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Motiv „dumpfer Ausländerhass“

Zwei Brüder sollen nachts eine 20-jährige Frau zusammengeschlagen und beleidigt haben. Sie stammt aus Eritrea.

© SZ

Von Alexander Schneider

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Die Dresdner City-Apotheken bieten mehr, als nur Medikamente zu verkaufen. Das hat auch mit besonderen Erfahrungen zu tun. Was, wenn Sonntagmorgen plötzlich der Kopf dröhnt oder die Jüngste Läuse mit nach Hause gebracht hat?

Knapp zwei Monate fahndete die Polizei nach zwei Männern, die Ende Oktober eine 20-jährige Asylbewerberin aus Eritrea in Leuben niedergeschlagen haben sollen. Erst als ein Foto einer Überwachungskamera in einer Straßenbahn veröffentlicht wurde, meldete sich einer der Gesuchten telefonisch bei der Polizei. Er sei von seinen Kunden darauf „aufmerksam“ gemacht worden, sagte Marcel M. (30), habe mit dem „Sachverhalt“ allerdings nichts zu tun. Bei dem zweiten Gesuchten handele es sich um seinen jüngeren Bruder Maik. Später rief Marcel nochmals bei der Polizei an und klagte über das veröffentlichte Foto. Das sei schlecht für sein Geschäft.

Der 25-jährige Maik M. war nicht leicht zu fassen. Seit 11. Januar sitzt er in Untersuchungshaft. Der Mann ist obdachlos, mehrfach vorbestraft, Bewährungsbrecher und hatte noch weitere Verfahren offen – wegen Körperverletzung.

Am Donnerstag hat der Prozess gegen die Brüder vor dem Amtsgericht Dresden begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft Maik und Marcel M. gefährliche Körperverletzung, Beleidigung und Sachbeschädigung vor. Laut Anklage haben sie drei junge Frauen aus Eritrea und einen Syrer an der Haltestelle „Abzweig Reick“ provoziert. Sie sagten demnach „Ausländer sind scheiße“, machten ihnen deutlich, ihnen die Kehle durchschneiden zu wollen und dergleichen mehr. Als die Asylbewerber geflüchtet seien, habe einer der Brüder eine 20-Jährige zu Boden gerissen und sie getreten. Auch der andere habe auf das Opfer am Boden eingetreten. Beide seien zudem auf das Handy der Frau gestampft, um es zu zerstören. Anschließend sollen sie die anderen verfolgt, aber nicht mehr erreicht haben. Als Tatmotiv nannte der Staatsanwalt dumpfen Ausländerhass.

Darüber hinaus hat Maik M. im August 2016 einen Tunesier in einer Straßenbahn ins Gesicht geschlagen und ihn angespuckt. Zusammen mit anderen habe er den Nordafrikaner beleidigt und versucht, ihm seinen Rucksack abzunehmen. Bereits im März 2016 hat Maik vor einer Fahrschule in der Breitscheidstraße einen Mann geschlagen und mehrere Fahrschüler bedroht: „Ich bring euch alle um!“ In einer weiteren Anklage wirft die Staatsanwaltschaft dem 25-Jährigen vor, im November 2015 in Königstein einen Mann geschlagen zu haben, nachdem Maik M. aus einem Asia-Imbiss geworfen worden war.

Maik M. ist ein kräftiger, großer Kerl. Er trug ein T-Shirt, auf dem groß „Yakuza“ stand, der Begriff steht für die japanische Mafia – und wird gerne in der rechten Szene getragen. Der 25-Jährige ist mehrfach vorbestraft, darunter Körperverletzung, Raub und das Verwenden von Nazi-Symbolen. 2011 hat er eine Jugendstrafe von zweieinhalb Jahren abgesessen, anschließend eine Drogentherapie gemacht. Er hatte jahrelang Crystal genommen.

Nach einem längeren Rechtsgespräch mit den Verteidigern und dem Staatsanwalt stellte das Schöffengericht Maik M. für ein detailliertes Geständnis eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren und zehn Monaten und die Einstellung der Sache aus Königstein in Aussicht. Danach ließ der Angeklagte seinen Verteidiger Michael Sturm mitteilen, er räume die Vorwürfe „vollumfänglich“ ein. Maik M. selbst sagte keine einzige Silbe zu den Angriffen auf die Ausländer. An die Sache vor der Fahrschule habe er keine Erinnerung. Er sei zu betrunken gewesen. Der Vorsitzende Richter Markus Maier sagte, er komme nicht umhin, einige Zeugen zu hören, um das Geständnis zu überprüfen. Er hätte gerne mehr von Maik erfahren, um zumindest einigen Zeugen ein Erscheinen zu ersparen.

Katja Reichel, die Verteidigerin von Marcel M., sagte, ihr Mandant habe mit dem Vorwurf nichts zu tun. Der 30-Jährige ist nicht vorbestraft. Er hatte zuletzt als Gebäude- und Glasreiniger gearbeitet, im November habe er das Gewerbe aufgegeben – aus gesundheitlichen Gründen. Das war offensichtlich noch bevor öffentlich nach ihm gefahndet wurde. Der Prozess wird fortgesetzt. Kommende Woche sollen die Asylbewerberinnen vernommen werden.