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Montieren statt rumhängen

Sachsens größter Fahrradhändler gibt elf Flüchtlingen eine Chance. Sie lernen auch die Theorie, aber ohne Berufsschule.

© Robert Michael

Von Georg Moeritz

Mohammed Abdenur hat einen klaren Auftrag: Lampen und Räder kontrollieren, Bremsen einstellen und Schrauben nachziehen – erst dann dürfen die neuen Fahrräder aus dem Logistikzentrum in die vier Verkaufsstellen von Fahrrad-XXL Emporon. Der 28-Jährige aus Somalia findet die passenden Werkzeuge aufgereiht in der Werkstatt in Wilsdruff-Kesselsdorf. Auf den Kästen im Regal stehen nur deutsche Begriffe wie Sattelstütze und Umwerfer.

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Noch versteht es Abdenur nicht auf Anhieb, wenn ihn ein Fremder etwa nach seinem Alter fragt. Doch der Ausbilder Eric Gutzke findet, das Deutsch seiner elf neuen Mitarbeiter mache Fortschritte. Schließlich gehen sie ja auch zweimal pro Woche zum Unterricht, lernen Sprache, Werkstoffkunde und Physik. Gemeinsam mit Abdenur an einem Diamant-Rad schraubt Ibrahim Al-Hadi, der aus Eritrea stammt, aber zum Telefonieren mit Frau und Kindern derzeit im Sudan anrufen muss. Am nächsten Arbeitsplatz prüft Amiry Najeeb ein Fahrrad – er hat in Afghanistan als Polizist und Motorradmechaniker gearbeitet. Nun lebt er mit seiner Frau und den zwei Kindern in einer Dresdner Wohnung. Miete und rund 850 Euro für die Familie bezahlt der Staat.

Flüchtlinge sollen in Deutschland nicht rumhängen und nicht dem Staat auf der Tasche liegen – so klar sagt es Geschäftsführer Hamidreza Ameli. Er ist einer der beiden Chefs der Fahrradhandelsfirma mit 120 Beschäftigten und 26 Millionen Euro Jahresumsatz. Sein Name verrät: Er kam selbst als „Migrant“ ins Land, wie er gerne sagt. Mit 13 Jahren verließ Ameli den Iran, ging ohne Vorkenntnisse in Deutschland zur Schule, studierte später Elektrotechnik bis zum Doktortitel und wurde technischer Leiter in der Biria-Fahrradfabrik seines Onkels in Neukirch, die es nicht mehr gibt. Nun will er anderen Migranten Gelegenheit geben, etwas zu lernen und mit Deutschen in Kontakt zu kommen.

Module statt ganzer Ausbildung

Ameli sprach von der „Verpflichtung und Verantwortung“ der Unternehmer, als Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) am Mittwoch seine Lehrwerkstatt besuchte. Dulig erwiderte mit „Dank und Respekt“, denn in Amelis Unternehmen sind bereits vier Flüchtlinge angestellt und drei in Ausbildung. Nun bekommen elf eine Qualifizierung. Eine vollständige Lehre ist das nicht – Ausbilder Gutzke hat selbst dreieinhalb Jahre gelernt. Doch dazu gehört Berufsschulunterricht, und daran hat Ameli schon ausländische Lehrlinge scheitern sehen. Leichter ist die sechsmonatige Qualifizierung, organisiert vom Sächsischen Umschulungs- und Fortbildungswerk Dresden (SUFW). Zwar halten die Kammern für Handwerk, Industrie und Handel am etablierten Ausbildungssystem fest und wollen keine Teil-Lehre einführen. Doch die Arbeitsagentur bezahlt Bildungsgutscheine für die elf Fahrradmonteure und damit die Kurse beim SUFW. Diese Bildungseinrichtung hat voriges Jahr bereits rund 50 Flüchtlinge in Berufs-„Modulen“ geschult, vor allem für die Gastronomie. Für die neue Fahrrad-Qualifizierung waren ursprünglich 15 Teilnehmer vorgesehen. Doch vier sprangen ab, darunter einer, der doch lieber Koch werden will.

17 000 Flüchtlinge suchen Arbeit

Geschäftsführer Ameli will mindestens fünf Flüchtlinge nach der Qualifizierung in Vollzeit einstellen. Er finde kaum noch Mitarbeiter, sagt er. Bezahlt werde zunächst Mindestlohn, nach einem halben Jahr sei je nach Können mehr möglich.

Bei Sachsens Arbeitsagenturen haben sich in den vergangenen zwölf Monaten 2 666 Flüchtlinge abgemeldet, weil sie Arbeit fanden. Rund 200 weitere begannen eine Ausbildung. Derzeit sind 17 270 Flüchtlinge auf der Suche nach Arbeit in Sachsen. Die Zahl der Arbeitslosen im Land insgesamt ist unterdessen wieder gesunken: Die Arbeitsagentur berichtete am Mittwoch in ihrem Monatsbericht, dass 140 683 Sachsen arbeitslos gemeldet sind. Weitere rund 49 000 sind wegen Schulungen oder Arbeitsbeschaffungsprogrammen vorübergehend nicht offiziell arbeitslos. Vor einem Jahr gab es noch rund 21 000 Arbeitslose mehr in Sachsen. Allein in der Industrie sind fast 5 200 Stellen frei, im Gesundheits- und Sozialwesen 3 500. Leiharbeitsfirmen bieten in Sachsen mehr als 11 000 Stellen an. Für den März erwartet Behördenchef Klaus-Peter Hansen erneut eine „Frühjahrsbelebung“ mit mehr Stellen.