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Mit Tunnelblick ins Turnier

Bei der Darts Open in Riesa lässt sich Jim Walker nicht aus der Ruhe bringen. Das liegt auch an seinem früheren Job.

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© Lutz Weidler

Von Stefan Lehmann

Riesa. Vor dem Spiel setzt der Tunnelblick ein. Gegen 14 Uhr trifft Jim Walker auf seinen ersten Gegner. Aber schon mehr als drei Stunden davor hat der 57-Jährige an diesem Freitag die ersten Pfeile geworfen. So kurz vor dem Aufeinandertreffen sei er immer total fokussiert, erzählt Walker.

Der Schotte mit den kurzgeschorenen grauen Haaren ist der zweitälteste Spieler, der in diesem Jahr bei den International Darts Open in Riesa antritt. Die Stadt kannte er vorher noch nicht, zum ersten großen Turnier in der Sachsenarena im vergangenen Jahr war er nicht angetreten. Erst am Vortag sei er in der Stadt angekommen. Sein erster Eindruck sei ganz gut. „Die Menschen hier sind freundlich. Gestern waren wir noch in einem Pub, und jeder Gast hat zum Abschied bei den anderen auf den Tisch geklopft“, sagt er und schmunzelt. Dem Dartspieler sind solche Dinge wichtig. Wie die meisten Briten hat er über die Abende in Pubs zum Dartspielen gefunden. Er habe eine Zeit lang viel gespielt und so ziemlich jeden Amateurwettbewerb gewonnen. „Irgendwann meinten meine Freunde: Meld dich doch mal bei einem Turnier an. So führte eins zum anderen.“

Einen Tag nach dem Pub-Besuch in Riesa gilt es für den Schotten erst einmal, eine Runde weiterzukommen. In der Sachsenarena hängt künstlicher Nebel, die Scheinwerfer erzeugen schon einmal Pub-Atmosphäre, als der Spieler die Bühne betritt. Walkers erster Gegner heißt Maik Langendorf. Deutschland gegen Schottland, da sind die Sympathien im Publikum klar verteilt. Vielleicht kommt es Walker da zugute, dass so früh am Freitagnachmittag noch nicht allzu viele Menschen auf den Bierbänken in der Sachsenarena sitzen. In den späteren Runden wird das anders sein, sagt Timo Gans. Er ist bei der PDC Europe verantwortlich für Marketing und Pressearbeit. Schon 2015 hatten mehr als 10 000 Dart-Fans Riesa besucht, in diesem Jahr könnten es noch mehr werden, schätzt Gans schon am Freitag. „Der Vorverkauf lief in diesem Jahr noch einmal deutlich besser.“

Das erste Spiel beginnt gut für Jim Walker. Vier zu Null zeigt die Tafel hinter der Dartscheibe an. Ein Vorsprung, der kaum noch einzuholen ist. Dann dreht Maik Wagenfeld noch einmal auf, schießt dreimal hintereinander die 501 Punkte auf Null. Doch das reicht nicht: Am Ende zieht der Phönix, so Walkers Spitzname, in die nächste Runde ein. Vom Publikum gibt es trotzdem Applaus für beide Spieler. Hinterher gibt sich Walker als fairer Sieger. „Maik hat eine gute Zukunft vor sich, sagt er.“ Einige Male sei es richtig knapp gewesen. „Er hat ein paarmal die Doubles nicht getroffen.“ Am Ende hätten Millimeter den Ausschlag gegeben. Oder eben die Nerven. Die sind das wichtigste bei diesem Sport, sagt Jim Walker klipp und klar. „Es gibt Spieler, die treffen im Pub, wie sie wollen.“ Und auf der Bühne würden ihre Arme plötzlich zu Pudding. Wahrscheinlich liegt es an seinem früheren Job, dass Walker seine Nerven auch vor tausenden Zuschauern im Griff hat. „Ich war fast 30 Jahre lang Feuerwehrmann“, erzählt er. „Warum sollte ich da Stress empfinden, wenn ich einen Stahlpfeil auf eine Scheibe werfe?“ Stress, das habe es gegeben, wenn ihm der Notarzt sagte, dass ein Unfallopfer so schnell wie möglich aus dem Auto geschnitten werden müsse, weil es sonst keine Überlebenschance hätte. „Aber das hier?“ Walker winkt ab. „Das ist doch nur ein Spiel.“

Ein durchaus lukratives Spiel für manche Teilnehmer. Der amtierende Weltmeister Michael van Geerven bekomme im Jahr rund eine Million Euro an Siegprämien, sagt Timo Gans. Summen, von denen Jim Walker und viele andere allerdings nur träumen können. Für die großen Wettkämpfe sind nämlich nur die besten Spieler automatisch qualifiziert. Alle anderen müssen sich durch die sogenannte „Q-School“, kleinere Turniere, um sich den Zutritt zu den Profi-Turnieren zu ergattern. Der wiederum verfällt immer wieder. „Ich muss mich eigentlich jedes Mal wieder qualifizieren“, scherzt Walker. Auszumachen scheint ihm das nicht viel. Auf die Frage, was in Riesa sein sportliches Ziel ist, heißt es nur mit einem Augenzwinkern: „Das Ding gewinnen, natürlich.“ Mit einer Mischung aus Spaß und Ernsthaftigkeit fügt er dann noch an, dass im Sport doch alles möglich sei. Immerhin: Mit dem Sieg über Maik Langendorf hat er schon einmal 1 500 Pfund sicher – umgerechnet etwa 2 100 Euro.

Aber für Jim Walker ist der sportliche Erfolg auch nicht alles. Er genieße den Blick ins Publikum, kurz vor dem Spiel. „Das nimmt man schon wahr“, sagt er. Zumindest, bis der Blick auf die Scheibe geht. Dann setzt er wieder ein, der Tunnelblick.