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Mr. Spotify geht an die Börse

Daniel Ek durchlebte früh eine Sinnkrise. Heute ist er ein geerdeter Milliardär in der glamourösen Musikbranche.

© dpa

Von André Anwar, SZ-Korrespondent in Stockholm

Seit Dienstag ist die Spotify-Aktie an der New Yorker Börse erhältlich. Wenn er wollte, dürfte der Gründer des weltgrößten Musikstreamingdienstes, Daniel Ek, nun einen begrenzten Teil seiner privaten Aktien verkaufen. Die würden ihm auf einen Schlag je nach Kurs bis zu 2 Milliarden Dollar (1,6 Milliarden Euro) einbringen. Doch Materielles ist ihm nicht so wichtig, sagt er gern, und man glaubt ihm sogar.

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In der übersichtlichen Stockholmer Geschäftswelt hat fast jeder den inzwischen 35-Jährigen schon mal getroffen. Er ist durch und durch Schwede, zurückhaltend, hört aufmerksam zu, ist selbstkritisch, will dazulernen. Im unscheinbaren Spotify-Hauptquartier auf dem hässlicheren Teil der Birger Jarlsgatan steht er auch brav hinten an bei der Kaffeemaschinenschlange. Er will nicht nur Geld verdienen, sondern auch Zeit haben für seine Kinder und seine Frau Sofia, die sich einst als Schauspielerin in Seifenopern versucht hatte.

Im Alter von drei bis vier Jahren legten die Eltern den Grundstein seiner Karriere. Sie kauften ihm eine Gitarre und einen Computer. Er spielte in Bands und programmierte zunächst Spiele. Nach Bestnoten an einem IT-College ging er an die Königliche Technische Hochschule, brach dort aber ab, als er merkte, dass die Ausbildung zu theoretisch ist.

Gleichzeitig liefen seine IT-Projekte und eine Anstellung bei Tradedoubler, einer Marketingfirma in Stockholm, wie am Schnürchen. Mit 23 war er bereits so reich, dass er nicht mehr arbeiten musste. Ziel erreicht. „Ich hatte dann ein Jahr lang viel Spaß, ich war viel im Nachtleben am Stureplan und versuchte, die Mädchen zu kriegen, die ich früher nie bekommen konnte. Aber das hielt nicht lange. Die waren eigentlich nicht an mir interessiert, sondern nur an meinem Geld und Status“, sagte er offen dem Sender TV4.

Musik mieten statt sie zu besitzen

„Das war kein Leben für mich. Ich wurde extrem deprimiert“, sagte er einmal. „Ich überlegte, ob ich überhaupt weiterleben möchte“, berichtete Daniel Ek. „Ich brauchte einen Sinn, wollte irgendwo dazugehören“, sagte er im schwedischen Radio und in TV4. Daraufhin verkaufte er seine große Stadtwohnung samt rotem Ferrari Modena und zog ins 29 Quadratmeter große Sommerhäuschen seiner Eltern vor Stockholm. Dort brütete er einen düsteren Winter lang.

Ek war selbst mit den illegalen Musikdownloadseiten wie der schwedischen Piratebay aufgewachsen. Die hatten erreicht, dass die Musikbranche mittelfristig vor dem Bankrott stand. Ek kam die Idee, einen Streamingdienst zu gründen. Statt wie bislang Musik zu „besitzen“, sollte es in Zukunft ausreichen, sie „anzumieten“.

Die Smartphone-Revolution passte perfekt in dieses Konzept. Ek kannte den Multimillionär Martin Lorentzon noch von seiner Zeit bei Tradedoubler. 2006 gründeten sie gemeinsam Spotify. Von großen Plattenfirmen wurden sie abserviert. Doch die beiden blieben hartnäckig, bis sie Lizenzvereinbarungen mit allen großen und kleineren Plattenfirmen sowie Musikverlagen in der Tasche hatten. Die wurden am Umsatz beteiligt, die großen Plattenfirmen bekamen auch einen kleineren Firmenanteil von Spotify. 2008 wurde Spotify dann lanciert. Ek sei „der wichtigste Mann im Musikgeschäft“, schrieb das Magazin Forbes bereits 2012.

Heute wird Ek wohl zu Recht als vorläufiger Retter der Musikindustrie bezeichnet. Auch wenn Apple Music ihm inzwischen viel Konkurrenz macht, bleibt Spotify der wesentliche Wachstumsmotor der Branche. Der weltgrößte, aber seit seinem Start nur rote Zahlen schreibende Musikdienst ist nun auch an die Börse gegangen, um sein Überleben im harten Konkurrenzkampf zu sichern.

Neben dem Lob der Plattenfirmen wurde Ek aber auch vorgeworfen, dass die Musiker selbst kaum etwas von dem Geldregen sehen würden. Viele bekannte Musiker wie Paul McCartney haben Spotify dafür öffentlich kritisiert. Seinem Erfolg hat das bisher keinen Abbruch getan.

35 Millionen Songs sind heute in der gigantischen Jukebox Spotify zu hören. 160 Millionen Kunden weltweit hat der Dienst, 71 Millionen davon nutzen die werbefreie Bezahlversion für rund 10 Euro im Monat. Der Umsatz stieg im letzten Jahr um 39 Prozent auf 4,1 Milliarden Euro.