SZ + Radebeul
Merken

Spürnasen im Kampf gegen die Schweinepest

Im Friedewald bei Moritzburg werden Hunde für die Suche nach Wildschweinkadavern ausgebildet. Der Bedarf groß ist.

Von Sven Görner
 5 Min.
Teilen
Folgen
Die Deutsch-Drahthaar-Hündin Frieda hat das in einer der Kisten versteckte Stück eines Wildschweins aufgespürt und zeigt ihrem Herrchen Jens Koch den Fund an.
Die Deutsch-Drahthaar-Hündin Frieda hat das in einer der Kisten versteckte Stück eines Wildschweins aufgespürt und zeigt ihrem Herrchen Jens Koch den Fund an. © Arvid Müller

Moritzburg. Das ältere Ehepaar, das auf dem Königsweg in der Nähe des Moritzburger Schlosses durch den Wald läuft, bleibt stehen. Die vielen Autos und Hunde machen sie neugierig. „Wird hier heute gejagt“, will der Mann wissen. Und fragt gleich noch etwas besorgt: „Müssen wir aufpassen?“

Doch Andreas Kiefer, der in einer schwarzen Vliesjacke mit Bundespolizei-Emblem und einem kleinen gestickten Pfotenabdruck auf der Wegkreuzung steht, kann die beiden Spaziergänger beruhigen. „Wir bilden hier nur Kadaversuchhunde aus“, sagt der Mann. Das Paar ist beruhigt und läuft weiter.

Unterdessen haben sich Jens Koch und seine Hündin Frieda vor einer auf dem Weg aufgebauten Reihe mit verschlossenen Holzkisten positioniert. Auf ein Kommando des Mannes aus dem Erzgebirge läuft die Deutsch-Drahthaar-Hündin los. Recht zügig, ohne mit ihrer Nase viel an den Kisten zu schnüffeln. Doch plötzlich bleibt sie stehen und setzt sich neben einen der äußerlich identischen Kästen. Jens Koch geht zu seiner Frieda, lobt sie und öffnet den Deckel.

Während die anderen Kisten leer sind, befindet sich in dieser ein Stück eines erlegten Wildschweins. Koch, der von Beruf Landwirt ist, lobt seine Hündin und holt einen Ball heraus. Zur Belohnung darf Frieda damit kurz spielen.

Doch der Ball ist mehr als ein Spielzeug. Er spielt eine wichtige Rolle bei der Ausbildung der Hunde, verrät Andreas Kiefer. Der Polizeihauptkommissar ist Diensthundelehrer und bildet eigentlich Sprengstoff- und Spezialhunde aus. Doch seit drei Jahren hat sich der Saarländer nun auch der Ausbildung von Hunden und ihren Haltern für die Suche nach toten Wildschweinen verschrieben. Erst in seinem Heimatbundesland, dann in Mecklenburg-Vorpommern.

Nicht jeder Jagdhund ist geeignet

Die Fallwildsuche ist neben dem Zaunbau und einer intensiven Bejagung ein wichtiges Element, um die Afrikanische Schweinepest (ASP) zu bekämpfen. Tote Wildschweine stellen starke Infektionsherde dar, über die sich andere Wildschweine immer wieder neu anstecken können.

Nach dem ersten Auftreten, der für Menschen ungefährlichen, für Schweine aber meist tödlichen Seuche vor gut einem Jahr in Ostsachsen, hatte der Freistaat zunächst auf Suchtrupps aus anderen Bundesländern gesetzt. Erst im Sommer bildete Kiefer die ersten acht Suchhunde in Sachsen aus. „Das ist jetzt der zweite Lehrgang mit 15 Teilnehmern“, sagt der Mann von der Bundespolizei. Mit den Funden bei Radeburg Mitte Oktober und den jüngsten bei Schönfeld und Sacka ist das gefährdete Gebiet nun deutlich größer geworden, die Suche damit aufwendiger. Zudem hat Mecklenburg-Vorpommern seit der vergangenen Woche nun selbst seine ersten ASP-Fälle. Andreas Kiefer geht daher davon aus, dass der aktuelle Ausbildungslehrgang vermutlich nicht der letzte in Sachsen sein wird.

Beworben hatten sich für diesen 60 Halter mit ihren Hunden. „Geeignet sind vor allem Rassen, die bei der Jagd als Vorstehhunde eingesetzt werden“, so der Ausbilder. Aber auch Dienstgebrauchshunderassen. Doch die Rasse alleine genügt nicht. Im Wildgehege hatte Andreas Kiefer Anfang November zunächst ein Eignungsverfahren durchgeführt. „Wichtig ist, dass die Hunde von ihren Haltern jederzeit abrufbar sind. Vor allem auch, wenn diese auf lebende Tiere stoßen.“ Ob Wildschweine oder andere, sei dabei völlig egal. Das mit den Hunden direkt in Wildschweingattern zu üben, so wie das in Brandenburg gemacht wird, ist nach Kiefers Erfahrung nicht erforderlich.

