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Moderne Volksversammlung

Riesa kennt wieder zwei Wege zum Bahnhof und träumt mit Gröditz von Menschenmassen. Ein uferloser Rückblick.

© SZ-Archiv/Schröter

Von Kevin Schwarzbach

Manche Zustände halten so lange an, dass man vergisst, dass es früher mal anders war, liebe Leser. Geht es Ihnen auch manchmal so? Da fragt mich am vorigen Wochenende ein Tourist auf dem Parkplatz vorm Riesenhügel, wie er mit dem Auto zum Bahnhof gelangt. Wegbeschreibungen sind definitiv eine meiner Stärken: Den Fahrtweg an der Agentur für Arbeit vorbei, an der nächsten Kreuzung nach rechts, dann der Straße bis zur nächsten Linkskurve folgend, dort rechts abbiegen, am Stadion vorbei bis zur nächsten Rechtskurve, hinter der man den Bahnhof bereits erblickt, hat der nette Herr sicher verstanden. Zumindest hat er seine Augenbrauen wissend gehoben und wieder gesenkt.

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Als er den Bahnhof erreichte, hat er sich womöglich gefragt, wohin denn diese Straße am anderen Ende führt. Ach, ja, da war ja was. Man kann den Riesaer Bahnhof bekanntlich von zwei Seiten erreichen. Weil es das letzte Mal vor fast einem Jahr möglich war, hatten manche das aber bereits wieder vergessen. Ein kurzer Aufenthalt am Bahnhof reichte, um Szenen der Verwunderung zu erleben: Kinder, die den Asphalt mit kräftigen Tritten und Sprüngen auf Standhaftigkeit testeten; Autofahrer, die den neuen Belag auf seine Eigenschaften beim Driften überprüften; und Fußgänger, die zögerlich um die Hausecke lugten, ob tatsächlich alle Absperrbaken entfernt worden sind.

Die zweite Zufahrt zum Bahnhof war sogar derart in Vergessenheit geraten, dass sich die Kommentatoren bei Facebook erstaunlicherweise gar nicht in Scharen über die Nachricht der Wiedereröffnung der Straße lustig machten. Nur ein paar läppische Kommentare wie „Jahrhundertbaustelle“ waren zu lesen. Wen juckt dieser Sarkasmus schon? Sicher genauso wenig Menschen wie diese Kolumne. Aber vielleicht heben sich die Kommentatoren ihre Häme auch für die Zeit auf, in der die andere, mit wunderschönen Pflastersteinen ausgelegte Zufahrt einer Erneuerung unterzogen werden muss. Schließlich hat sie unter der Doppelbelastung heftig gelitten. Dann könnten aus zwei Zufahrten schnell wieder eine werden.

Auf eine deutlich höhere Anzahl hofft man in den nächsten Wochen in Gröditz und Riesa. Nicht an Zufahrten, sondern an Menschen. Beide Orte planen derzeit wahre Völkerversammlungen. In Gröditz sollen Mitte Juni mindestens 250 Menschen zusammenkommen, in Riesa am kommenden Freitag sogar so viele wie möglich. Aber nicht etwa, um wie in der attischen Polis miteinander zu diskutieren und politische Entscheidungen zu treffen. Mit solch altmodischen Quark geben wir uns nicht ab. Schließlich leben wir in modernen Zeiten. Da trifft man sich einfach, weil man sich treffen will.

Einen höheren Sinn hat das Ganze natürlich schon: Riesa startet bei der Sachsenmeisterschaft von Radio PSR, und Gröditz feiert die Eröffnung des Dreiseithofs. Und was genau sollen jetzt die Menschen dazu beitragen? In Riesa sollen sie einfach da sein, und in Gröditz sollen sie blaue Fahnen schwenken. Beides wird dann auf Drohnenfotos festgehalten. Da fragt man sich natürlich schon, warum die Menschen im fünften Jahrhundert vor Christus nicht auf diese Idee gekommen sind. Warum groß diskutieren und sich den Kopf zerbrechen, wenn bloße Anwesenheit genügt?

In Gröditz sehen sie den sogenannten Flashmob als Herausforderung. Man will sich selbst beweisen, dass man mehr als 250 Einwohner hat. Und in Riesa will man das Image der Stadt ein wenig aufpolieren. Auch wenn man sich ja immer wieder darüber streitet, welches Image das eigentlich ist. Mein Vorschlag ist, dass man das Nützliche mit dem Praktischen verbinden sollte. Klar, Gröditz ist mächtig stolz auf sich, wenn 500 Menschen im Dreiseithof blauen Fahnen schwenken. Und Riesa bekommt eine fette Imagekampagne spendiert, wenn es die anderen vier Städte im Wettbewerb um die größte Volksversammlung aussticht. Aber finden Sie nicht auch, dass das Hinzufügen weiterer Anlässe die zu erwartenden Menschenmassen vergrößern würde, liebe Leser? Warum nicht noch eine Tierschutz- Demo, einen Protest gegen die Ächtung von Fleischkonsumenten, eine Kundgebung zur Hochwassergefahr der Elbe oder ein Konzert zu Ehren Wladimir Putins anmelden? Erst die richtige Mischung lockt alle auf die Straßen. Wegen was er gekommen ist, kann ja jeder Einzelne live und vor Ort entscheiden.