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Murmel-Mania im Museum

Vor zwei Jahren kamen mehr als 26 000 Besucher – nun kann an 22 neuen Bahnen gespielt werden.

© Claudia Hübschmann

Von Udo Lemke

Meißen. Was hat Schiller mit Murmelbahnen zu tun? Es ist weder überliefert, dass er eine hatte noch dass er eine gebaut hätte. Aber etwas Wesentliches dazu gesagt, warum unzählige Menschen vom Lauf der kleinen Kugeln fasziniert sind, das hat er: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Das heißt, dass der Mensch seine Fähigkeiten über das Spiel entwickelt, Erfahrungen machen kann, sein Denken schult und vor allem frei handeln kann.

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Sicher hat sich niemand der 26 000 Besucher, die zur Weihnachtsausstellung 2015/16 ins Meißener Stadtmuseum kamen, solche tiefschürfenden Gedanken gemacht. Aber gespielt haben sie alle – Großeltern mit ihren Enkeln, Eltern mit ihren Kindern und sogar ausgewachsene Männer. Seit Sonnabend besteht nun wieder die Möglichkeit dazu. Denn in der ehemaligen Franziskanerklosterkirche am Kleinmarkt hat Ortwin Grüttner 22 Murmelbahnen aufgebaut. Nicht eine davon ist schon in Meißen gewesen, erklärt er. So auch nicht die elf Meter lange Raftingbahn, bei der die Murmeln eine kleine Weltreise machen, etwa am Steinkreis von Stonehenge in England vorbei kommen – besser gesagt, in dessen Mitte verschwinden, einen antiken Tempel passieren oder eine mittelalterliche Burg.

„Wenn die Bahnen so gebaut werden, dass nie eine Kugel liegenbleibt, dann werden sie langweilig. Jede Ecke, jede Kante macht die Bahn interessanter, erhöht aber gleichzeitig auch das Risiko, dass eine Kugel liegenbleibt, oder herausspringt“, erklärt Ortwin Grüttner. Von Beruf Maschinenbau-Ingenieur, überlässt er trotzdem nichts dem Zufall. Das fängt bei den Glaskugeln an. Es sind handelsübliche, deswegen haben sie Abweichungen in der Größe. Ihr Durchmesser geht bis 17,5 Millimeter, die von Ortwin Grüttner müssen exakt 16,5 Millimeter im Durchmesser sein. Dann kennt er ihr Gewicht und kann all die Klappen, Hebel und Neigungswinkel danach ausrichten. „Dann müssen die Murmeln noch eine Teststrecke laufen, damit ich sehe, ob sie richtig rund laufen.“ Bei aller Exaktheit – Ortwin Grüttner entwirft seine Bahnen nicht am Reißbrett. Er baut vielmehr Ideen: „Man entwickelt mit der Zeit ein Vorstellungsvermögen, sodass man die Bahn schon einmal im Kopf durchspielen kann.“

Da muss ziemlich viel in den Kopf hineinpassen. Zum Beispiel besteht eine Bahn namens „Schaukelstuhl“ aus vielen kleinen Bahnen, wo die Kugel mal hoch mal runter läuft. Der Clou: Wenn man zwei Kugeln nebeneinander gleichzeitig loslässt, dann veranstalten sie ein Wettrennen. „Ich möchte Ihnen einmal Nemo zeigen“, sagt Ortwin Grüttner und führt zu einer kastenförmigen Bahn. Und dort sind dann drei Nemos zu sehen. In den Mäulern der beiden ersten Fische verschwinden die Kugeln, und der dritte spuckt sie alle wieder aus. Aber nicht einfach so, die Kugeln springen auf eine kleine Platte und von dort hoch auf eine kleine Plattform, bevor sie wieder verschwinden.

Museumsleiterin Martina Fischer erklärt sich die Anziehungskraft der Murmelbahnen auch damit, dass viele Ältere das Spiel mit Glas- oder Tonkugeln noch aus ihrer Kindheit kennen. Außerdem habe Mechanik immer etwas Faszinierendes, und nicht nur Kinder sind begeistert, wenn sie etwas ausprobieren, spielerisch erkunden können. Und auch der Museumsleiterin haben es die Murmelbahnen angetan: „Da steckt so viel Grips und Energie dahinter.“

Im Grunde genommen sind diese Holzbahnen mit ihren Glaskugeln ein Ausflug ins analoge Zeitalter, das wir mit unserer immer digitaler und virtueller werdenden Welt längst hinter uns gelassen zu haben glauben. Aber man braucht sich nur einmal ein paar Minuten in die Schau zu stellen und die Besucher zu beobachten, um zu sehen, dass sie Spaß haben, nicht an ein Display gebunden ist.

Die Ausstellung ist bis 4. Mai Di. - So. von 10 - 18 Uhr geöffnet, Stadtmuseum, Heinrichsplatz 3, 01662 Meißen.