Das Wildgehege habe er daher auch nicht vorrangig wegen der damals noch lebenden Schweine gewählt, sondern weil dort sehr viele Tiere und damit auch unterschiedliche Gerüche sind, durch die die Hunde angezogen oder abgelenkt werden könnten. Am Ende hielt der Ausbilder 20 der 60 vorgestellten Vierbeiner als geeignet für die Ausbildung, von denen nun 15 einen Platz in dem aktuellen Lehrgang bekamen. Insgesamt dauert die Ausbildung rund 30 Tage.

Pudelpointer Fredi sucht im Wald nach einem dort versteckten Stück eines Wildschweines.
Pudelpointer Fredi sucht im Wald nach einem dort versteckten Stück eines Wildschweines. © Arvid Müller
Auch er ist bei der Sucher erfolgreich und darf zu Belohnung mit seinem Ball spielen.
Auch er ist bei der Sucher erfolgreich und darf zu Belohnung mit seinem Ball spielen. © Arvid Müller
Im Moritzburger Staatswald findet derzeit der zweite Lehrgang in Sachsen zur Ausbildung von Hunden zur Fallwildsuche zur Eindämmung der Afrikanischen Schweinepest statt.
Im Moritzburger Staatswald findet derzeit der zweite Lehrgang in Sachsen zur Ausbildung von Hunden zur Fallwildsuche zur Eindämmung der Afrikanischen Schweinepest statt. © Arvid Müller

„Am Anfang wird mit einem Spielzeug trainiert“, erklärt Andreas Kiefer. Hier kommt also wieder Friedas Ball ins Spiel. Die Hunde nehmen den Geruch des Spielzeugs auf, das sie dann in den Holzkisten suchen und finden müssen. „Zunächst bleiben die Deckel ganz offen, dann nur noch einen Spalt und schließlich werden sie geschlossen“, sagt der Ausbilder. Klappt das, kommt zu dem Ball der Geruch vom Schwein dazu. Schließlich wird der Ball weggelassen und der Hund ist nun auf den Wildschweingeruch konditioniert. Ist er erfolgreich bei der Suche - ob in den Kisten oder in weiteren Ausbildungsstufen im Gelände - bekommt er das Spielzeug zur Belohnung. „Dass ihre Hunde bei der Ausbildung spielen sollen, war für die meisten Halter, alles Jäger, am Anfang ziemlich gewöhnungsbedürftig, sagt der Bundespolizist und schmunzelt dabei.

Die Konditionierung der Hunde für die Suche nach Wildschweinkadavern sei im Vergleich zur Ausbildung von Sprengstoffhunden dennoch relativ leicht. Beim Sprengstoff gebe es 22 Geruchssäulen. „Hier ist es nur eine. Zwar treffen die Hunde auf die Kadaver in verschiedenen Stadien der Verwesung, aber es sind eben dennoch immer Wildschweine.“

Suche bei jedem Wetter und in jedem Gelände

Die Herausforderung bei der Fallwildsuche sei eine andere. „Die Gespanne müssen im Einsatz an einem Tag ein 40 bis 60 Hektar großes Gebiet absuchen. In diesen acht Stunden kommen für die Hunde um die 20 Kilometer und für die Hundeführer 12 bis 15 Kilometer zusammen“, sagt der Ausbilder. Bei jedem Wetter und nicht selten in unwegsamem Gelände, wobei Brombeeren und Schilf besondere Herausforderungen darstellen. Doch gerade in letzteres zieht sich das Schwarzwild gern zurück.

Für das Training im Gelände wurden im Moritzburger Staatswald für die Teilnehmer 16 Suchlagen abgesteckt. „Insgesamt haben wir so ein Areal von gut 50 Hektar zur Verfügung“, sagt Andreas Kiefer.

Anders als etwa Schweißhunde bei der Jagd oder Fährtenhunde können die Kadaversuchhunde keine Spur verfolgen. Sie müssen den Geruch des toten Wildschweins aus der Luft herausholen und ihm dann so bis zur Quelle folgen.

So wie Fredi. Der Pudelpointer hat in einer der Suchlagen im Wald gerade das dort ausgelegte Stück Wildschweindecke aufgespürt, sich ganz ruhig daneben gelegt und wartet nun auf sein Herrchen Chris Herrmann.