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Museumspläne für das Ballonfahrer-Haus

Im ehemaligen Wohnhaus von Wilhelmine und Gottfried Reichard soll die Luftfahrtgeschichte lebendig werden.

© Andreas Weihs

Von Dorit Oehme

Freital. An der nahen Burgker Straße rauscht der Verkehr über die Weißeritzbrücke. Doch in der Freitaler Reichardstraße ist es ruhig. Ein Radfahrer biegt ein. Hier führt der touristische Weißeritzradweg entlang. Links liegt die Wilhelmine-Reichard-Siedlung. Eine Fassadenmalerei fällt auf. Die Wohnungsgesellschaft Freital (WGF) erinnert an eine große Luftfahrtpionierin. Bald ist das um 1820 erbaute Wohnhaus der Ballonfahrer Wilhelmine und Gottfried Reichard zu sehen. Nach ihnen ist die Straße benannt.

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So sah das ehemalige Wohnhaus von Wilhelmine und Gottfried Reichard im Juni 1999 aus. Matthias Schütze legt das Fachwerk an der Rückseite wieder frei.
So sah das ehemalige Wohnhaus von Wilhelmine und Gottfried Reichard im Juni 1999 aus. Matthias Schütze legt das Fachwerk an der Rückseite wieder frei. © privat

Matthias Schütze und Schwiegervater Wilhelm Bärtl stehen im Garten. Dem Berufsballonfahrer Schütze, der durch seinen roten Wilhelmine-Reichard-Ballon bekannt ist, gehört das Grundstück. Zum Eigentümer des geschichtsträchtigen Ortes wurde er per Zufall. 1998 warb der Freitaler Alt-SPD-Stadtrat Günther Siebert hier noch vor einem MDR-Kamerateam für eine Rettung des Hauses. „Zum Ballonfahrertreffen bekam auch ich einen Mitschnitt“, sagt Schütze. Der Abriss war geplant. Gutachten lagen vor. Er erwarb das Anwesen gerade rechtzeitig. „Mit der Sanierung alter Bausubstanz hatte ich Erfahrung. Als einstiger Fernmeldetechniker im Edelstahlwerk war mir Freital auch vertraut“, sagt der 64-Jährige.

Das Gelände glich einer Halde, der Keller war bis obenhin vermüllt. Familie und Freunde packten an, auch beim Bau. Eine Pappel war ins Dach gekracht. Sohn Thomas Schütze deckte es als junger Dachdecker authentisch mit alten Ziegeln ein. Matthias Schütze legte das Fachwerk unter dem Putz frei und fachte es neu aus. Die Bauarbeiten waren langwierig. Das Meiste bezahlte Schütze aus seiner Tasche. „Doch auch die Stadt Freital half finanziell.“ Im Juni 2002 endete die Sanierung, die Schwiegereltern zogen ein. „Dann kam die Augustflut. Es war ein schwerer Rückschlag.“

Nach den Strapazen steht in der Reichardstraße 9 nun das wahrscheinlich älteste erhaltene Gebäude der deutschen Luftfahrt. So manche originale Details hat Schütze wiederhergestellt oder nachempfunden. „Die alte Zeit wird lebendig“, sagt Dr. Heide Monjau. Sie hat in der Freitaler Frauengeschichtswerkstatt zu Wilhelmine Reichard und ihrem Mann geforscht. Die Kulturwissenschaftlerin hat in den 90er-Jahren auch eine dokumentarische Biografie über die erste deutsche Ballonfahrerin geschrieben.

Im April 1811 steigt Wilhelmine Reichard 23-jährig erstmals mit einem Freiballon auf. Ihr Mann Gottfried war studierter Chemiker. Er hatte den Gasballon konstruiert und gebaut und war mit ihm bereits 1810 gestartet. Mit 24 Jahren, als zweiter Deutscher. Beide stammen aus Braunschweig. Sie leben zunächst in Berlin, ab 1811 in Dresden. 1814 zieht das Ehepaar nach Döhlen. Der heutige Stadtteil ist damals ein Dorf. Das Ehepaar lebt in beengten Verhältnissen. Es hat drei Kinder.

1815 erhält Gottfried Reichard nach zwei Gesuchen die Konzession zum Aufbau einer chemischen Fabrik auf dem Gebiet des Kammergutes Döhlen. Das Geld fehlt vorerst. Wilhelmine erwirtschaftet es mit. 1811 war sie dreimal aufgestiegen. Dann pausierte sie – auch wegen der Napoleonischen Kriege und ihrer Folgen. Nun bestreitet sie von 1816 bis 1820 noch 14 Fahrten im In- und Ausland, die sie mit ihrem Mann als Einnahmequelle nutzt. Das Paar reist im Pferdewagen samt Technik zu den Aufstiegsorten. Bis zu 50 000 Zuschauer verfolgen die professionell und werbewirksam inszenierten Starts. Auch Fürsten, Könige und sogar der österreichische Kaiser schauen zu. Die Presse berichtet.

Ab 1821 baut Reichard seine Vitriolfabrik. Aus minderwertiger Steinkohle werden dort Schwefelsäure, Vitriolöl, Soda und andere Stoffe hergestellt. Es ist die einzige Fabrik ihrer Art in Sachsen. Reichard entwickelt sie zu einem Spitzenunternehmen und engagiert sich auch im Umfeld. Seine Ballonfahrerzeit beendet er erst 1835. 1844 stirbt er in Döhlen. Das achte und jüngste Kind der Familie ist gerade zehn Jahre alt. Seine Frau Wilhelmine stirbt vier Jahre später in Dresden.

Das Wohnhaus der Familie in der Reichardstraße 9 ist auch als Museumsort gedacht. Nach einem Wunsch gefragt, sagt Schütze: „Mit 71 habe ich mehr Zeit. Bis dahin kann ich als Berufsballonfahrer arbeiten.“ Er denkt darüber nach, einzelne Räume im Biedermeierstil einzurichten, wie es einst wohl war. „Auch eine kleine Ausstellung wäre eventuell möglich.“ Material wäre da. Kulturwissenschaftlerin Heide Monjau hat viele Unterlagen gesammelt, die teils im Dresdner Verkehrsmuseum untergebracht sind. Sie hat auch Kontakt zu den Nachfahren der Reichards in Deutschland, der Schweiz und Mexiko aufgebaut. Etliche von ihnen waren schon in der Reichardstraße 9.