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Moskauer Mogelpackung

Auf der Cockerwiese gastiert ein Zirkus. Sein Name weckt bei einigen falsche Erwartungen an das Programm.

© Sven Ellger

Von Nora Domschke

365 Tage für Patienten da

Die Dresdner City-Apotheken bieten mehr, als nur Medikamente zu verkaufen. Das hat auch mit besonderen Erfahrungen zu tun. Was, wenn Sonntagmorgen plötzlich der Kopf dröhnt oder die Jüngste Läuse mit nach Hause gebracht hat?

Der Moskauer Circus verspricht viel: ein Feuerwerk der Sensationen, Künstler mit phänomenalen artistischen Fähigkeiten, 100 Minuten Power-Programm mit Extremtalenten. So wirbt das Unternehmen mit Sitz im bayerischen Senden auf seiner Internetseite für das Programm. Kann der Zirkus seine Versprechen halten?

Was im Zelt geboten wird, enttäuscht indes viele Besucher. © Sven Ellger

An diesem Dienstagnachmittag sitzen mehrere Hundert Besucher im großen Zelt auf der Cockerwiese. Vor allem die Kinder warten gespannt auf die ersten Kunststücke. Den Auftakt macht Leila am Seil in der Zeltkuppel. Mit etwas üppiger Leibesfülle verkörpert sie nicht gerade die typische Akrobatin. Obwohl sie ohne Netz turnt, kommt wenig Spannung auf. Zu einfach sind die Kunststücke, die sie zeigt. Auch bei den folgenden Nummern – Balanceakt auf Rollen, eher einfache akrobatische Einlagen eines jungen Pärchens, Messerwerfen – bleiben Laute des Staunens im Publikum aus. Enttäuschend ist auch der Auftritt einer Seiltänzerin. Die junge Frau läuft mehrmals hin und her, kniet sich aufs Seil. Ein Sprung oder andere spektakuläre Aktionen – Fehlanzeige. Was die Besucher wirklich begeistert, sind die Slapsticknummern von Clown Gagik.

Auch Karla Herrmann hatte sich auf außergewöhnliche Darbietungen gefreut. Die Rentnerin aus Coswig besuchte mit ihrer sechsjährigen Enkeltochter den Zirkus gleich am 14. Juli, dem Eröffnungstag. Auf die Vorfreude folgte Ernüchterung. „Was wir da geboten bekamen, war unterstes Niveau und Anfängerakrobatik“, so ihr Fazit. „Wir gehen in jeden Zirkus rund um Dresden und sind noch nie enttäuscht worden“, schreibt Karla Herrmann an die Sächsische Zeitung. Doch nicht nur die Kunst lasse im Moskauer Circus zu wünschen übrig. Auch die horrenden Eintrittspreise und lediglich zwei Dixi-Toiletten für alle Gäste ärgerten die Besucherin.

Der Dresdner Michael Goerke formuliert seinen Ärger noch drastischer: „Ich war wütend und traurig, als ich feststellte, dass der Moskauer Circus aus Bayern ist.“ Dabei würden der kyrillische Schriftzug „Großer Moskauer Zirkus“ und das Plakat, das die Basilius-Kathedrale am Roten Platz zeigt, den Eindruck erwecken, das Zirkusunternehmen komme tatsächlich aus Russland. „Mit diesem Etikettenschwindel werden die Dresdner hinters Licht geführt und emotional verletzt.“ Den Unterschied zum weltberühmten Original, dem „Großen Moskauer Staatszirkus“, macht nur ein kleines Wort aus. Er ist einer der beiden stationären Zirkusse in der russischen Metropole. Ist das Ensemble für Gastspiele im Ausland unterwegs, nennt es sich „Großer Russischer Staatszirkus“. 2012 gab es die letzte Deutschland-Tournee mit dem berühmten Clown Oleg Popov. Beim Moskauer Circus aus Bayern heißt der Clown Gagik. In der Rolle von Charly Chaplin ist der Armenier zwar seit vielen Jahren im Geschäft, doch auch seine Nummern können nicht verhindern, dass viele Dresdner enttäuscht sind. Schon beim Verlassen des Zeltes beschweren sich einige über den teueren Eintritt. Eine Seniorin ist mit ihrer Schwiegertochter und den beiden Enkelkindern auf der Cockerwiese. „Ich habe drei Jahre in Moskau gewohnt und den echten Staatszirkus gesehen. Da liegen Welten dazwischen.“ Ihre Schwiegertochter empfindet die Preise für Getränke und Zuckerwatte als Abzocke. Die vier Dresdner haben insgesamt knapp 100 Euro bezahlt. „Was uns geboten wurde, erwarte ich in einem kleinen Familienzirkus, bei dem ich acht Euro Eintritt bezahle“, sagt die Mutter.

Zirkusdirektor Orlando Frank kann die Verwirrung um den Namen indes nicht verstehen. „Wir werben ja nicht mit Staatszirkus“, sagt er. Das war allerdings nicht immer so. Am Kassenhäuschen hängt ein Plakat von einer Tournee in den Niederlanden. Geworben wird mit „Staatscircus van Moskou“. Wie der Südkurier aus Konstanz im Januar 2014 berichtet, gab es sogar Gerichtsverfahren um Namensrechte.

Von denen hat auch Dresdens Zirkusexperte Mario Müller-Milano gehört. Konkreter will er sich über den Moskauer Circus öffentlich nicht äußern. Nur soviel: Verärgerte Besucher schaden dem Ruf der Branche. „Diese Leute gehen nie wieder in den Zirkus.“ Und er benennt ein grundlegendes Problem in Deutschland: Es gibt zu viele Unternehmen, knapp 400 Zirkusse sind es derzeit. Weil es keinen Zirkusverband gibt, fehlen aber Kontrollen. Noch vor einigen Jahren hat zumindest in Dresden eine Kommission von Experten geprüft, welcher Zirkus Qualität bietet und nur diesen auch zugelassen. „Jetzt entscheidet das die Stadtverwaltung selbst“, sagt Müller-Milano, der mit dem Gedanken spielt, einen Zirkusdirektorenverband zu gründen. Denn die Kommission gibt es nicht mehr. Der Deutsche Schaustellerbund, der das Zirkusgewerbe vertritt, fühlt sich nicht zuständig. „Wir kümmern uns nur um Volksfeste“, heißt es aus der Pressestelle.

Müller-Milano führt selbst vier Zirkusse. Er kennt die große Konkurrenz, aber auch die Kosten, die mit diesem Geschäft verbunden sind. Damit rechtfertigt auch der Moskauer Circus seine Eintrittspreise: Für Werbung, Strom, Wasser und Platzmiete fielen in Dresden 25 000 Euro an, sagt Orlando Frank. Dazu kommen Personalkosten. Die 1 200 Sitzplätze seien nur selten alle besetzt – auch, weil er seit 2016 keine Tiger und Löwen mehr im Programm hat. Die Proteste von Tierschützern seien im vergangenen Jahr einfach zu groß gewesen.

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