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„Mit solchen Fällen ist man nie fertig“

Wenn die Polizei einen Täter nicht mehr verhören kann, wie im Fall des mutmaßlichen Mörders Robert K., haben die Ermittler ein Problem. Dresdens Polizeipräsident Horst Kretzschmar spricht über Morde, bei denen sich die Täter auch selbst getötet haben.

© Sven Ellger

Von Sandro Rahrisch

Robert K. hat sich erschossen. Damit ist der Dresdner der Polizei am Montag vor Pfingsten in Königsbrück zuvorgekommen. Die Beamten wollten den 33-Jährigen festnehmen. Er soll in Kaditz die 75-jährige Marita M. umgebracht haben. In einem Brief erklärte er seine Tat, doch das Ermittlungsverfahren gegen ihn wird nie mit einem Gerichtsurteil enden. K. ist tot. Ein Dilemma für die Polizei. Damit mussten die Ermittler auch klarkommen, nachdem Mitte April ein Pfleger eine 37-Jährige in einem Gorbitzer Seniorenheim umgebracht hatte. Der Mann sprang danach aus einem Fenster im vierten Stock des Hauses und starb. Polizeipräsident Horst Kretzschmar erklärt, wie die Beamten damit umgehen.

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Stellen Sie Ermittlungen ein, wenn Opfer und Täter nicht mehr leben?

Wir haben den Anspruch, das Motiv zu ermitteln. Das ist grundsätzlich so. Da müssen wir schauen, wie weit wir kommen und ob unsere Theorien zum Motiv schlüssig sind. Wenn der Täter tot ist, kommen wir zu Vermutungen, die wir aufgrund unseres Erfahrungswissens anstellen können. Ob das wirklich dann zu hundert Prozent das Motiv des Täters war, bleibt immer offen. Aber wir nähern uns seinem Motiv an. Am Ende des Tages ist es jedoch immer unbefriedigend, wenn man nicht einen Haken machen kann.

Der Täter ist tot. Solch ein Ende ist für die Polizei unbefriedigend?

Unbefriedigend ist vielleicht nicht richtig. Der subjektive Faktor, die eigenen Überlegungen und Gedanken zu Täter und Motiv, sind so umfangreich, dass wir dann nicht zum Ende kommen können. Man ist auch privat mit solchen Fällen nie fertig. Das bewegt, das sind einschneidende Ereignisse, bei denen man sich auch zu Hause Gedanken macht, solange das aktuell ist. Wir müssen aber irgendwann mal aufhören, weil der nächste Fall schon vor der Tür steht.

Wer sagt, wann der Schlussstrich gezogen wird?

Der Staatsanwalt. Und irgendwann sagen wir: Schluss, Ende, nächster Fall. Der Alltag bringt das mit sich.

Was bedeutet das für die Kriminalpolizei?

Wenn es in die Vernehmung geht, ist es für jeden Kriminalbeamten ungeheuer wichtig, dass man mit dem Täter selbst noch einmal in Kontakt kommt. Und dass man alles kriminalistische Geschick anwendet, um ihn über Motive zu befragen. Fällt das weg, ist der Raum für Spekulationen viel zu groß. Dann kann man seine eigenen Überlegungen und Erfahrungen nicht noch einmal überprüfen. Jeder Kriminalist hat das Ansinnen, dass sich die Theorie, die man hat, am Ende auch bestätigt. Wenn das nicht aufgeht, ist man unzufrieden.

Auch, weil man aus jedem Fall lernt und dieses Wissen braucht?

Richtig. Der Polizeiberuf ist ein Erfahrungsberuf. Das steht und fällt mit dem, was man erlebt hat. Wenn man zehn oder 20 Jahre als Mordermittler gearbeitet hat, dann hat man einen ungeheuren Erfahrungsschatz. Und der entsteht überwiegend durch die Vernehmungen und durch die Fälle an sich. Es gibt im Landeskriminalamt drei Fallanalyse-Beamte, die sich nur mit Tötungsdelikten beschäftigen. Sie erkunden bundesweit solche Fälle, vergleichen sie und analysieren dabei Wahrscheinlichkeiten und Häufungen. Diese Kollegen haben den Brief von Robert K. untersucht und uns auf die Schlussfolgerung gebracht, dass von ihm viel Gewalt ausgehen könnte. Sie haben uns dafür sensibilisiert, dass er die Polizei als Zielscheibe auserwählt haben könnte.

Das heißt, Sie waren schon vor dem Einsatz in Königsbrück gewarnt?

Wir selber hätten wahrscheinlich die Entscheidung, mit mehreren Hundert Beamten vor Ort zu sein, nicht so schnell getroffen, wenn unsere Erwartungen von diesen Beamten nicht so deutlich bestätigt worden wären.

Sehen Sie sich auch gegenüber den Hinterbliebenen in der Pflicht?

Wir kommen den Fragenden so weit es geht entgegen. Letztlich ist das auch eine zwischenmenschliche Beziehung. Wir versuchen dabei, so sensibel wie möglich zu sein. Im Fall von Robert K. war es so, dass die Eltern nicht damit gerechnet haben, dass ihr Sohn sich in diesem Status befindet. Sie können sich das überhaupt nicht erklären. Man kann sagen: Wir wollen das Bild, das die Eltern von ihrem Sohn haben, nicht mehr schädigen als notwendig ist. Wir lassen diese Menschen halbwegs in Frieden und in ihrer Trauer. Wenn sie Fragen haben und wir können diese Fragen beantworten, dann machen wir das auch.

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Klassische Tötungsdelikte bearbeiten wir mit aller Kraft, die nehmen wir sehr ernst. An die Grenzen kommen wir mit anderen Fällen. Das sind unnatürliche Todesfälle in Krankenhäusern. Wir lassen dann Fälle, die schon vor Jahren passiert sind und an denen wir immer noch arbeiten, vorübergehend liegen.

Die Fragen stellte Christoph Springer.