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Mord im Gericht: Verfahren gegen Polizisten eingestellt

Dem Beamten, der auf Marwa El-Sherbinis Mann geschossen hatte, ist laut Staatsanwaltschaft Dresden kein Vorwurf zu machen.

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Von Alexander Schneider

Fast ein halbes Jahr nach dem Mordanschlag auf die Ägypterin Marwa El-Sherbini im Landgericht Dresden hat die Justiz das Ermittlungsverfahren gegen einen 33-jährigen Bundespolizisten eingestellt. Der Beamte hatte am 1. Juli die mörderische Messerattacke des Russlanddeutschen Alex W. (29) beendet – mit einem Schuss aus seiner Dienstpistole. Doch der Schütze hatte irrtümlich Täter und Opfer verwechselt, die um die Waffe, ein japanisches Kampfmesser, gerungen hatten. Er schoss auf Elwy Okaz (32), den Ehemann der Getöteten, traf ihn im Oberschenkel und verletzte ihn schwer.

Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft ist der mörderische Angriff auf Marwa El-Sherbini und ihren Ehemann erst durch das beherzte Eingreifen des Bundespolizisten beendet worden. „Ohne seine Intervention wäre es mit hoher Wahrscheinlichkeit zu weiteren Attacken auf Elwy Okaz und seine Familie gekommen“, so Oberstaatsanwalt Christian Avenarius.

Hochdramatische Situation

Der Polizist habe in einer hochdramatischen und unübersichtlichen Situation gehandelt. Binnen weniger Sekunden habe er in eine lebensgefährliche Situation eingreifen müssen. Okaz hatte in dem Moment gerade das Messer am Griff gehalten, W. die Hand an der Klinge. So sei der Beamte irrtümlich davon ausgegangen, Okaz sei der Angreifer. Man könne dem Polizisten daher weder wegen einer vorsätzlichen noch wegen einer fahrlässigen Körperverletzung einen Vorwurf machen.

„Mein Mandant und ich sind erleichtert“, sagte Rechtsanwalt Reinhold Stanitzek aus Bad Hersfeld gestern gegenüber der SZ. Er habe am 23. Dezember den erlösenden Anruf der Dresdner Staatsanwaltschaft bekommen und sofort den Polizisten, der in einer Einheit in Chemnitz stationiert ist, informiert. Die Ermittlungen hätten den Mann belastet, so Stanitzek.

Polizist war zufällig vor Ort

Der Polizeihauptkommissar war zufällig im Landgericht, um als Zeuge im Saal 5 auszusagen. Plötzlich wurde er von Kollegen um Hilfe gerufen, weil er eine Pistole trug. Als der Polizist zusammen mit Kollegen und Justizbediensteten in den Saal 10 stürmte, lag die schwangere Marwa El-Sherbini bereits im Sterben – unter sich ihr drei Jahre alter Sohn. Daneben kämpften Okaz und Alex W. um das Messer. Der Beamte habe mehrfach den Gebrauch seiner Waffe angedroht und dann geschossen. Erst nach dem Schuss ließen die Männer voneinander ab und W. wurde überwältigt.

Der Russlanddeutsche W. hatte am Tattag vor Gericht gestanden, weil er die Ägypterin beleidigt hatte. In dem Berufungsprozess stach er plötzlich auf die Zeugin und ihren Ehemann ein – eine geplante Tat. Im November wurde er wegen Mordes und versuchten Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Eines seiner Motive war sein Hass auf Muslime.