Minuten Schluss. Denn plötzlich füllt sich der Platz. Es sind keine Kunstsinnigen, sondern Teilnehmer einer Demonstration, die am Reiterstandbild ihre Lautsprecher aufbauen und die Hamburgerin so vertreiben. Gelohnt habe sich die Aktion dennoch, sagt Windau tapfer. „Ich bedauere nur etwas, dass ich nicht vorher bei der Polizei angerufen habe, um den Platz sicher für mich zu haben.“ August dem Starken hat sie jedenfalls die Stirn geboten, wenn auch kurz.