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Mr. Amazon schockt Enthüller

Online-Milliardär Jeff Bezos kauft sich mal eben die Traditionszeitung Washington Post. Die Branche hält den Atem an.

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© action press

Von Andrej Sokolow und Daniel Schnettler

Dieser Sommer wird in die Geschichte der amerikanischen Medien eingehen. Innerhalb weniger Tage wechselten drei Ikonen der Branche den Besitzer: Newsweek, Boston Globe, Washington Post. Vor allem der Käufer des Traditionsblattes aus der US-Hauptstadt erregte Aufsehen: Jeff Bezos, Multi-Milliardär und Gründer des Online-Händlers Amazon. Der 49-Jährige leistet sich die „Post“ – die mit der Aufdeckung des Watergate-Skandals Anfang der 1970er-Jahre Furore machte – für 250 Millionen Dollar in bar als Privatmann.

Sind die Tech-Mogule die Ölbarone der heutigen Zeit, die eben mal einige Millionen für eine Zeitung hinblättern können? An den Gedanken muss man sich erst einmal gewöhnen. Kauft jetzt vielleicht auch noch Apple die New York Times, die letzte große US-Zeitung im Besitz ihrer Verlegerfamilie?

Der Amazon-Chef als Zeitungsbesitzer – das birgt viel Raum für potenzielle Interessenskonflikte. Amazon ist schon oft angeeckt: Sei es der gnadenlose Preiskampf mit dem traditionellen Einzelhandel, seien es die allzu kreativen Steuermodelle oder die Arbeitsbedingungen in den riesigen Warenlagern. Angesichts der Bedenken beeilte sich Bezos, ein klares Bekenntnis zur redaktionellen Unabhängigkeit der Washington Post abzugeben. Die Zeitung werde weiterhin den Lesern und nicht den privaten Interessen seiner Besitzer dienen, versicherte er. „Wir werden der Wahrheit folgen, wohin auch immer das führen mag. Und wir werden hart daran arbeiten, keine Fehler zu machen.“ Zugleich zeigte Bezos in einem Brief an seine neuen Angestellten Verständnis dafür, dass manche die Nachricht mit Sorge aufgenommen haben dürften. Immerhin sagte er im November in einem Interview: „In zwanzig Jahren wird es keine gedruckten Zeitungen mehr geben.“ Gedruckte Zeitung sei ein Luxusartikel. Wie stark sich Bezos bei der Washington Post einbringen wird, ist unklar. Aber er ließ seine neuen Angestellten sofort wissen: „Ich werde die Washington Post nicht im Tagesgeschäft führen.“ Zugleich kündigte er Veränderungen an: Durch das Internet sei alles im Wandel, und es gebe keine Landkarte für die Zukunft. „Wir werden experimentieren müssen.“

Bei der Washington Post schrieb Don Graham, der als Spross der bisherigen Eigentümerfamilie die schwierige Entscheidung traf, es sei letztlich eine Wahl zwischen immer weiteren Sparmaßnahmen und dem Verkauf an Bezos gewesen. Die Washington Post konnte – wie auch andere US-Blätter – den Umsatzrückgang durch den Abfluss von Anzeigen ins Internet nicht auffangen. Beim Online-Netzwerk Twitter machten nach Bekanntwerden des Deals sofort Scherze die Runde, etwa ob Bezos wie bei seinem Online-Kaufhaus mit einem Klick und kostenloser Lieferung zugeschlagen habe. Oder es hieß in Anlehnung an die üblichen Amazon-Werbemails: „Auf Basis ihrer bisherigen Käufe könnten für Sie folgende Artikel interessant sein: Los Angeles Times, Orlando Sentinel, Newsweek.“ Es dominierte jedoch eine Stimmung der Ratlosigkeit. Ungläubiger Ratlosigkeit.

Bezos wird zeigen müssen, ob er seine Erfahrung als Internet-Innovator auf dem neuen Feld anwenden kann. Ausreichend Kreativität und langen Atem hat er ja. So hat er nicht nur im Alleingang den Versandhandel neu erfunden, sondern auch einen Teil seines 28,2 Milliarden Dollar schweren Privatvermögens in das Raumfahrtunternehmen Blue Origin gesteckt, das an einem bemannten Raumschiff arbeitet. Keine Investition, die schnelles Geld abwirft, wenn überhaupt. Und auch bei Amazon setzt er mehr auf Wachstum als auf Gewinn. Der unprätentiöse zierliche Mann, dessen Markenzeichen ein schallendes Lachen ist, kann hart sein. „Es ist unser Job, den Kunden den besten Preis und den besten Service zu bieten. Die Kunden entscheiden, wo sie kaufen, nicht wir“, sagte er einmal auf die Frage nach den Branchen, die Amazon umpflügt. Wachstum geht Bezos erst mal vor Gewinn: Bis heute ist der Riese Amazon – anders etwa als Apple – nicht besonders profitabel. Der Börsenkurs zeigt dennoch stetig nach oben.

Bezos‘ Führungsstil bei Amazon ist so eigenwillig wie kontrovers. Man erzählt, er lasse in Besprechungen oft einen Stuhl frei – für den imaginären Kunden. In den klammen Anfangsjahren wurden kurzerhand Türen zu Schreibtischen unfunktioniert, Top-Manager müssen alle paar Jahre an die Telefon-Hotline. Bezos, der als Kind viel Zeit auf der Ranch seines Großvaters in Texas verbrachte, gründete Amazon 1994. Inzwischen ist es der weltgrößte Online-Einzelhändler. „Ich habe in meinen Jahren im Geschäft gelernt, dass es am Gefährlichsten ist, sich nicht von den anderen zu unterscheiden“, sagte Bezos. (dpa/SZ)